na ja, das mit dem klassenwahlrecht des 19.jahrhunderts, nebst den daraus abgeleiteten schlussfolgerungen ist natürlich quatsch. solche äpfel-birnen vergleiche kommen auch hier in wien immer wieder ins gespräch ...

es ging allein darum ( habe ich schon geschrieben) ob jemand im netzkulturbereich tätig ist oder nicht. in jeder demokratie gibt es einschränkungen der wahzulassung, die jedoch immer auf einer tatsachenfeststellung beruhen sollten; z.b. wählen kann jeder, der das 18. lebensjahr vollendet hat. im netzkulturbereich ist eine tatsachenfeststellung nur teilweise, um nicht zu sagen schwammig möglich und es wird immer einen prozenzsatz an wertung dabei sein; aber zumindest eine annäherung an eine solche tatsachenfeststellung kann man versuchen zu erreichen. ganz klar eben nur eine annäherung und ganz klar: deshalb auch nur eine notlösung

der grund, warum das so gehandhabt wurde war schlichtweg die tatsache, dass es keine vorgaben sonstiger art geben sollte - im gegenteil; jede/r sollte netzkultur bzw netzkunst so betreiben und entwickeln können, wie er/sie es wollte. jede/r sollte so urteilen können, wie er/sie es für richtig hielt - sozusagen gewissensfreiheit für bewerberinnen aus der film-branche gibts einen eigenen fördertopf ebenso wie für bewerberinnen der freien theater etc. (bevor jetzt jemand aufschreit: kar, hier gibts in überschneidungen, hybridkonzepten etc. besonders spannende projekte; bei den teilnehmerinnen der mana community game wahl war z.b. auch der betreiber eines online- journals dabei)

um das nicht ins uferlose abgleiten zu lassen hänge ich einfach mal die spielregeln, wie ich sie entwickelt habe, in ihrer ursprungsfassung an.
es gibt dazu noch eine faq-list unter:
http://www.unet.univie.ac.at/~a9306158/MANA/MANA_GAME_FAQ_V3.pdf
durchgeführt wurde die wahl dann diesmal in einer vereinfachten form (mit papier und bleistift).
nachzulesen auf
http://media.dadaserver.com/manila/gems/mana/manainanutshell.pdf

christoph

- wechselstrom -



p.s.: das mit dem validierungsgremium war natürlich auch bei uns sehr umstritten. ich selbst bin hin und hergeschwankt - habe dann dafürgestimmt, jedoch unter der bedingung, dass selbst leute zugelassen werden, die beispielsweise so argumentieren: "ich bin lastwagenfahrer und bewege mich mit meinem truck durch das europäische strassen-netz (!), hin und her und kreuz und quer; deshalb bin ich netzkulturaktivist." wäre ich im validierungsgremium gesessen, dann wäre ich vielleicht mit meiner ansicht in der minderheit gewesen. so viel mir bekannt ist, hat das validierungsgremium von allen, die sich gemeldet haben 4 oder 5 personen nicht zugelassen.
der schlussbericht dazu ist noch ausständig.



 MANA Community Game




   Spielregeln







a. Jede/r, der/die sich der Netz-Community* zugehörig fühlt kann mitmachen. Durch das Einloggen erklärt er/sie seine/ihre Bereitschaft, einen Beitrag zur Netzkultur zu leisten und ist somit sowohl entscheidungs- als auch empfangsberechtigtes Mitglied der Netzkultur Wiens und des damit verbundenen Förderbereichs Network Grants.



b. Es gibt über das Jahr verteilt 2 Spielzyklen (April und September/Oktober) zu jeweils 3 Spielen, wobei jeder Zyklus 1 Monat dauert.



c. Jedes Spiel dauert 5 Tage (Montag bis Freitag). Die jeweils 3 Spiele werden in unmittelbarer Folge durchgeführt. Am Ende des 3. Spiels gibt es noch eine Woche zur Kooperationsfindung.

(siehe auch weiter unten, Regel n.)



d. Entsprechend der Menge der zu verteilenden Fördermittel wird unter allen TeilnehmerInnen eine Anzahl von Punkten verteilt, in der Mengenverteilung nach der Gauß´schen Glockenkurve und in der Zuordnung nach dem Zufallsprinzip.



e. Jede/r einzelne TeilnehmerIn kennt nur die Menge der Punkte, die ihm/ihr selbst zugewürfelt wurden und die Gesamtzahl der Punkte, die zur Verteilung gekommen sind.



f. In einem zweistufigen Prozess wird zunächst das Ungleichgewicht der Punkte ausgeglichen (am Ende dieses Umverteilungsprozesses haben alle die gleiche Punkteanzahl) und danach (zweite Stufe) verfallen alle Punkte in gleichmäßigen Schritten und wandern zurück in den gemeinsamen Topf. Die erste Stufe (Umverteilungsprozess) dauert 4 Tage, die zweite Stufe (Verfallsprozess) dauert 1 Tag. Die in den gemeinsamen Topf zurückgefallenen Punkte werden in der nächsten Spielrunde mitausgelost. (Methode des Umverteilungs- und Verfallsprozess: siehe Mana-Community-Game: FAQ-Liste)



g. Ziel des Mana Community Games ist es diesen softwaregesteuerten Umverteilungs- und Verfallsprozess entgegenzuwirken. Dies kann nur dadurch geschehen, dass die Punkte, die einem/r TeilnehmerIn zugewürfelt wurden, einem/r Anderen übertragen werden. Dieser Transferprozess führt dazu, dass die Punkte einen Marker bekommen und sie dann nicht mehr dem Umverteilungs- und Verfallsprozess unterliegen. Sie landen auf dem Konto des/r Empfängers/in und können am Ende des Spiels von diesem/r in Fördergeld eingetauscht werden.



h. Transferprozesse sind für alle TeilnehmerInnen einsehbar; sowohl der Kontostand (Anzahl der markierten Punkte, die jemand hat) als auch die Quelle (= PunktegeberIn).



i. Die Anzahl der Transferprozesse ist auf 5 Transfers pro 15 Minuten begrenzt. Die Anzahl bzw. Stückelung der transferierten Punkte ist im Rahmen einer ganzzahligen Menge frei.



j. Bei einem Transferprozess können sowohl unmarkierte als auch markierte Punkte überwiesen werden.



k. Es ist möglich, dass sich TeilnehmerInnen im gegenseitigen vereinbarten Tausch (oder auch nach dem Ringtauschprinzip) Punkte gutschreiben, um diese zu markierten EigentümerInnen-Punkten zu machen. Auch solche Transferprozesse sind von allen MitspielernInnen einsehbar.



l. Die Gründe für die Vergabe von Punkten unterliegen keiner vorher festgesetzten Regel und sind auch nicht begründungspflichtig; die MitspielerInnen sind in ihren Entscheidungen allein ihrem Gewissen verpflichtet.



m. Außerhalb des oben beschriebenen automatisierten Umverteilungs- und Verfallsprozesses kann kein/e TeilnehmerIn einem/r Anderen Punkte wegnehmen, auch nicht durch ein Voting oder die Behauptung von "Verfehlungen" welcher Art auch immer; es kann auch aus keinem wie immer gearteten Grund ein/e Teilnehmer während des Spiels von diesem ausgeschlossen werden.**



n. Ein Spielzyklus (3 Spiele) ist nach 3 Wochen zu Ende. Es folgt eine 4. Woche; in dieser haben alle MitspielerInnen Zeit, Punkte von Konto zu Konto zu transferieren und damit Kooperationen einzugehen. Diese Kooperationen sind auf Grund privater Vereinbarungen zu regeln. Der Empfänger solcher Punkte übernimmt hier in etwa die Rolle eines Projektleiters.



o. Nach dieser Woche werden nach einem Rechnungsschlüssel (siehe Mana-Community-Game: FAQ-Liste) die markierten Punkte so umverteilt, dass im Endergebnis nur noch TeilnehmerInnen übrig bleiben, die zwischen 7.000 und 28.000 Punkte haben. Das sind die berechtigten FördernehmerInnen. Diese reichen bei der MA 7 Wien ihr Projekt ein. Die MA 7 ist verpflichtet, die durch das Mana-Community-Game zugesprochene Fördersumme auszuzahlen. Der/die FördernehmerIn muss damit sein/ihr Projekt realisieren.



p. Ein Projekt ist definiert als eine Unternehmung bzw. eine Handlung, bei der Geldflüsse getätigt bzw. verursacht werden. Das Projekt muss innerhalb des Begriffs NETZKULTUR(EN) verankert sein. Die Projektrealisation muss innerhalb eines Jahres durchgeführt und abgeschlossen sein.



q. Das Projekt, das realisiert wird, muss öffentlich zugänglich (hierzu zählt insbesondere auch die virtuelle Öffentlichkeit via Internet-Technologien) sein; es muss eine Abrechnung und ein Projektbericht vorgelegt werden. Alle MitspielerInnen sowie die VertreterInnen der Geldgeber (MA 7 Wien) sind zur Präsentation einzuladen.



r.       Die einzige Person, die über allem steht, ist der Schiedsrichter,
eine Vertrauensperson, die mit niemandem über den Verlauf des Spiels
kommunizieren darf und die nur den korrekten Ablauf Spiels und die Einhaltung der Spielregeln überwacht bzw. schützt.



s.      Schlussbemerkung:

_Frauen sind besonders aufgefordert und ausdrücklich eingeladen, daran teilzunehmen._



* Eine Community soll definiert sein als temporär geschlossene Menge von Personen, die sich mindestens einer Idee zugehörig fühlen.

Die Community der NetzkünstlerInnen ist somit die Gesamtmenge der Personen, die von sich behaupten Netzkunst zu betreiben; dabei ist es unerheblich, was jede/r einzelne unter Netzkunst versteht, wichtig ist nur, dass jede/r eine Vorstellung davon entwickelt, was Netzkunst ist. Es genügt also die Definition "fühle mich zugehörig", um Mitglied innerhalb einer Community zu sein. Temporär geschlossene Menge bedeutet, dass eine Community zwar wachsen, schrumpfen oder in der Anzahl der Personen stagnieren kann (Personen kommen dazu, Andere verlassen das Feld) , im Entscheidungsfall jedoch für einen definierten Zeitraum geschlossen sein muss. Dieser Entscheidungsfall tritt immer dann ein, wenn es um die Verteilung von Ressourcen geht.





** Personen, die sich mehrmals einloggen (Mehrfachpersonen) verlieren ihren direkten Link zur Realperson; deshalb werden Mehrfachpersonen komplett gelöscht. Wird das mehrfache Einloggen vor der Einlog-Deadline bekannt, hat der/die BewerberIn die Chance, sich erneut zu registrieren und freischalten zu lassen. Wird das mehrfache Einloggen nach Einlog-Deadline bekannt, muss der/die BewerberIn bis zum nächsten Einlog-Termin (halbes Jahr) warten. Wird das mehrfache Einloggen während oder nach dem Spiel bekannt, werden alle seine/ihre Transfers entfernt. Die Punkte, die ihm/ihr zugewürfelt wurden fallen in den gemeinsamen Topf zurück, die Punkte auf seinem/ihrem Konto werden auf alle Anderen zu gleichen Anteilen verteilt, und er/sie darf sich erst wieder nach einem Jahr einloggen (muss also für einen Spielzyklus aussetzen). Die prüfende Instanz ist der/die amtierende KoordinatorIn.





Andreas Broeckmann schrieb:

na, nach den durchweg kontroversen diskussionen, was denn 'netzkultur' ueberhaupt sein, geschweige denn 'der netzkulturbereich', kommt mir dieses verfahren doch irgendwie so vor, als waere das die neubelebung des klassenwahlrechts des 19. jhs. (ist jedenfalls ein interessantes modell fuer konservative politiker, die vielleicht zugewanderten erst nach eingehender validierungspruefung das wahlrecht zugestehen koennten. und die migrationsgemeinschaft dann vielleicht auch noch dazu einladen, die restriktionen gegen, sagen wir, asylbewerber selber zu beschliessen. 'demokratisch', versteht sich.)

die vorstellung, dass nur 120 leute in wien sich fuer eine solche wahl qualifizieren ('sich validieren lassen') koennen, erscheint mir sehr verwunderlich - da waere es doch interessant, wie man 'netzkultur' definieren muss, damit man bei all den interdisziplinaeren (online-)kreativlingen in einer mehr-millionenstadt auf so eine kleine zahl kommt. aber wenn das gelungen ist, dann sind 95% wahlbeteiligung wahrscheinlich auch keine kunst mehr.

gruss,
-a


die netzkultur-szene in wien ist verglichen mit berlin sehr klein.
die bekanntgabe, dass es das neue kulturfördermodell geben wird, dass netzkultur-fördergeld dafür bereitgestellt wird, und wie das auswahlverfahren in den grunzügen funktioniert, war im dez. 05 (u.a. auf der offiziellen page der stadtverwaltung wien) insgesamt waren 120 wahlberechtigte; die auswahl, wer wahlberechtigt ist fand durch ein validationsgremium statt (armin medosch, franz xaver und andrea mayr) es sollte dadurch verhindert werden, dass sich "jeder dahergelaufene klavierlehrer beteiligen kann" (originalzitat franz xaver), vielleicht noch seine schüler einschleust (fanclub im bandbus mitschleppt) und dann mit einem haufen kohle urlaub macht. das mit dem validationsgremium halte ich für eine notlösung; einziges kriterium war jedoch, dass jemand im netzkulturbereich tätig ist, und der/die bewerberin musste das mit einem 500 zeichen-abstract darlegen (nebst hinweisen auf minestens ein bereits durchgeführtes projekt). es wurde nicht validiert, wie gut oder schlecht diese projekte sind, sondern nur, ob es sich um ein netzkulturprojekt handelt oder nicht! niemand musste ein zukünftiges projektvorhaben vorstellen (manche haben das getan). es gab sozusagen stipendien zu verteilen, die zu projekten führen werden, die dann aber nach abschluss veröffentlicht werden müssen. so kann in den nächsten wahldurchgängen (in diesem jahr ist noch einer im herbst) das in die beurteilung mit einfliessen und die wählerinnen mögen sich dann ein genaueres bild machen, wem sie ihre stimmen geben.

beste grüße
christoph

- wechselstrom -




Andreas Broeckmann schrieb:

das sind 95% von was?

-ab

beim mana community game, einem partizipatorischen, demokratischen entscheidungsmodell zur verteilung der fördergelder lag die wahlbeteiligung bei 95%; ein wert, der sich sehen lassen kann und von dem demokratien (ohne wahlpflicht) nichteinmal zu träumen wagen.



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