Hallo André
„Ein getroffener Hund bellt“ heisst das Sprichwort. Wenn Du mich nun
plötzlich grad zwei Mal persönlich beleidigst, dann musst Du *sehr*
betroffen sein:
„Mythen werden dann dazu, wenn man nur die Headlines liest, ohne auch
die Hintergründe zu kennen ...“; „Schöne Headline. Wen du diese schon
zum Vergleich mit OOo heranziehen willst, dann muss man auch den
Hintergrund sehen.“
Du unterstellst mir also, ausser den Headlines nichts Anderes lesen zu
können. Schade, dass Du auf diesem Niveau reagierst, statt auf die Sache
einzugehen.
Ich wiederhole nochmals meine Kernaussage:
«Eine Office-Suite – egal, ob MSO, OOo, Lotus, WPO oder noch ein anderes
Produkt – ist ein derart komplexes Gebilde, dass
1. Fehler unvermeidlich sind, und zwar Fehler in nicht unbedeutender Zahl;
2. jeder Versuch, einen Fehler zu beheben, zwingend neue Fehler generiert;
3. laufend weiter entwickelt werden muss und damit zwingend wiederum zu
neuen Fehlern führen muss.»
Deine Antwort darauf:
„Nur - der Fakt, dass keine Software absolut fehlerfrei sein kann, kann
doch nicht die ewige Entschuldigung dafür sein, dass die Zahl der Fehler
ständig wächst.“
Wenn das Deine ehrliche Meinung ist, dann hast Du etwas Grundlegendes
nicht begriffen: die Komplexität hat zwingend zur Folge, dass die Zahl
der Fehler ständig wächst, weil auch eine Behebung eines Fehlers selbst
zu neuen Fehlern führt. Ich kenne die Methoden auch, wie man „sowas
unter kontrolle bekommt bzw. Probleme schon frühzeitig vermeidet“ (wie
Du schreibst). Du sagst auch „[das] gehört schon zum
Informatik-Grundstudium“. Was Du aber nicht sagst: das funktioniert nur
bei relativ bescheidenem Funktionsumfang. Denn all diese Methoden
basieren auf einem weiteren Mythos: dass jedes technische System
grundsätzlich beherrschbar sei – sorry, aber solche Ansichten gehören
längst in der Mottenkiste der unbrauchbaren Mythen abgelegt; dort dürfen
sie dann ruhig verstauben. Wer [immer noch] solchem Gedankengut anhängt,
hat von Komplexität, System- und Chaostheorie nicht wirklich etwas
begriffen und lebt geistig im 18., höchstens 19. Jahrhundert.
<Einschub:>
Ich merke beim Durchlesen, dass ich mehrmals das Adjektiv bzw. Adverb
„zwingend“ gebraucht habe. Das ist aber gewollt: ich will damit nochmals
zeigen, dass Komplexität und Fehler nur zwei Seiten der gleichen
Medaille sind. Im Gegensatz zur klassischen (mechanistischen)
Vorstellung ist eben ein komplexes System nicht wirklich „beherrschbar“.
Oder noch anders: ein „kompliziertes“ Gebilde wie ein modernes Auto ist
grundsätzlich berechenbar und damit beherrschbar, ein komplexes Gebilde
dagegen ist nicht berechenbar und damit nicht beherrschbar – selbst,
wenn es sich um so etwas Simples wie einen Teller voller Spaghetti
handelt. <Einschub Ende>
Will man also die Zahl der Fehler wirklich reduzieren, dann gibt es nur
einen Weg: die Komplexität reduzieren, sprich Funktionen rausnehmen,
wenn sie nicht zwingend gebraucht werden bzw. bessere OS-Lösungen
verfügbar sind. So könnte man ohne grössere Probleme die ganzen DB- und
Draw-Teile rausschneiden sowie sämtliche Bildbearbeitungstools, ohne
dass der Anwender auf etwas verzichten müsste. Er müsste halt ganz
einfach weitere Software installieren und – was ganz wichtig ist –
bereit sein, den Umgang damit auch zu lernen. Angebote im Open
Source-Bereich gibt's auch da genug.
Im übrigen habe ich nie behauptet, dass ich mit der Komplexität und
damit mit den unvermeidbaren Fehlern auch in allen Fällen akzeptiere und
entschuldige, dass Fehler nicht behoben würden. Aber sie müssen zuerst
überhaupt bekannt sein und dann gewichtet werden. Für das erste Problem
sind grundsätzlich zwei Verfahren möglich: die Force-brute-Methode, bei
der man automatisch testet (wie Du das beschreibst), und die Variante,
dass man Fehlermeldungen von Anwendern aus dem produktiven Bereich
sammelt. Die beiden Verfahren müssen sich nicht gegenseitig
ausschliessen, wie MS eindrücklich zeigt: auch die Redmonter haben
gelernt, dass Anwender billige und in der Regel ausgezeichnete Tester
sind. In jedem Fall aber bleibt den von Dir gescholtenen Vorgesetzten
und Managern die entscheidende zweite Frage: „Wie viele dieser Fehler
können und müssen wir bis zum Release-Tag beheben?“ Dabei spielen zwei
Faktoren eine entscheidende Rolle: die Ressourcen (Zeit, Geld, Personal
und Know-how) sowie die Priorität. Auch die folgende Binsenwahrheit
wiederhole ich gerne noch einmal:
«Ressourcen sind in jedem Projekt per Definition immer knapp.»
Projektmanagement heisst nämlich: (optimale) Zuteilung und Verwaltung
von knappen Resourcen – nichts Anderes. Keine Beschränkung von
Ressourcen heisst: kein Projektmanagement (nötig). Die Restriktionen:
auf dem Markt präsent sein, am besten vor der Konkurrenz und mit
erheblichem Marketingaufwand. Wer auf diesem lärmigen Markt gehört
werden will, muss sich mit Lautstärke durchsetzen. Und muss in
regelmässigen Abständen mit neuen Versionen, Releases und Updates
kommen, sonst ist man schnell weg vom Fenster. Das haben selbst Giganten
erleben müssen: IBM, Lotus, Aldus u.a. mit einst illustren Namen legen
da beredtes Zeugnis ab.
OOo hat in meiner Ansicht etwas sehr Sinnvolles getan: mit der
Möglichkeit, als User einen Fehler-Issue schreiben zu können – evtl.
unter Beizug von Hilfe: auf dieser Liste wurde über solche Möglichkeiten
schon öfter diskutiert –, kann jeder User standardisiert eine
Rückmeldung zu einem Fehler machen. Die Rückmeldung allein sagt aber
noch nichts aus über die Priorität des Fehlers. Also gibt's ergänzend
die Möglichkeit, für einen Fehler bzw. dessen Behebung zu voten.
Damit sollten wir noch mal zum Thread zurückkehren, um meinen Unmut in
*diesem* Thread und damit meine Reaktionen auch besser zu verstehen:
Am 01.06. hat Matthias einen Thread gestartet, der begann mit:
„ich hatte 2006 ein Problem mit fehlerhaftem Beschnitt von jpg-Dateien.
Daraus entstand ein Issue mit Typ "Defect". (...)“
Ich will jetzt nicht jede einzelne Aussage dazu wiederholen, das kann
man nachlesen. Aber der Schluss ist doch höchst interessant (03.06.,
20:16h):
„ (...) einen Issue geschrieben. Leider hat niemand dafür bis heute eine
Stimme vergeben. Und so
dümpelt das Thema nun dahin bis zum St. Nimmerleins-Tag.“
Issues werden in Englisch geschrieben, also darf man ruhig davon
ausgehen, dass grundsätzlich die ganze User-Community Zugang dazu habe
(auch wenn einige davon an fehlenden Englischkenntnissen scheitern). Das
sind wohl einige Millionen User auf der ganzen Welt. Trotzdem: Keiner –
ich wiederhole zum Mitlesen: Keiner! – hat das Problem von Matthias
einer Stimme für würdig befunden. Und dann beschwert Ihr beide Euch – Du
und Matthias – dass nicht diesem Problem, sondern anderen, ganz
offensichtlich wichtigeren der Vorrang gegeben wird. Ich behaupte nicht,
dass ich jede Prioritäten-Entscheidung nachvollziehen oder stützen
könne, aber diese kann ich definitiv nachvollziehen! Und nur weil
Matthias mit seiner Scanner-Software-Kombination ein Problem hat, heisst
das noch lange nicht, dass andere mit dieser Funktion nicht produktiv
umgehen können, also ist auch seine Radikallösung nicht wirklich eine
Lösung: „Entweder die unnötigen Funktionen werden entfernt und so
abgespeckt oder sie bleiben drin und es wird repariert.“ Der klassische
Fehlschluss des Egozentrikers: weil's bei mir nicht geht, ist die
Funktion grundsätzlich fehlerhaft und muss raus (oder repariert werden).
Die fehlenden Votes sprechen da nach meiner Ansicht eine deutlich andere
Sprache.
Was mich aber wirklich wütend gemacht und meine bisherigen Reaktionen
hervorgerufen hat: es ist zunehmend Mode geworden, mit Erpressung zu
drohen: „Dann bleibt mir nichts Anderes übrig, als zu MSO zu wechseln“.
Eine Aussage, die auch Matthias macht. Das ist reinste Erpressung, v.a.
wenn man wie im vorliegenden Fall sieht, dass das Problem offensichtlich
beim User liegt. Bloss, weil niemand sonst für sein Anliegen sich stark
macht, grad mit dieser Erpressung aufzufahren, dass ist starker Tobak,
um nicht stärkere Worte zu gebrauchen. Solche Leute sind auch nicht
wirklich eine Reklame für OOo, also sollen sie definitiv zu MSO oder
einem anderen Produkt wechseln, wo sie – und das meine ich jetzt
keineswegs ironisch – glücklicher werden können (s. meine vorletzte
Mail). Zudem erhebt sich für mich noch eine grundsätzliche Frage: ein
Reisebericht – das ist laut Matthias eigenen Worten das inkriminierte
Dokument – ist kein so komplexer Text (selbst wenn er natürlich
umfangreich bebildert ist), dass man das nicht auch in MSO realisieren
könnte. Was bringt ihn dazu, zuerst in MSO zu importieren und dann nach
OOo zu exportieren? Das zeugt nicht gerade von Sensitivität für
effektives Arbeiten. Es sei denn, er findet in OOo etwas, was er in MSO
nicht hat – dann aber ist die ganze Droherei schlicht eine Heuchelei.
Und dann hat der Mann den Nerv, auch noch beleidigt zu reagieren, wenn
man ihm sagt: dann mach doch genau das!
Wie dem auch sei: hier versuchen ein paar Leute, mit Lautstärke zu
übertönen, dass es ihnen an Unterstützungund damit letztlich an guten
Argumenten fehlt, ihre persönlichen Anliegen durchzudrücken. Das ist nun
nicht gerade ein Zeugnis demokratischer Gesinnung bzw. einer Haltung,
sich in einer Gruppe an deren Ordnung halten zu wollen. Daher erlaube
ich mir auch z.T. die Verwendung etwas kräftigerer Worte.
Ich wünsche allen ein erholsames Wochenende
Ernst
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