Hallo Guido,


On Sun, 26 Oct 2008, Guido Stepken wrote:

Beim Programmieren mit BotsInc. und dann auch noch mit einer 'echten'
Programmiersprache, sehe ich nicht, dass es "die Hirne unterfordert"...

Wenn die mentalen Modelle dahinter zu einfach sind, verlieren die Schüler sogar 
das Interesse daran ... sie schaffen dann oft noch nicht einmal diesen 
Primitivkram ... sie würden aber komplexere mentale Modelle locker schaffen, 
weil ihnen das dann viel interessanter vorkommt ... Viele schließen 
fälschlicherweise, dass das Niveau noch weiter gesenkt werden müsse.

Das ist das Dilemma der SPD und der Gesamtschulen in NRW der 80er Jahre gewesen ... Jeder muss das Abi schaffen können ... soweit wird das Niveau gesenkt ... den Lehrern kam das auch entgegen ... sie brauchten dann auch keine moderne Didaktik und neue Inhalte, Sprachen lernen ... Und was ist heute ... Ich weiß, dass sogar leicht behinderte Kinder mit 4 schon fließend 3 Sprachen sprechen können ... nur unsere Pädagogen sind zu ungebildet ;-( Die können meist nur eine fließend ... Deutsch :-( Warum nicht Mathe - Unterricht mal zur Abwechslung in Arabisch? (da haben wir ja Mathe her ;-)

Den letzten Punkten muß ich doch wenigstens teilweise widersprechen. Die Absenkung des Abiturniveaus, damit es jeder schafft, erleben wir hier gerade auch wieder einmal. Aber aus dem, was ich an der Schule erlebe, kann ich dir nicht darin recht geben, daß das den Lehrern entgegenkomme. Da wirst du kaum einen finden, der nicht den guten alten Leistungskursen nachtrauert und den Niveauverfall beklagt.

Das mit den ungebildeten Pädagogen ist auch so eine zweischneidige Sache. Erst unlängst durfte ich meinem Mathe-LK gegenüber erst wieder einmal erklären, wie so jemand wie ich auf die Idee kommt, Lehrer zu werden, wo die Lehramtsstudenten doch eigentlich im Normalfall eher schlechte Studenten seien. Noch ist es in der Tat wenig reizvoll für gute Leute, diesen Beruf zu ergreifen, solange er mit diesem Makel behaftet ist. Freilich weiß ich selber, wie mittelmäßig viele Leute in unserem Geschäft sind. Aber das ist wohl fast ein Henne-Ei-Problem, das viel mit Einstellungspolitik zu tun hat, bei der alle paar Jahre die besten Leute nicht unterkommen und bald darauf einfach jeder genommen wird. Auf, ihr klugen Köpfe dieser Welt: Werdet Lehrer! Und sorgt dafür. daß die Herrschaften an den Universitäten endlich aufhören, die Lehramtsstudenten nur als notwendiges Übel mitzuziehen. Das jedenfalls war über weite Strecken meine Erfahrung in meiner Studienzeit. Aber immerhin ist Bildung derzeit endlich wieder ein Thema, mit dem sich Politik treiben läßt.

Fremdsprachigen (oder zumindest bilingualen) naturwissenschaftlichen Unterricht gab es auch schon immer wieder einmal in Schulversuchen. Es ist schade, daß du Lehrer prinzipiell so unterschätzt, wie du es ihnen ihren Schülern gegenüber vorwirfst. Freilich kann ich deine Haltung durchaus nachvollziehen, aber manchmal nervt die Pauschalschelte doch etwas.

Der kreative Spielraum schränkt sich etwas ein, wenn man dauernd alles juristisch wasserdicht machen muß und auch noch dauernd darauf zu sehen hat, daß Schüler problemlos die Schule wechseln können sollen. Ehrlich gesagt, bin ich durchaus ein wenig gespannt, wie lange ich z.B. in info10 überhaupt etwas Anderes als Java werde machen *dürfen*. Wenn da ein Elter dumm nachfragt, kann leicht eine Ausführungsbestimmung folgen, die mir meine Nischen verbietet.

Zu den "Schleifenkonstrukten":

Ich lese lange genug smalltalk-mailinglisten, um verstanden zu haben, welch tolle Sache Iteratoren sind. Aber das hilft mir nichts, solange im Lehrplan steht, daß ich for- und while-Schleifen zu lehren habe. Also muß ich die zumindest kurz mit einfachen Beispielen machen. Das ist ein juristisches Problem. Es gibt genug Sachen, die ich nicht verstehe: Etwa die Panik, die so viele Didaktiker/Kollegen in der Informatik haben, wenn es um das Variablenkonzept geht (da merkt man eben deutlich das Pascal-Erbe, wo die Schüler traditionell an den mathematischen Algorithmen gescheitert zu sein scheinen). Genauso befremdlich ist für mich ein spontaner Konsens unter führenden Kollegen darüber, daß es in einem Jahr Informatikunterricht in einer 10. Jahrgangsstufe zum Thema OOP ausgeschlossen ist, GUI-Programmierung zu schaffen.

Du hast schon recht mit der Unterschätzung der Schüler. Ich selber bekomme immer wieder Verwunderung darüber zurückgemeldet, daß Schüler mein Anspruchsniveau auch nicht wesentlich schlechter bewerkstelligen als andere das anderer Kollegen, die sich solche Aufgaben wie ich gar nicht zu stellen trauen.

Die Verlockung ist groß, auf politisch gesetzte Rahmenbedingungen zu schimpfen, aber das ist auch kein produktiver Lösungsansatz.

Schöne Grüße

Markus
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 Markus Schlager                  [EMAIL PROTECTED]

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