Danke, lieber Herr Umstätter, für Ihre Unterstützung. Ein Säugetier ist also definiert durch seine Fähigkeit, die Brut durch Saugen am Muttertier in ihren Anfängen zu ernähren. Herr Jaenecke hält nichts von Definitionen, doch mit diesem Beispiel zeigen Sie auf, wie ein Klassifikationssystem als ein Definitionessystem aufgefasst werden kann, weil der Bezugsbegriff in einer solchen Definition auf die nächsthöhere Hierarchie-Ebene verweist, eine Genus-Spezies Relation. Dasselbe wäre auch mit der Partitionsrelation möglich Aber das ist Kindergarten in unserem Fach. Viele Grüße von I.Dahlberg
"Walther Umstaetter" <[email protected]> schrieb: Lieber Herr Jaenecke, ich würde Sagen, das Wort Igel ist eine Zeichenkette, hinter der ein Begriff steht, der dem lebenden oder auch toten Objekt Igel semantisch zugeordnet ist. Da dies in unserer deutschen Sprache so festgelegt ist, kann ein Empfänger dieses Wortes Igel, in seiner Vorstellung (durch semiotische Pragmatik) die entsprechenden Tiere zuordnen. Zunächst sind alle Worte in einem Satz, bzw. in unserer Sprache Zeichen, die für Begriffe in unserem Denken stehen. Das gilt neben "Igel" auch für das Wort "ist", in: Der Igel ist ein Säugetier und gehört wahrscheinlich zu den Insektenfressern., weil das Wort ist hier eine Gleichheit mit Säugetier, (aber mit weiteren Einschränkungen wie Stacheln) bedeutet. Dass es auch stachellose Arten gibt, sei hier vernachlässigt, obwohl es zeigt, wie viel Falschaussagen die Systematiker bei dieser Definition zu vermeiden haben. Übrigens ist schon in dem Wort höheres Tier (Säugetier) weitgehend enthalten, dass er sich fortbewegen kann, im Gegensatz zu den meisten Blütenpflanzen beispielsweise. Wenn man sich die biologische Systematik ansieht, erkennt man rasch, wie viel jahrhunderte altes Wissen dazu gehört, den Begriff Igel korrekt zu definieren. Die Definition eines Begriffs enthält also selbstverständlich eine Aussage über den Begriff und kann durchaus richtig oder falsch sein, also wahr oder unwahr sein. Weil Begriffe ihren Platz im semantischen Netz haben, das als ein begriffliches Abbild der Objekte in dieser Welt (Weltbild) steht. Am besten sieht man es in der Physik. Wenn dort definiert ist Kraft = Masse mal Beschleunigung (K = M x B), dann muss diese Beziehung auch allen weiteren Beziehungen wie Kraft = Energie / Weg standhalten. Sonst ist etwas falsch. Wo der Fehler liegt, ist eine andere Frage. Der Wahrheitswert einer solchen Aussage: Der Igel ist ein Säugetier und gehört wahrscheinlich zu den Insektenfressern. ist also evident, denn als Insekt kann er beim besten Willen nicht bezeichnet werden ;-) Auch wenn ich weiß, dass beispielsweise Popper induktive Schlüsse als Illusion ansah, zeigt mir meine Erfahrung, dass wir in unseren wissenschaftlichen Fortschritten bislang permanent abwechseln mussten zwischen Induktion und Deduktion, um voran zu kommen. Das heißt wir beobachten möglichst viele igelartige Lebewesen um für sie allgemein gültige Charakteristika zu finden, mit denen wir sie von allen anderen Tieren abgrenzen können, und prüfen dieses Wissen dann auf Fehlerhaftigkeit. Das heißt, dass wir unsere Wissen zwar nur durch Deduktion prüfen können, aber durch Induktion (Erfahrung) gewinnen. Das ist ein stetig rückgekoppelter Vorgang der Wissensgewinnung. Wie weit wir aus induktiven Schlüssen logische Folgerungen ziehen können, ist eine Frage dessen, wie viel Gestzmäßigkeit darin enthalten ist. MfG Walther Umstätter Am 2013-05-31 13:53, schrieb Peter Jaenecke: Bezug: (1) Gesendet: Donnerstag, 30. Mai 2013 um 21:38 Uhr (2) Gesendet: Donnerstag, 30. Mai 2013 um 21:56 Uhr Von: "Heinrich Herre" <[email protected]> An: [email protected] Betreff: Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung einer deduktiven Wissenschaft als Deduktgeflecht Lieber Herr Herre, Sie schreiben in (1): wie schon in einer anderen email dargelegt; ich erhielt aber gestern nur die beiden oben angeführten Mails. Ist da etwas verlorengegangen? Ich möchte zunächst auf Ihre zweite Mail eingehen. Dort heißt es: > Aussagen haben einen Wahrheitswert, Begriffe als solche sind weder wahr noch > falsch. Das sehe ich auch so. Ich möchte noch ergänzen: auch die Definitionen haben keinen Wahrheitswert. > Sie sind aber wesentliche Konstituenten von Aussagen, Z.B. ist der Begriff > "Igel" weder wahr > noch falsch; es lassen sich aber viele Aussagen konstruieren, die diesen > Begriff enthalten. Z.B. > "Der Igel ist ein Säugetier", "Der Igel hat Stacheln"; "Dieses Tier da auf > der Strasse ist ein igel,. " u.s.w. Hier fangen meine Probleme an: Igel ist für mich kein Begriff, sondern ein Tier, denn ein Igel kann über die Straße laufen, ein Begriff aber nicht. Auch aus früheren Beiträgen scheint mir hervorzugehen, dass jedes Substantiv einer natürlichen Sprache als Name für einen Begriff aufgefasst wird, oder anders formuliert: Begriff = Bedeutung eines Substantivs. Träfe dies zu, so würde das den Gehalt der hier getroffenen Aussagen über Begriffe beträchtlich mindern; überhaupt könnte man dann auf das Wort Begriff verzichten und z.B. sagen: Zunächst benötigt man für den Aufbau von Aussagen Wortbedeutungen oder die Aussagen bauen auf Wortbedeutungen auf. Wie dem auch sei: Aussagen- und begriffsbasierter Ansatz unterscheiden sich in dem, wie die Bedeutungen gewonnen werden. Der aussagenbasierte indirekt durch Aussagen, der begriffsbasierte direkt durch Definitionen; das hat erhebliche Konsequenzen Die von Ihnen angegebene Vorgehensweise ordne ich dem begriffsbasierten Ansatz zu: > Die Festlegung und Auswahl der der Begriffe für einen Objektbereich ist von > grundlegender > Bedeutung, da ja die Aussagen auf diesen Begriffen aufbauen. Objektbereich hat bei mir eine andere Bedeutung; hier müsste Begriffsumfang stehen. > Die Begriffe müssen also so gewählt werden, dass sich wichtige Aussagen damit > formulieren lassen. Das ist nicht genug: man muss auch ihren Wahrheitswert sichern, und das kann man im begriffsbasierten Ansatz nicht. Den Grund geben sie selber an: > Die Hoheit über die Auswahl und inhaltliche Festlegung der Begriffe > repräsentiert eine bedeutende Macht. Die Festlegung ist also subjektiv. Bei mir heißt das: jede Definition enthält ein willkürliches Element, und deswegen kann man beim Aufbau einer deduktiven Wissenschaft nicht mit Definitionen beginnen, ganz abgesehen von der Frage, ob solche Definitionen überhaupt möglich sind. Die Erfahrungswissenschaften folgen jedenfalls dem aussagenbasierten Ansatz: bei ihnen werden die Grundbegriffe NICHT definiert. Noch kurz einige Anmerkungen zur Ihrer Mail (1). > Auch in dem begriffsbasierten Ansatz werden Aussagen formuliert, Das habe ich nirgends bestritten; es geht mir um die Sicherung ihres Wahrheitswertes. > Es muss doch aber eine Beziehung zwischen den Aussagen und dem Objektbereich > bestehen. > Und wenn die Aussagen den Objektbereich nicht beschreiben, welche Aufgabe > haben sie dann? > Beschreiben soll hier nicht bedeuten, eine vollständige explizite Definition > für den Objektbereich > anzugeben, sondern Aussagen zu formulieren, die in dem Objektbereich wahr > sind. Die Beziehung zwischen den Aussagen und dem Objektbereich habe ich doch beschrieben, z.B. in dem folgenden Beispiel: [m1r'' + Gm1m2 g(r) = 0] =wahr, dabei ist g eine bekannte Funktion und F die in eckiger Klammer stehende Gleichung. DURCH = WAHR WIRD DIE WELT EINGETEILT IN EINE MENGE VON OBJEKTEN, FÜR WELCHE F WAHR IST, DIE ALSO DEN OBJEKTBEREICH OF AUSMACHEN, und in eine Menge, welche alle anderen Objekte enthält. Es gilt somit: (*) F = wahr für alle Objekte o Element aus OF. > Kann denn nicht der Fall auftreten, dass eine aufgestellte Aussage in dem > Objektbereich falsch ist? Nein, denn (*) ist eine analytische Wahrheit, d.h. sie folgt allein aus den Festlegungen. > Es kommt darauf an, wie der Bestätigungsgrad eingeführt wird. Der > mathematische Apparat ist so flexible, > dass es in der Mathematik "nichts gibt, was es nicht gibt". Da bin ich mir nicht so sicher: Zu meiner Zeit wäre ich durch die Matheprüfung gefallen, wenn ich dort von der Diracschen Deltafunktion gesprochen hätte. Sie galt damals als mathematischer Unfug, von Physikern ausgedacht. Das Problem beim Bestätigungsgrad ist das Unendliche: Wenn ich 1min mit meinem Handy telefoniere, habe ich für 1min kontinuierlich (also unendlich oft) alle Naturgesetze bestätigt, die im Mobilfunk verbaut wurden. Wie will man da noch einen Grad einführen? Die Aussagen über Marx sind richtig, nur gilt er nicht als Vertreter des Deutschen Idealismus. > Es gibt drei (pragmatische) Kriterien für die Bewertung von > wissenschaftlichen (empirischen) Theorien. Bei mir ging es um Aussagen. Was eine wissenschaftliche Theorie ist, darüber gibt es offenbar noch keine brauchbaren Angaben. Das wollte ich ändern, herausgekommen sind dann die Deduktgeflechte. Viele Grüße Peter Jaenecke
