Hi Tilman, hi Liste, grundsätzlich stimme ich mit Blick auf Spiegel und Co. zu. Nur gebe ich zu bedenken, dass wir natürlich gern auch Mythisieren. Erstens war der Code zu Beginn des Netzes noch recht überschaubar. Es gab Perl (1987), PHP (1995) ein bisschen Netzinfrastruktur (Apache kam 1994 aus dem NCSA HTTPd) und ein bisschen HTML (1992), JavaScript (1995) oder MySQL (1994). Damals gab es noch keine elaborierte IDE fürs Web, und nur die wenigsten beherrschten den AT-Befehlssatz ihres Modems. Wer's konnte, strickte Code im Ed, Ex, Vi oder Emacs auf 'ner Sun-Sparc-Station in der Informatik an der Uni. Wenn man heute eine technikorientierte Arbeit betreut, kein Programmierer ist, aber ein wenig tiefer als der Apfel-GUI-Klicker unterwegs ist, fällt auf, was für ein unglaubliches Biotop an Anwendungen, Frameworks, Bibliotheken etc allein für JavaScript existiert. Gegen die Infrastrukturen in Werken heutiger Netzkünstler (die teilweise das tun, was Du forderst, Tilman, nämlich medienreflexiv die Bedingungen technisch vermittelter Kommunikation ausloten) ist etwa Jodis Bombenbauplan technisch ein Witz - aber extrem mythisiert. Es spielt doch genauso wie die heutigen (Selbst)Darsteller mit den Oberflächen und kratzen höchstens ein bisschen Lack ab, indem sie HTML-Code zur visuellen Poesie mutieren lassen. Aber mit essentieller Netzkririk hat das nicht viel zu tun. Ebenso wie ihre Linkspielchen oder selbst das legendäre "Form Art" von Shulgin. Das will meinen: Nah waren die einschlägigen Künstler auch damals nicht unbedingt an einer radikal technikkritischen Position. Im Gegenteil: Ich behaupte, dass sie eher affirmierend waren. Weil sie eben nicht anders konnten. Bestes Beispiel ist der Hoax "life_sharing" der zerodotones. Oder entgegen Herrn Grethers Hymne auf den toywar sollten doch Wishart/Bochsler ins Rennen geführt werden.[1] Man hat schon damals gern so getan als ob... Und wir sollten uns hüten, diese Mythen fortzuschreiben. Vom Hacking eines Hackers waren unsere geliebtgelobten net.artisten weit entfernt. Und damit Künstlern wie Rafaël Rozendaal oder Parker Ito näher, als ihnen vielleicht lieb wäre. Langer Rede kurzer Sinn: Technizität als Essenzkriterium kann keine argumentative Hilfe fürs Verstehen sein, wenn es um Parallelen zwischen Gestern und Heute geht. Eher die Absenz des Könnens und Wissens um sie.
Übrigens sollte man sich über die Spiegels ansonsten keine großen Gedanken machen. Olia Lialina und Co. schaffen es, auch ohne Mainstream zu werden, in Ausstellungen, wie das gigantische Barbican-Digital-Revolution Projekt zeigte.[2] Every dog has its day... Gruß, F. [1] Adam Wishart, Regula Bochsler: Leaving Reality Behind. etoy vs. eToys and other battles to control cyberspace. New York (Harper Collins) 2003. [2] S. http://www.barbican.org.uk/digital-revolution/exhibition-and-events/participants/. Am 29.09.2014 um 14:52 schrieb Tilman Baumgärtel: > Es ist eher der Rest des Kunstbetriebs, der da geschlafen hat, wie > zum Beispiel das Zitat aus dem Spiegel zeigt.
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