Lieber Herr Jaenecke, 

ich würde Sagen, das Wort Igel ist eine Zeichenkette, hinter der ein
Begriff steht, der dem lebenden oder auch toten Objekt Igel semantisch
zugeordnet ist. Da dies in unserer deutschen Sprache so festgelegt ist,
kann ein Empfänger dieses Wortes Igel, in seiner Vorstellung (durch
semiotische Pragmatik) die entsprechenden Tiere zuordnen. 

Zunächst sind alle Worte in einem Satz, bzw. in unserer Sprache Zeichen,
die für Begriffe in unserem Denken stehen. Das gilt neben "Igel" auch
für das Wort "ist", in: „Der Igel ist ein Säugetier und gehört
wahrscheinlich zu den Insektenfressern.", weil das Wort „ist" hier eine
Gleichheit mit Säugetier, (aber mit weiteren Einschränkungen wie
Stacheln) bedeutet. Dass es auch stachellose Arten gibt, sei hier
vernachlässigt, obwohl es zeigt, wie viel Falschaussagen die
Systematiker bei dieser Definition zu vermeiden haben. Übrigens ist
schon in dem Wort höheres Tier (Säugetier) weitgehend enthalten, dass er
sich fortbewegen kann, im Gegensatz zu den meisten Blütenpflanzen
beispielsweise. Wenn man sich die biologische Systematik ansieht,
erkennt man rasch, wie viel jahrhunderte altes Wissen dazu gehört, den
Begriff Igel korrekt zu definieren. 

Die Definition eines Begriffs enthält also selbstverständlich eine
Aussage über den Begriff und kann durchaus richtig oder falsch sein,
also wahr oder unwahr sein. 

        * Weil Begriffe ihren Platz im semantischen Netz haben, das als ein
begriffliches Abbild der Objekte in dieser Welt (Weltbild) steht.
        * Am besten sieht man es in der Physik. Wenn dort definiert ist Kraft =
Masse mal Beschleunigung (K = M x B), dann muss diese Beziehung auch
allen weiteren Beziehungen wie Kraft = Energie / Weg standhalten. Sonst
ist etwas falsch. Wo der Fehler liegt, ist eine andere Frage.

Der Wahrheitswert einer solchen Aussage: „Der Igel ist ein Säugetier und
gehört wahrscheinlich zu den Insektenfressern." ist also evident, denn
als Insekt kann er beim besten Willen nicht bezeichnet werden ;-) 

Auch wenn ich weiß, dass beispielsweise Popper induktive Schlüsse als
Illusion ansah, zeigt mir meine Erfahrung, dass wir in unseren
wissenschaftlichen Fortschritten bislang permanent abwechseln mussten
zwischen Induktion und Deduktion, um voran zu kommen. Das heißt wir
beobachten möglichst viele igelartige Lebewesen um für sie allgemein
gültige Charakteristika zu finden, mit denen wir sie von allen anderen
Tieren abgrenzen können, und prüfen dieses Wissen dann auf
Fehlerhaftigkeit. Das heißt, dass wir unsere Wissen zwar nur durch
Deduktion prüfen können, aber durch Induktion (Erfahrung) gewinnen. Das
ist ein stetig rückgekoppelter Vorgang der Wissensgewinnung. Wie weit
wir aus induktiven Schlüssen logische Folgerungen ziehen können, ist
eine Frage dessen, wie viel Gestzmäßigkeit darin enthalten ist. 

MfG 

Walther Umstätter 

Am 2013-05-31 13:53, schrieb Peter Jaenecke: 

> BEZUG: 
> (1) GESENDET: Donnerstag, 30. Mai 2013 um 21:38 Uhr 
> (2) GESENDET: Donnerstag, 30. Mai 2013 um 21:56 Uhr
> VON: "Heinrich Herre" <[email protected]>
> AN: [email protected]
> BETREFF: Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung einer deduktiven 
> Wissenschaft als Deduktgeflecht 
> 
> Lieber Herr Herre, 
> 
> Sie schreiben in (1): „wie schon in einer anderen email dargelegt"; ich 
> erhielt aber gestern nur die beiden oben angeführten Mails. Ist da etwas 
> verlorengegangen? 
> 
> Ich möchte zunächst auf Ihre zweite Mail eingehen. Dort heißt es: 
> 
>> Aussagen haben einen Wahrheitswert, Begriffe als solche sind weder wahr noch 
>> falsch. 
> 
> Das sehe ich auch so. Ich möchte noch ergänzen: auch die Definitionen haben 
> keinen Wahrheitswert. 
> 
>> Sie sind aber wesentliche Konstituenten von Aussagen, Z.B. ist der Begriff 
>> "Igel" weder wahr 
>> noch falsch; es lassen sich aber viele Aussagen konstruieren, die diesen 
>> Begriff enthalten. Z.B. 
>> "Der Igel ist ein Säugetier", "Der Igel hat Stacheln"; "Dieses Tier da auf 
>> der Strasse ist ein igel,. " u.s.w. 
> 
> Hier fangen meine Probleme an: ‚Igel' ist für mich kein Begriff, sondern ein 
> Tier, denn ein Igel kann über die Straße laufen, ein Begriff aber nicht. Auch 
> aus früheren Beiträgen scheint mir hervorzugehen, dass jedes Substantiv einer 
> natürlichen Sprache als Name für einen Begriff aufgefasst wird, oder anders 
> formuliert: Begriff = Bedeutung eines Substantivs. Träfe dies zu, so würde 
> das den Gehalt der hier getroffenen Aussagen über Begriffe beträchtlich 
> mindern; überhaupt könnte man dann auf das Wort ‚Begriff' verzichten und z.B. 
> sagen: „Zunächst benötigt man für den Aufbau von Aussagen Wortbedeutungen …" 
> oder „die Aussagen bauen auf Wortbedeutungen auf". 
> 
> Wie dem auch sei: Aussagen- und begriffsbasierter Ansatz unterscheiden sich 
> in dem, wie die Bedeutungen gewonnen werden. Der aussagenbasierte indirekt 
> durch Aussagen, der begriffsbasierte direkt durch Definitionen; das hat 
> erhebliche Konsequenzen Die von Ihnen angegebene Vorgehensweise ordne ich dem 
> begriffsbasierten Ansatz zu: 
> 
>> Die Festlegung und Auswahl der der Begriffe für einen Objektbereich ist von 
>> grundlegender 
>> Bedeutung, da ja die Aussagen auf diesen Begriffen aufbauen. 
> 
> ‚Objektbereich' hat bei mir eine andere Bedeutung; hier müsste 
> ‚Begriffsumfang' stehen. 
> 
>> Die Begriffe müssen also so gewählt werden, dass sich wichtige Aussagen 
>> damit formulieren lassen. 
> 
> Das ist nicht genug: man muss auch ihren Wahrheitswert sichern, und das kann 
> man im begriffsbasierten Ansatz nicht. Den Grund geben sie selber an: 
> 
>> Die Hoheit über die Auswahl und inhaltliche Festlegung der Begriffe 
>> repräsentiert eine bedeutende Macht. 
> 
> Die Festlegung ist also subjektiv. Bei mir heißt das: jede Definition enthält 
> ein willkürliches Element, und deswegen kann man beim Aufbau einer deduktiven 
> Wissenschaft nicht mit Definitionen beginnen, ganz abgesehen von der Frage, 
> ob solche Definitionen überhaupt möglich sind. Die Erfahrungswissenschaften 
> folgen jedenfalls dem aussagenbasierten Ansatz: bei ihnen werden die 
> Grundbegriffe NICHT definiert. 
> 
> Noch kurz einige Anmerkungen zur Ihrer Mail (1). 
> 
>> Auch in dem begriffsbasierten Ansatz werden Aussagen formuliert, … 
> 
> Das habe ich nirgends bestritten; es geht mir um die Sicherung ihres 
> Wahrheitswertes. 
> 
>> Es muss doch aber eine Beziehung zwischen den Aussagen und dem Objektbereich 
>> bestehen. 
>> Und wenn die Aussagen den Objektbereich nicht beschreiben, welche Aufgabe 
>> haben sie dann? 
>> Beschreiben soll hier nicht bedeuten, eine vollständige explizite Definition 
>> für den Objektbereich 
>> anzugeben, sondern Aussagen zu formulieren, die in dem Objektbereich wahr 
>> sind. 
> 
> Die Beziehung zwischen den Aussagen und dem Objektbereich habe ich doch 
> beschrieben, z.B. in dem folgenden Beispiel: 
> 
> [m1r'' + Gm1m2 g(r) = 0] =wahr, dabei ist g eine bekannte Funktion und F die 
> in eckiger Klammer stehende Gleichung. 
> DURCH ‚= WAHR' WIRD DIE WELT EINGETEILT IN EINE MENGE VON OBJEKTEN, FÜR 
> WELCHE F WAHR IST, DIE ALSO DEN OBJEKTBEREICH OF AUSMACHEN, und in eine 
> Menge, welche alle anderen Objekte enthält. Es gilt somit: 
> 
> (*) F = wahr für alle Objekte o Element aus OF. 
> 
>> Kann denn nicht der Fall auftreten, dass eine aufgestellte Aussage in dem 
>> Objektbereich falsch ist? 
> 
> Nein, denn (*) ist eine analytische Wahrheit, d.h. sie folgt allein aus den 
> Festlegungen. 
> 
>> Es kommt darauf an, wie der Bestätigungsgrad eingeführt wird. Der 
>> mathematische Apparat ist so flexible, 
>> dass es in der Mathematik "nichts gibt, was es nicht gibt". 
> 
> Da bin ich mir nicht so sicher: Zu meiner Zeit wäre ich durch die 
> Matheprüfung gefallen, wenn ich dort von der Dirac'schen Deltafunktion 
> gesprochen hätte. Sie galt damals als mathematischer Unfug, von Physikern 
> ausgedacht. Das Problem beim Bestätigungsgrad ist das Unendliche: Wenn ich 
> 1min mit meinem Handy telefoniere, habe ich für 1min kontinuierlich (also 
> unendlich oft) alle Naturgesetze „bestätigt", die im Mobilfunk verbaut 
> wurden. Wie will man da noch einen Grad einführen? 
> 
> Die Aussagen über Marx sind richtig, nur gilt er nicht als Vertreter des 
> Deutschen Idealismus. 
> 
>> Es gibt drei (pragmatische) Kriterien für die Bewertung von 
>> wissenschaftlichen (empirischen) Theorien. 
> 
> Bei mir ging es um Aussagen. Was eine wissenschaftliche Theorie ist, darüber 
> gibt es offenbar noch keine brauchbaren Angaben. Das wollte ich ändern, 
> herausgekommen sind dann die Deduktgeflechte. 
> 
> Viele Grüße 
> Peter Jaenecke

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