Man muss aber korrekterweise hinzufügen, dass es vor 20, 15 Jahren (also in der 
Zeit der Netzkunst) auch wenig Analyse gab. Es wurde vielmehr experimentiert 
und vieles aus der Kunstgeschichte (Dada, concept-art, etc.) imitiert 
(Ausnahmen bestätigten vielleicht nur diese Praxis). Insofern war diese Zeit 
auch schon ein kleines post- (mit welchen Verbindungen auch immer). 
 
gruss
Frank Richter
 
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Hallo Tilman,
von solchen Texten hätte ich gerne mehr der Rohrpost. In Kollegenkreisen reiben 
wir uns wiederholt verwundert die Augen, dass "Medien"- Arbeiten daherkommen 
mit dem Impetus des Aktuellen und einer neuen Diskursführung, die jeglicher 
historischer Kenntnis entbehren und es nicht notwendig finden, zu 
recherchieren, was vor 15 und 20 Jahren passiert ist.
Wir bräuchten mehr Analyse, die aufzeigt, unter welchen gesellschaftlichen 
Dispositiven Kunst zur Mode wird. Ändert denn „Post Internet Art“ etwas an der 
Kultur unseres Alltags? Oder ist es vielleicht nur ein Hinweis darauf, was 
passiert, wenn wir uns kritiklos ins "user"-Dasein abdriften lassen (das ist ja 
immerhin besser, als Nichtstun!)?
Wir bräuchten mehr Mut beim Produzieren und "in die Öffentlichkeit Tragen" von 
künstlerischen Artefakten: nicht die Strukturen bedienen, die gerade vorhanden 
sind, sondern überlegen, wie diese aus kultureller Perspektive aussehen könnten 
und zu ändern sind/wären.
Meine Erfahrung aus 20 Jahren "Medienkunst" ist es, das das Verständnis dessen, 
wie Medien Aussagen erzeugen, mit der rasanten technologischen Entwicklung, 
nicht angemessen gewachsen ist. Dieses Wachstum führt notwendigerweise zu einer 
Überforderung des Künstlers: Ob Netztechnologie, Informatik (z.B. Big Data) 
oder Biotechnologie: es gilt, mit den Experten mitzuhalten, die ihre Disziplin 
unter Einsatz immenser Geldmittel und ihrer ganzen Arbeitskraft betreiben. In 
diesen "Techno-Sciences" stecken unzählige geballte Existenzen. Der Künstler 
ist in diesem Kontext ja nicht einfach derjenige, der mit technischen Medien 
arbeitet, er deutet diese aus kultureller Sicht, kann dies aber nur wirksam 
tun, wenn er mit den aktuellen Entwicklungen vertraut ist. Im Augenblick droht 
dies für den Künstler in einer heillosen Überforderung zu münden.
Für die Öffentlichkeit sind im Augenblick nur Werke sichtbar, die innerhalb der 
existierenden Strukturen ihre Aussage gewinnen können (so wie dann die 
"Post-Internet-Art" dann das Netz reitet).
Es wäre dringend notwendig, der Kunst Förder- oder gar Forschungsmittel für 
ihre Arbeit zu gewähren. Wir Künstler sind vor der Technologie keine Genies, 
wir brauchen eben dieselbe Zeit, um sie zu kennen und zu verstehen wie 
Wissenschaftler. Wir brauchen Förderprogramme, die Technologie als 
kulturprägend erkennen deshalb das Verstehen und die PRODUKTION derselben auch 
unter künstlerischen Aspekten unterstützen.
Ursula
PS: vielleicht sollte ich hier auch einmal aus meiner Praxis als Lehrende 
berichten: von der (für sie selbst) quälenden Zerstreutheit der jungen 
Studierenden, dem Druck, im Netz zu einer "Identität" zu werden, der 
Orientierungslosigkeit, der Suche nach Referenz/Werten, dem Resignieren vor dem 
"es ist doch alles schon da" und "dagegen kommt man doch nicht an". Oder von 
dem großen Interesse von ausgewachsenen Künstlern an dem künstlerischen PhD 
Programm in Weimar - selbst Professoren suchen nach Orten in dieser 
Gesellschaft, wo Kunstproduktion reflektiert wird und Alternativen aufbaut zu 
den Dispositiven des Kunstmarkts
Am 26.09.2014 um 01:39 schrieb Tilman Baumgärtel:

 

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