Hallo!

Vielen Dank für die ausführliche Reaktion. In der Tat haben wir rohrpost mal gegründet, um solche Texte zu verbreiten und zu diskutieren, und jedes Listenmitglied ist eingeladen, dies zu tun.

Zu meinem Text möchte ich nur so viel hinzufügen, dass es nicht meine Absicht war, da eine geniale und verkannte "klassische" Netzkunst gegen die "Post-Internet-Art" der Gegenwart auszuspielen. The kids are alright, und wenn man nachfragt, wissen die meistens schon ganz gut, was da in den 90er Jahren los war. Es ist eher der Rest des Kunstbetriebs, der da geschlafen hat, wie zum Beispiel das Zitat aus dem Spiegel zeigt.

Gruesse,
Tilman

On 27-Sep-14 5:47 PM, Ursula Damm wrote:
Hallo Tilman,
von solchen Texten hätte ich gerne mehr der Rohrpost. In Kollegenkreisen reiben wir uns 
wiederholt verwundert die Augen, dass "Medien"- Arbeiten daherkommen mit dem 
Impetus des Aktuellen und einer neuen Diskursführung, die jeglicher historischer Kenntnis 
entbehren und es nicht notwendig finden, zu recherchieren, was vor 15 und 20 Jahren 
passiert ist.
Wir bräuchten mehr Analyse, die aufzeigt, unter welchen gesellschaftlichen Dispositiven 
Kunst zur Mode wird. Ändert denn „Post Internet Art“ etwas an der Kultur unseres Alltags? 
Oder ist es vielleicht nur ein Hinweis darauf, was passiert, wenn wir uns kritiklos ins 
"user"-Dasein abdriften lassen (das ist ja immerhin besser, als Nichtstun!)?
Wir bräuchten mehr Mut beim Produzieren und "in die Öffentlichkeit Tragen" von 
künstlerischen Artefakten: nicht die Strukturen bedienen, die gerade vorhanden sind, 
sondern überlegen, wie diese aus kultureller Perspektive aussehen könnten und zu ändern 
sind/wären.
Meine Erfahrung aus 20 Jahren "Medienkunst" ist es, das das Verständnis dessen, wie 
Medien Aussagen erzeugen, mit der rasanten technologischen Entwicklung, nicht angemessen gewachsen 
ist. Dieses Wachstum führt notwendigerweise zu einer Überforderung des Künstlers: Ob 
Netztechnologie, Informatik (z.B. Big Data) oder Biotechnologie: es gilt, mit den Experten 
mitzuhalten, die ihre Disziplin unter Einsatz immenser Geldmittel und ihrer ganzen Arbeitskraft 
betreiben. In diesen "Techno-Sciences" stecken unzählige geballte Existenzen. Der 
Künstler ist in diesem Kontext ja nicht einfach derjenige, der mit technischen Medien arbeitet, er 
deutet diese aus kultureller Sicht, kann dies aber nur wirksam tun, wenn er mit den aktuellen 
Entwicklungen vertraut ist. Im Augenblick droht dies für den Künstler in einer heillosen 
Überforderung zu münden.
Für die Öffentlichkeit sind im Augenblick nur Werke sichtbar, die innerhalb der 
existierenden Strukturen ihre Aussage gewinnen können (so wie dann die 
"Post-Internet-Art" dann das Netz reitet).
Es wäre dringend notwendig, der Kunst Förder- oder gar Forschungsmittel für 
ihre Arbeit zu gewähren. Wir Künstler sind vor der Technologie keine Genies, 
wir brauchen eben dieselbe Zeit, um sie zu kennen und zu verstehen wie 
Wissenschaftler. Wir brauchen Förderprogramme, die Technologie als 
kulturprägend erkennen deshalb das Verstehen und die PRODUKTION derselben auch 
unter künstlerischen Aspekten unterstützen.
Ursula
PS: vielleicht sollte ich hier auch einmal aus meiner Praxis als Lehrende berichten: von der (für sie selbst) 
quälenden Zerstreutheit der jungen Studierenden, dem Druck, im Netz zu einer "Identität" zu werden, 
der Orientierungslosigkeit, der Suche nach Referenz/Werten, dem Resignieren vor dem "es ist doch alles 
schon da" und "dagegen kommt man doch nicht an". Oder von dem großen Interesse von 
ausgewachsenen Künstlern an dem künstlerischen PhD Programm in Weimar - selbst Professoren suchen nach Orten 
in dieser Gesellschaft, wo Kunstproduktion reflektiert wird und Alternativen aufbaut zu den Dispositiven des 
Kunstmarkts
Am 26.09.2014 um 01:39 schrieb Tilman Baumgärtel:

Hi!

In der aktuellen Ausgabe von Monopol ist ein Essay von mir über das Verhältnis von 
"klassischer" net.art und der Post-Internet-Art der Gegenwart. Der Text wurde 
von der Redaktion leicht bearbeitet, darum sende ich hier mal den ursprünglichen Text.

Gruesse,
Tilman

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Essay

Das Große Funktionieren und seine Opposition

Von Tilman Baumgärtel

Als im Juni die App Circa 1948 von Stan Douglas veröffentlicht wurde, erinnern 
sich gleich zwei deutsche Leitmedien einer Episode in der Geschichte der 
Gegenwartskunst, der sie in deren Blütezeit Ende der 90er Jahre kaum Beachtung 
schenkten: der Netzkunst.

Während Jörg Scheller die Internet-Kunst in der Zeit als ein “so 
hoffnungsvolle(s) wie hoffnungslos unvollendete(s) Projekts der Postmoderne” 
beschreibt, sind bei Ulrike Knöfel im Spiegel nur vage Erinnerungen an eine 
“typische (und eigentlich immer erfolglose) Internetkunst” geblieben.

Irgendwas muss am Projekt einer Internet-spezifischen Kunst trotzdem dran 
gewesen sein. Sonst würde sie nicht gleich zwei Autoren in der selben Woche 
wieder in den Sinn kommen, als sie über ein Thema schreiben, das mit Netzkunst 
wenig mehr gemeinsam hat, als die Tatsache, dass sie mit der Hilfe von 
Computern hergestellt wurde. Und das hat sie heutzutage bekanntlich mit der 
Herstellung von Musik, Filmen, Autos oder Turnschuhen gemeinsam.

Die App von Stan Douglas ist eine technisch aufwendige Simulation vom Vancouver 
der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Technologie, mit deren Hilfe diese 
entsteht, interessiert ihn nicht – er lässt sie hinter einer Blümchentapete von 
aufwendig gerenderten 3D-Bildern verschwinden. Ganz im Gegensatz dazu hat die 
Netzkunst in ihrer klassischen Periode genau die Technik, die die Bedingung 
ihrer Existenz war, in den Mittelpunkt gestellt. Der wichtigste Gegenstand der 
Netzkunst war das Netz selbst, das die Netzkunst ohne Rücksicht auf Verluste 
dekonstruierte.

Falls beim Lesen des letzten Satzes vor Ihrem geistigen Augen Kolonnen von 
unverständlichem Computercode auf einem monochromen Monitor vorbeizurasen 
begannen und Sie anfingen, das Interesse an diesem Essay zu verlieren, ist 
damit ein zentrales Problem der frühen Netzkunst beschrieben. Obwohl das 
Internet ein zentrales Element unseres Lebens ist, bekommt ein Großteil des 
Kunstpublikums immer noch weiche Knie, wenn ein Werk irgendwas mit Computern zu 
tun hat. OMG, das muss was für Nerds sein!

Als wären wir nicht längst alle Nerds, denen irgendwie klar ist, dass die 
Computertechnik einer der wichtigsten Agent des Wandels unserer Lebenswelt ist. 
Wer sich jedoch als Künstler mit dieser Technologie beschäftigte, musste bis 
vor kurzem befürchten, aus der Welt der “richtigen” Kunst exkommuniziert zu 
werden und sich in dem Paralleluniversum der Medienkunst wiederzufinden.

Wenn in diesem Essay nun doch wieder von der Netzkunst die Rede sein soll, so 
nicht, um die Frage zu beleuchten, ob diese nun hoffnungsvoll, hoffnungslos 
unvollendet oder einfach nur erfolglos war. Der Anlass ist vielmehr eine neuere 
Tendenz in der Gegenwartskunst, die unter anderem als “Post Internet Art” 
bezeichnet wird. Dieser Terminus mag sich nicht gerade durch besondere 
Präzision auszeichnen – schon die Kombination seiner drei Wort-Elemente lässt 
einen im Unklaren darüber, ob es sich hierbei um eine Kunst nach dem Internet 
handelt (wieso, ist das Internet denn weg?) oder eine Kunst nach der 
Internetkunst. Auch haben bisher nur wenige Künstler Bereitschaft gezeigt, als 
Vertreter dieser neuen Kunstströmung zu firmieren. Die Ausstellung am Kasseler 
Fridericianum, die in Deutschland Künstler aus diesem Zusammenhang zum ersten 
Mal als Gruppe präsentierte, hat das Schlagwort von der Post Internet Art 
tunlichst vermieden, sondern trug den Titel “Speculations on Anonymous 
Materials”.

Doch wenn man sich genauer mit den Künstlern beschäftigt, die unter diesem 
unklaren Begriff zusammengefasst werden, schält sich durchaus eine Reihe von 
Gemeinsamkeiten heraus – unter anderem die Tatsache, dass viele Arbeiten dieser 
Künstler-Generation in irgendeiner Weise durch die Existenz des Internets 
inspiriert wurden, auch wenn diese nicht notwendigerweise im Internet 
stattfinden. Zu ihrem relativen Erfolg in der Kunstwelt scheint genau die 
Tatsache beigetragen haben, dass sie ihrem Publikum die Zumutung erspart, sich 
allzu intensiv mit der thematisierten Technologie zu beschäftigen.

Ich finde, dass die Künstler der Post Internet Art so ohne Grund eins ihrer 
mächtigsten Instrumente der Hand geben. Und ich glaube, dass man ihre Arbeit in 
einen fruchtbaren Dialog mit den Werke der frühen Netzkunst der 90er Jahre 
bringen kann – weniger mit historischem Abstand, sondern mit der 
Medienkompetenz, die einem im Laufe der letzten Jahre quasi aufgezwungen worden 
ist. Denn heute, wo das Internet zum selbstverständlichen Alltag geworden, 
sollte der technische Charakter der Netzkunst nicht mehr Verständnishürde sein. 
Das Internet ist nicht mehr das mysteriöse Cyber-Andere, das nur Hacker 
begreifen, wie zu der Zeit, als die Netzkunst ihren ersten Höhepunkt erlebte. 
Gerade die technischen Normen, die wir durch seine Nutzung Tag für Tag 
bekräftigen, können für mich noch immer ein fruchtbareres künstlerisches Sujet 
sein, als die “Inhalte”, die über das Netz verbreitet werden und die viele 
Künstler der Post-Internet-Art in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen.

Es geht mir dabei nicht darum, eine radikalere old school von Internet-Kunst 
nachträglich zu romantisieren als Kunst, die ihrer Zeit so weit voraus war, 
dass sie von den Zeitgenossen unglücklicherweise nicht verstanden wurde. 
Vielmehr will ich einen Blick auf die Aspekte der Netzkunst frei machen, für 
die ich sie liebe und die zu der Zeit ihres Entstehens einem Publikum, das mit 
dem damals neuen Medium Internet wenig vertraut war, entgangen sein mögen: ihre 
Gegenwärtigkeit, ihr Wahnsinn, ihre Wut, ihr Drama.

Als Mitte der 90er Jahre die ersten Künstler das Netz als künstlerisches Medium 
entdeckten, konzentrierten sie sich auf seine technischen Protokolle. Das 
Künstlerpaar Jodi.org schufen Arbeiten, die dem sich entwickelnden Code einer 
“benutzbaren” Website Hohn sprachen – genauso wie Nam Jun Paik (bei dem sie 
studiert hatten) es mit Video getan hatten, experimentierten sie mit den 
Möglichkeiten ihres Mediums, die nicht im Benutzer-Handbuch vorgesehen waren. 
So entstanden Arbeiten, die dem Geist des kreativen Technik-Experimentators 
entsprachen, für den der Begriff “Hacker” steht. Künstler wie Olia Lialina, 
Alexei Shulgin oder Vuk Cosic arbeiteten auf geistesverwandte Weise.

Aber dieser “Web-Formalismus” war nur ein Teil der Netzkunst. Der 
Videokunst-Veteran Douglas Davis nutzte – anknüpfend an die “exquisite Leiche” 
der Surrealisten – die Interaktivität des Internets, um seine Nutzer einen 
potentiell endlosen Satz schreiben zu lassen: “The World Longest Sentence” von 
1994. Julia Scher thematisierte in ihren Webprojekten die Online-Überwachung, 
die heute zu einem der wichtigsten politischen issues der Gegenwart geworden 
ist. Cornelia Sollfrank entwickelte einen „net.art generator“, der aus 
Netz-Bildern neue Kunstwerke generierte und thematisierte so ein aus dem Ruder 
gelaufenes Regiment des Urheberrechts. Netzkunstkollektive wie RTMark, die Yes 
Men oder 0100101110101101.org entwickelten eine künstlerische Form des 
Internet-Aktivismus. Und die Künstlergruppe Etoy schufen mit der Inszenierung 
ihrer gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Online-Unternehmen Etoys um die 
Domain etoy.com eine globale Performance, die der Klimax der frühen Netzkunst 
war.

Zugegeben: die meisten dieser Arbeiten entzogen sich der umstandslosen 
Präsentation im White Cube, da sie zu einem wichtigen Teil im Netz stattfand. 
Spricht das gegen sie? Performance Art und Videokunst galten auch lange als 
nicht mit dem regulären Ausstellungsbetrieb kompatibel. Trotzdem ist die 
Performance-Künstlerin Marina Abramović heute die bekannteste, Videokünstlerin 
Pipilotti Rist eine der teuersten Künstlerinnen der Gegenwart.

Ich und eine Reihe von anderen Autoren haben in den 90er Jahren die Werke der 
Netzkunst als selbst-reflexive, ihr Medium thematisierende Kunstform 
beschrieben, als ein “Materialprüfungsamt des Internets”. Damit standen wir in 
einer soliden kunsttheoretischen Tradition. Clement Greenberg hatte am 
Abstrakten Expressionismus hervorgehoben, dass sich dieser mit den Mitteln der 
Malerei – Leinwand und Ölfarbe – beschäftigte. Für andere Kunstbewegungen und 
Künstler der Hochmoderne mag ähnliches gelten.

Schon an der Videokunst hatten Autoren wie David Antin die “distinctive 
features of the medium” als ihr wichtigstes Thema hervorgehoben. Aus diesem – 
technisch geprägten, aber sozial begründeten – Denken heraus entstanden schon 
in der Frühzeit der Videokunst Werke, die den technischen Charakter ihres 
Mediums thematisierten, ohne nerdige Techno-Basteleien zu sein. Man denke 
daran, wie Richard Serra und Nancy Holt in „Bommerang“ (1974) die 
Hinterbandkontrolle eines Videorekorders, um die Mechanismen unserer 
Wahrnehmung zu hinterfragen oder gründlich durcheinanderzubringen. Wie Dan 
Graham in seinem „Time Delay Room“ (1974) eine Videoband-Schleife dazu nutzten, 
um erkenntnistheoretische Fragen erfahrbar zu machen. Wie Bill Viola in seiner 
– heute tragischerweise im Depot des Hamburger Bahnhofs verschollenen – 
Installation „He weeps for you“ (1976) die damals brandneue Technik der 
Video-Projektion nutzten, um bei seinen Betrachtern eine quasi-transzendentale 
Erfahrung auszulösen. Solche Werke arbeiten mit den genuinen Eigenschaften 
ihres Mediums und sind gleichzeitig bis heute rätselhaft, poetisch, enigmatisch.

Die spezielle Pointe der frühen Netzkunst bestand darin, dass sie ihre 
materialästhetischen Experimente mit einem Medium durchführten, bei dem schon 
zu dieser Zeit klar war, dass es eine kaum zu überschätzende soziale, 
kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung haben würde. Und genau diese Relevanz 
des Internet thematisierte die Netzkünstler der 90er Jahre, indem sie mit dem 
Netz und seinen technischen Grundlage ihr Unwesen trieben. Diesen Ansatz finde 
ich bis heute relevant – relevanter jedenfalls als die denkfaule Infantilität 
von Leuten wie Ryan Trecartin oder Parker Ito, der sich unter dem Label „Post 
Internet Art“ gegenwärtig so großer Beliebtheit erfreut.

Um 2000 war klar geworden, dass die Netzkunst nicht auf das Interesse einer 
Kunstwelt hoffen durfte, die Kunst als auratisches, ausstellbares und vor allem 
als für viel Geld verkäufliches Objekt betrachtete. In der folgenden dunklen 
Jahren der Netzkunst entwickelten eine Reihe von Theoretikern – unter anderem 
Rosalind Krauss, Peter Weibel oder Domenico Quaranta – die Idee einer “Post 
Media Art”. Die ging, stark vereinfacht, so: Wegen der zunehmenden 
Heterogenität der künstlerischen Medien (Krauss) oder weil sowieso alles 
digital geworden ist (Weibel, Quaranta), ist medienspezifisches Arbeiten 
irrelevant geworden. Rosalind Krauss zog daraus den Schluss, dass Kunst sich 
stattdessen wieder auf ihre “Essenz” besinnen sollte.

Diese Idee einer “Essenz” der Kunst lehne ich als Wieder-Einführung des 
Künstler-Originalgenietums durch die Hintertür ab. Nur weil alles digital 
geworden ist, bedeutet das nicht, dass es keine Eigengesetzlichkeit der 
digitalen Medien mehr gibt. Facebook, WhatsApp, Google Street View, Instagram, 
mein Smartphone – sie alle haben unübersehbare Eigengesetzlichkeiten, die nach 
künstlerischer Bearbeitung verlangen. So wie zur Zeit der Dadaisten die Plakate 
an der Litfaßsäule oder in Andy Warhols Sixties die Konservendose nach 
künstlerischer Bearbeitung schrien – einfach weil sie relevante und entlarvende 
Elemente der Alltagskultur ihrer Zeit waren. Genauso können heute die 
zwanghafte Positivität des Facebook-„Like“-Buttons oder die Monetarisierung der 
Daten der User durch das soziale Netzwerk Themen sein, die künstlerische 
Beachtung verdient. Dass Technologie für Künstler “nur noch ein Ready-Made“ 
ist, um Jon Rafmans Formulierung zu verwenden – das ist ein schwaches Argument 
(und eins, das Rafman selbst in seinen besten Arbeiten tunlichst ignoriert hat).

Dass die digitalen Medien heute technischen Protokolle gehorchen, die weniger 
offensichtlich sind als in den 90er Jahren, weil sie (scheinbar) so gut 
funktionieren, heißt nicht, dass diese weniger relevant sind – im Gegenteil. 
Gerade weil die Black Box der Technologie heute besser schließt als zu einer 
Zeit, als sich der PC noch regelmäßig mit dem Blue Screen of Death 
verabschiedet und das Herunterladen der Email eine Geheimwissenschaft war, muss 
man sie künstlerisch thematisieren. Andernfalls macht man sich der 
Mittäterschaft an einem “flüssigen Kapitalismus” (Zygmunt Bauman) schuldig, in 
dem die Technik unhinterfragtes Element des Großen Funktionierens geworden ist. 
Die Enthüllungen über die umfassende, globale Datenspionage von NSA, BND und Co 
haben gezeigt, was passiert, wenn man sich damit zufrieden gibt, dass die 
Technik so „benutzerfreundlich“ wie möglich den eigenen Wünschen zu dienen und 
ansonsten Ruhe zu geben hat. Dass das nicht funktioniert – darauf hat die 
Netzkunst bereits vor fast zwei Jahrzehnten hingewiesen.

Die Post Net Art übrigens auch. Die „digital natives“ der Gegenwart haben sich 
in ihre besten Werken auch heute wieder auf Technik als ästhetisches Problem 
eingeschossen. Constant Dullaarts epische Schlacht mit Google, Youtube und 
ihren Interfaces. Aram Bartholls gleichzeitig imaginäres wie auch sehr reales 
„Dead Drops“-Netzwerk. Oliver Larics digitale „Versions“ und deren konkrete 
Umsetzung mit dem 3D-Drucker. Lorna Mills schockierende Collagen aus 
GIF-Animationen. Aleksandra Domanovićs digitale „Found-Footage“-Archäologie. 
Das gesamte künstlerische Universum von Cory Arcangel. All diese künstlerischen 
Œuvres bedienen sich der neuen Technologien selbst, um über deren Bedeutung 
nachzudenken.

Diese Arbeiten sind wichtige Beiträge zu einer wichtigen Debatte, und sie 
setzen die Arbeit an solchen Themen mit einer Geisteshaltung fort, die der der 
frühen Netzkunst näher ist als es auf den ersten Schritt erscheinen mag. Einige 
deren wichtigsten Protagonisten dieser Periode – wie Jodi oder Olia Lialina – 
sind übrigens bis heute aktiv, und ihre Werke sind relativ umstandslos 
anschlussfähig an den Diskurs einer mit Technik befassten Kunst, für die ich 
nicht länger als „Post Internet Art“ bezeichnen möchte. Es ist schlicht und 
einfach Gegenwartskunst, die unser Verhältnis zur Technologie auf eine Weise 
thematisiert, die der der Hacker, DIY-Aktivisten und Maker von heute 
geistesverwandt ist, aber sie darüber hinaus zu einem Ausgangspunkt 
kritisch-hinterfragender Reflexion zuspitzt.
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Dr. Tilman Baumgärtel lebt als Publizist in Berlin und unterrichtet 
Medienwissenschaften an der Hochschule Mainz. Seine Bücher “net.art – 
Materialien zur Netzkunst” (Verlag für moderne Kunst 1999) und “net.art 2.0 – 
Neue Materialien zur Netzkunst” (Verlag für moderne Kunst 2001) waren die 
international ersten Buchpublikationen über Internet-Kunst.

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Dr. Tilman Baumgärtel
[email protected]
Twitter:  Tilman Baumgaertel ?@tilmazio

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prof. ursula damm
gestaltung medialer umgebungen
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