Hallo Liste,

in dieser Rohrpost-Debatte scheint einiges durcheinander geraten zu sein. Zum einen (@ Andreas) ist die Kritik der Kritiker extern motiviert und publiziert und von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängig, zum Beispiel vor allem von Noack/Buergels Verheißungsrhetorik, welche offenbar doch nicht so aufgeht, wie sich's Thomas Wagner (mit Vorsicht allerdings) in der FAZ vorab wünschte.

Im Gegenteil: Ist es nicht beschämend, dass sich die Kritik, zumal in der Tagespresse, recht unelegant davor drückt, kuratorische Fehlleistungen zu offenbaren und sich auf Botanisches beschränkt? (Hier wüsste ich auch gern noch mal, was die Arbeit mit Medienkunst zu tun hat.)

Im positiven Falle einer intensiven, negativen Kritik: Es kann doch nicht sein, die Kritiker für ihre Auseinandersetzung mit den gigantomanischen Ausstellungen in diesem Jahr zu abzuwatschen, noch gar mit der Folge dass man der negativen Kritik im Allgemeinen ihre Berechtigung abspricht. Auf in die zahnlose Hofberichterstattung? Es gilt doch vielmehr, dass die Kritik nicht scharf genug sein kann. Mein Eindruck verstärkt sich immer mehr, dass eigentlich noch viel zu wenig Widerstand gegen Werte- und Themenverbrenner aufkommt, dass die Kritik - ganz gleich von wem - genau dort verharrt, wo sie sich schon seit langem eingerichtet hat: als selbstgefällige Stütze für einen selbstgefälligen Markt. Wobei ich ein paar recht amüsante Geschichten gelesen habe, die eben nicht in die Richtung tendieren, zB letzte FAS, Richter/Maaks Reisebericht).

Auch sollte man dann zwischen den Formen der Kritik unterscheiden. Ich habe mich derweil auf die Tagespresse kapriziert. Wenn nun in den Texten zur Kunst o. ä. Formaten etwas erscheint, muss es unter anderen Leitmomenten produziert werden, und dort ist auch der Platz zur deskriptiven Aneignung/Auseinandersetzung und tiefer gehender Interpretation. Also, über welche Kritik schreiben wir hier?

Des Weiteren halte ich's mit Armin, wenn er schreibt, dass wir uns doch mal an Elisas Einwurf orientieren sollten, schließlich ist es die Rohrpost, auf der die Debatte läuft. Leider schaffe ich's erst Ende Juli zur documenta. Dann sind wahrscheinlich alle Debatten ohnehin abgeebbt. Nur eins werde ich gewiss nicht aus dem Auge verlieren: die Präsenz, Präsenation und Qualität der Medienkunst vor Ort. Das liegt schlicht an meinem beruflichen Interesse. Und wenn ich dort ein Missverhältnis bzw. Unterrepräsentation verspüren sollte, halte ich das für bemerkenswert und kritikwürdig.

Noch ein Wort zu Medienkunst als Phänomen im Bereich "Hochkunst": Ich denke, dass man es sich zu leicht macht (@ Armin), wenn wir - verkürzt - sagen, dass auf Teufel komm raus produziert wird, dass es Einflüsse/Interferenzen/Oszillationen gibt; doch sollten Ursache und Wirkung nicht verkehrt werden. Auf der Basis meiner Rezeptionserfahrung ist Medienkunst nach wie vor ein problematisches Feld, wie im übrigen jedes andere künstlerische auch. Aber Flachware (s. Ubermorgen, zero dot one etc.) verkauft sich halt leichter, das ist doch der große alte Hut. Aber ist es die wirksamste Lösung, den Markt zu hijacken, um vielleicht dann dem nachgehen zu können, was einem wirklich am Herzen liegt? So banale Äußerungen wie Medienkunst habe es nicht geschafft Pop zu werden, braucht man nicht als Referenz, um zu belegen, wie viele Merkwürdigkeiten gerade aus der vermeintlichen Theorie kommen. Im Sinne einer integrativen Auseinandersetzung mit Kunst geht es nicht um Anbiederung an die hehren Sphären, sondern letztlich darum, dass die Großriege der Kuratoren einfach Werke verpassen, die ihre Konzepte stützen, bereichern, erweitern könnten. Es geht nicht um die Amalgamierung aller Kunstäußerungen. Denn was wäre das schon? Es ist die Unbildung, Ignoranz oder Blindheit für Erscheinungen, welche dazu führt, dass es extrem schwer fällt, sich mit einem extern geprägten Wissen der Medienkunst anzunähern. Produzenten haben das Problem der Vermittlung ja erst einmal nicht, wenn sie produzieren. Der Druck entsteht doch genau dann, wenn ein Vermittlungsinstrument wie eine Ausstellung es nicht schafft, das kuratorische Vokabular und Handwerkszeug zu entwickeln, um Werke denjeningen näher zu bringen, die sich vielleicht auch dafür interessieren und zu verstehen versuchen, was das mit dem zu tun hat, das sie vielleicht zu kennen meinen.

Ich schlage daher vor, dass in diesem Kontext nicht von DER Medienkunst als "Wesen" gesprochen wird, sondern über den Umgang mit und der Vermittlung von ihr und den Konsequenzen, welche daraus generell folgen, und da gibt's eine Menge einzufordern und natürlich wohl auch - nehme ich die Kritiken ernst - an der documenta zu kritisieren.

Viele Grüße
Matthias

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