Ernst Hügli schrieb:
Hallo André und Matthias


Am 04.06.2010 11:11, schrieb Dr. Matthias Weisser:
Hallo Andre,

Du sprichst mir aus der Seele. (...)

Wenn man führend werden will muss man
+ entweder extrem Werbung betreiben (teuer)
und den Leuten einreden per Propaganda
wie toll und geil doch OO ist.
+ oder ein besseres Produkt haben das sich
durch Empfehlung rasch verbreitet - und
so auch mal in Firmen reinkommt, wenn
es keine zu großen Umstellschwierigkeiten
verursacht.

Um Fehler rauszubekommen und die Bedienung
zu optimieren muss man zuhören wo im Feld
Probleme sind und diese schrittweise lösen.


Es ist zwar schon viel geschrieben worden, aber die letzten Posts zum Thema dürfen nicht unwidersprochen bleiben, und zwar zwei zentrale Aussagen von Euch beiden, denn sie kolportieren weit verbreitete Mythen:

- André, Du schreibst: „Die Zahl dieser Fehler steigt stetig (... es sind ca. 300-400 Fehler, die pro Releasezyklus hinzukommen).“ Vor kurzem konnte man in einer Computerzeitschrift sinngemäss lesen: mehr als 1800 Fehler im neuen MSO 2010 gefunden, bevor es veröffentlicht wurde. Beide Aussagen suggerieren dasselbe: „Diese unfähigen Entwickler sind nicht mal in der Lage, fehlerfreie Software zu entwickeln, oder dann die Fehler zu fixen, wenn man schon so grosszügig ist und diese Dummköpfe – die es ja selber nicht merken – darauf aufmerksam macht.“ Ich bin der letzte, der MS in Schutz nimmt, aber: glaubt Ihr beiden wirklich allen Ernstes, die Entwickler bei MS, Sun, Oracle, all die freien Mitarbeiter, die bei OOo mitmachen, und andere seien derart verbohrt, engstirnig und unfähig, wie Ihr mit dem ewigen Herumhacken auf ihnen suggeriert? Dann überlegt mal folgende kleine Rechnung: wenn eine Software nur zwei Features hätte, und jedes Feature hätte 5 verschiedene Optionen und jede dieser Optionen bestünde wiederum aus 5 Varianten – nicht viel, wenn ich mir so eine konkrete Software ansehe. Dann muss ich schon bei diesem simplen Beispiel 50 (= 2 x 5 x 5) Möglichkeiten durchprobieren und austesten. Jetzt geht mal hin und schaut Euch nur im Datei-Öffnen-Dialog die Optionen an, die Writer und Calc bieten. Dann dürft Ihr getrost den ganzen Menübaum durchackern, jeweils die Optionen zählen, und am Schluss all diese Zahlen multiplizieren – das gibt eine ungefähre Vorstellung von der Komplexität der Software. Stochastische Explosion nennt der Mathematiker das in seiner nüchtern-rationalen Sprache, und sie ist das Mass der Komplexität eines solchen Produkts. Und jedes neue Feature, das hinzugefügt wird, jedes fehlerhafte Feature, das gefixt wird, ist wiederum potentielle Quelle neuer Fehler, Störungen und Interferenzen. Wollte man Euren Anspruch zum puren Nennwert nehmen, so wie Ihr ihn absolutistisch hier vertretet, dann gäbe es nur eine Lösung: OOo auf einem absoluten Minimalstand einfrieren, keine Entwicklung, sondern sämtliche Fehler fixieren und auf mögliche neue Störungen testen – die neue Entwicklung käme, wenn überhaupt, erst nach Jahren auf den Markt und würde der Konkurrenz hoffnungslos hinterherhinken. Sie wäre zwar perfekt(er), aber zu spät – die Konkurrenz hätte den Markt längst erobert und die Konkurrenz plattgewalzt. Glaubt mir, wir Schweizer haben vor gut 10 Jahren genau dies erlebt: perfekt, aber immer zu spät mit vielen unserer Industrieprodukten. Wir wären an unserer Perfektion fast zugrunde gegangen, denn zur Verspätung kommt noch das: eine solche Qualität ist schweinisch teuer, kein Kamel will den Preis dafür bezahlen O:-) .

- Der zweite Mythos, dem v.a. Du Matthias aufsitzt: gute Qualität setzt sich quasi von allein, nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda durch. Das ist eine der grössten Fehleinschätzungen der Ökonomie: es gäbe den homo rationalis, den vernunftmässig entscheidenden Menschen. Würde das stimmen, dann hätte MS wohl kaum die Stellung, die die Firma heute auf dem Weltmarkt hat. Denn alle, die etwas von der Sache verstanden, waren damals, als MS in den Markt der Anwendersoftware einstieg, der Auffassung, sämtliche Konkurrenzprodukte wären besser: WordPerfect, die Lotus-Suite, und was es nicht noch alles gab, an das man sich heute kaum mehr erinnern kann. Aber MS hat sich durchgesetzt. Man kann über Bill Gates denken, sagen und schreiben, was man will, aber etwas kann man ihm nicht absprechen: der Mann versteht sehr viel mehr von Marketing als von SW-Entwicklung. Ein Kritiker hat mal gesagt: „MS ist eine machtvolle Marketingfirma, die sich leider daneben noch eine eigene Software-Abteilung leistet.“ Wo der Mann recht hat, da hat er unbestritten recht. Firmen würden MS-Produkte wählen, weil man damit weniger Probleme habe als mit OOo? Da lachen ja die Hühner! Ich habe in verschiedensten Unternehmen gearbeitet – in der Bundesverwaltung mit über 40'000 MA, und in Kleinbetrieben mit rund 50 MA; ich habe Informatik auf verschiedenen Stufen unterrichtet. Immer sind mir zwei Kriterien begegnet, warum die Leute MS-Produkte wählen: man kennt sie halt und hat sich daran gewöhnt; man scheut den Wechsel auf etwas Neues, Unbekanntes: womöglich müsste man nochmals etwas Neues lernen! (By the way: am stärksten ist diese „Igelhaltung“ im Bildungsbereich! Das lässt tief blicken!). Ich habe viele Leute fluchen hören, ich habe oft die Entschuldigung (Ausrede?) gehört: wegen der Informatik müssen wir das so oder so machen bzw. können wir dies oder jenes nicht machen. Ich habe nie gehört: MSO oder OOo hilft mir, ein Problem lösen. Es mag sein, dass Einzelunternehmer und Klein(st)unternehmer etwas kostensensitiver sind, aber wenn es um Informatikmittel geht, dann sind Prestige und „Tradition“ bei den meisten Verwaltungen und Unternehmungen viel wichtiger als sorgfältige Kostenabschätzungen. Beispiel gefällig? Obschon die WTO-Regeln es anders vorschreiben, hat die Informatikabteilung der schweizerischen Bundesverwaltung mit Segen der Finanzdirektion den Auftrag für eine Neubeschaffung von Software ohne Ausschreibungsverfahren und damit ohne sorgfältige Evaluation einfach an MS vergeben – immerhin ein Auftrag von über 40 Millionen CHF (nur Beschaffung). Da soll Kosten- und Zeiteffizienz ein Thema sein? Ein Witz, über den ich nicht mal lachen kann, weil auf diese Weise auch meine Steuergelder verbraten werden.

Nein, wenn OOo wirklich marktführend werden will, dann sollte man schleunigst alle Ressourcen in den Entwicklungsabteilungen auf einen kleinen Bruchteil zusammenstreichen und dafür die freiwerdenden Gelder ins Marketing stecken. Dann in regelmässigen Abständen etwas „Revolutionäres“ wie Ribbons oder so entwickeln, das zwar keine Probleme löst, aber mit dem man in die Schlagzeilen kommt. Selbstverständlich wird die Behebung des allerkleinsten Fehlers zum Event hochstilisiert – wen kümmert's schon, dass dabei leider 20 (vielleicht sind es auch 500, wie André schreibt) neue Fehler hinzu gekommen sind? Totschweigen, dann weiss niemand, dass das Ding so löcherig ist wie Emmentaler Käse. Da glücklicherweise die Mehrheit der Nutzer zwar jederzeit die neueste Software, aber keine Virensoftware und keine Firewall installiert hat, kann man ja jedes Fehlverhalten mit „eingeschleppten Viren und Trojanern“ erklären – so, meine Herren, macht man OOo zur führenden Office-Suite, aber sicher nicht mit guter Arbeit. Das stört nur, weil dann jeder sehen kann, was *nicht* läuft – dass neben den 5400 Fehlern mehrere Millionen funktionierender Code in der Suite werkelt – wen kümmert's? Eben, kein Schwein...

Nehmt mir bitte diese Standpauke nicht übel, aber es musste raus. Ich habe – obschon ich theoretische Physik studiert habe – schon immer eine Aversion gegen abgehobenes Theoretisieren gehabt. Ich glaube, es war Einstein, der sinngemäss gesagt hat: „Es gibt nichts Praktischeres, als eine *brauchbare* Theorie“. Also bitte, wieder auf den Boden der Realität zurück.

Mit freundlich grummelnden Grüssen aus der Schweiz 8-)

Ernst





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Ein grandioser Beitrag ! Chapeau Ernst.


Dieter

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