Hallo Matthias und alle anderen
Nun, keiner hier auf dieser Liste will Dich ernsthaft von OOo wegekeln
hin zu MSO, aber Du hast damit angefangen:
«*Irgendwann hat alle Geduld mal ein Ende* und man sieht
dann, daß OpenSource eben auch manchmal nur so eine Art
"Seifenblase" ist, wo viel geredet wird aber in der Substanz leider nur
wenig getan. »
Dann kommt der nächste "Schlag":
«Nur verpufft der ganze Einsatz im Nirwana, wenn aus
Issues dann jahrelang nichts wird. 4 Jahre sind eine
lange Zeit. Und es ist leider nicht transparent wann
etwas umgesetzt wird. Erst hieß das Ziel 2.x nun 3.x. »
Schliesslich aber musst Du zugeben:
«Leider hat niemand dafür bis heute eine Stimme vergeben. Und so
dümpelt das Thema nun dahin bis zum St. Nimmerleins-Tag.
Macht das so Sinn? Wird so was besser? Nein ! »
Also ist das Problem - wenn überhaupt! - nur für sehr wenige Nutzer
überhaupt von Bedeutung. Deine Welt ist das Zentrum, nach Dir hat sich
OOo zu richten - das ist Deine Botschaft.
Und da sind wir bei ein paar grundlegenden Überlegungen, die sich aus
Deinem Thread ergeben:
* OOo ist *kein* kostenloser MSO-Klon - wenn also Leute hingehen und
suggerieren, behaupten, erwarten, fordern, ..., OOo müsse sich wie
MSO verhalten, dann liegen sie *grundsätzlich* daneben.
Bestenfalls kann OOo ähnliche Funktionalitäten bieten wie MSO -
mehr nicht.
* Dazu gehört, dass das Format doc von MS ein gehütetes
Firmengeheimnis ist, und Fremdentwickler (= Nicht-MSO-Leute) hier
auf Gespür statt auf klaren Fakten aufbauen müssen. Doch selbst
wenn das Format vollkommen transparent offen gelegt würde: etwas
so Komplexes wie ein formatiertes Dokument unter allen denkbaren
und möglichen Umständen fehlerfrei in ein anderes Format
überzuführen, ist keine Aufgabe, die man so husch, husch erledigt.
* Was ist überhaupt eine Office-Suite? Ich gehe da mit Michael
völlig einig: die Tendenz ist, daraus eine eierlegende
Wollmilchsau zu machen. Diese Tendenz ist aus zwei Gründen falsch:
o eine Suite kann nie die Funktionalität eines ausgefeilten
Einzelprogramms bieten; wenn ich wirklich Bilder bearbeiten
will, dann brauche ich ein leistungsfähiges
Bildbearbeitungsprogramm, und nicht die rudimentären
Funktionen einer Office-Suite.
o mit jedem Feature, das zusätzlich eingebaut wird, steigt die
Komplexität der Software - Komplexität und fehlerfreier
Betrieb sind aber zwei unvereinbare Dinge. Da wollte ich
Dich mit meinem ersten Mail einfach daran erinnern, dass MSO
an den gleichen Problemen leidet, aber in anderen Bereichen.
Der grosse Unterschied: für MSO darf ich auch noch bezahlen.
Zu früheren Zeiten nannten wir das "Bananenprodukte", denn
sie reifen beim Kunden.
* Selbst, wenn man sich weitere Features wünscht: wer bestimmt, was
eingebaut wird? Es sind Millionen Nutzer auf der Welt, die mit OOo
arbeiten. Die deutsche OOo-Gemeinde dürfte dabei kaum die
weltgrösste sein. Und wenn in dieser Gemeinde *ein einzelner* ein
Problem hat (s. Zitate im Eingang dieses Mail), dann ist das recht
arrogant, wenn der Betreffende dann erwartet, dass sein Problem
gelöst wird. So sehr ich André und seine Meinungen schätze, in
einem Punkt muss ich ihm widersprechen: bei solchen Aufgaben wie
der Entwicklung einer Office-Suite sind die Ressourcen
*grundsätzlich* immer ein Thema. Gerade dieser Thread zeigt, dass
man immer in noch so unwichtige Details, die nur einen oder zwei
Personen stören, auch noch Zeit und Manpower investieren könnte.
In einem Punkt gebe ich den meisten kritischen Stimmen recht, und ich
denke, das war auch Andrés Anliegen: wohin OOo steuert, ist nicht klar.
Zum einen versucht ein Teil der Entwicklergemeinde, sich von MSO
abzugrenzen, ein anderer scheint aber auf die Markt- und Marketingmacht
von MSO zu vertrauen, und will OOo so nahe an MSO heranbringen wie nur
möglich - die immer wieder aufflackernde Diskussion über Ribbons gibt
beredtes Zeugnis davon ab. Da müsste mal wirklich Klarheit geschaffen
werden: will man ein eigenständiges Produkt entwickeln, oder einfach ein
Klon von MSO werden, und die Brosamen auflesen von Leuten, die kein Geld
für MSO ausgeben wollen/können?
Persönlich denke ich, dass ein Vergleich immer scheitern wird. Letztlich
- und darum ging es mir im ersten Mail hauptsächlich - bin ich entweder
von den Vorteilen insgesamt einer Software überzeugt, und dann suche ich
nach Lösungen für die Dinge, die nicht optimal gelöst sind, oder ich bin
nicht überzeugt - dann ist es *falsch*, mit dieser Software überhaupt zu
arbeiten. Ich habe sehr komplexe mathematische und astronomische
Dokumente mit mehreren hundert Seiten Umfang, mit hunderten von Bildern
und tausenden von Formeln in OOo verfasst. Dabei habe ich immer wieder
Kompromisse schliessen müssen, aber insgesamt war ich überzeugt, dass
die Lösung positiv ist. Ich vertrete immer wieder die Meinung, *ich*
hätte das nicht gekonnt in MSO - aber nicht, weil ich *überzeugt* bin,
dass MSO das nicht kann, sondern weil mir der Lösungsansatz von MSO für
diese Aufgabe unsympathisch ist. Ich weiss das, weil ich auch schon
gezwungen war, genau dieses Teilgebiet (komplexe Dokumente,
Zentraldokumente u.ä.) auf der Basis von MSO zu unterrichten. Fazit:
wenn ich sowieso MSO besser finde, dann sollte ich auch den Mut haben,
damit zu arbeiten. Wenn ich OOo besser finde, dann muss ich mich
* mit Kompromissen bei gewissen Features begnügen - die perfekte
Lösung gibt es nicht.
* mir immer wieder überlegen: wie löse ich mein Problem am besten?
Dann kann für eine Teilaufgabe halt ein Produkt die richtige
Lösung sein, das nicht in OOo integriert ist. So nutze ich neben
OOo für meine mathematisch-naturwissenschaftlichen Texte nebst OOo
auch Geogebra, Gimp, Octava und andere spezialisierte Software.
* *intensiv* mit der Software auseinander setzen: kein Mensch würde
akzeptieren, dass man ans Steuer eines Autos sitzt, ohne eine
gründliche Ausbildung erhalten zu haben. Bei Software spielt sich
aber jeder, der die Buchstaben auf seiner Tastatur erkennt,
bereits als Experte in Sachen Software auf und ist noch stolz
darauf, "einfach drauf los zu arbeiten, ohne tiefere Gedanken an
das Werkzeug zu verschwenden". Diese Geisteshaltung ist typisch
für den Dünkel einer Elite, die letztlich nur "gedankliche Arbeit"
als wahre Arbeit und Leistung akzepiert. Keinem Handwerker, keinem
Industriearbeiter käme es in den Sinn, derart verächtlich von
seinem Werkzeug zu sprechen und seine Wartung und professionelle
Handhabung derart zu vernachlässigen.
Aber das gilt genauso umgekehrt für MSO, WordPerfect Office Suite, ....
So gesehen war meine Empfehlung, doch zu MSO zu wechseln, kein
Keulenschlag, sondern durchaus ernst gemeint. Denn Leute, die alles nur
in negativem Licht sehen, sind nicht wirklich eine Unterstützung für ein
Produkt, schon gar nicht eine Reklame. Was jetzt bitte nicht dahingehend
ausgelegt werden soll, dass keine Kritik ausgeübt werden dürfe. Aber es
ist schon ein Unterschied, ob ich kritisiere und Anregungen mache, oder
ob ich einfach Recht bekommen will und trotze, wenn das nicht eintrifft.
Freundlich grüsst aus der Schweiz
Ernst
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