Lieber Herr Umstätter, hier muß ich einhaken. Herr Jaenecke konstruiert einen Gegensatz zwischen Begriff und Aussage, weil für ihn - nach Hilbert - ein Begriff eine Art Fixum ist, das durch seine Unterbegriffe bestimmt ist .Er möchte micht - nach Frege - erkennen, dass in einem Begriff bereits eine Aussage enthalten ist durch seine Definition bzw. die mögliche Nennung seiner konstituierenden, also wesentlichen Merkmale, die ihn mit den Merkmalen anderer Begriffe vernetzt und somit eine Systematisierung erlaubt. Somit erklären sich Herrn Jaeneckes Weltanschauungen. Viele Grüße von Ingetraut Dahlberg
"Peter Jaenecke" <[email protected]> schrieb: Bezug: Gesendet: Sonntag, 26. Mai 2013 um 11:59 Uhr Von: "Walther Umstaetter" <[email protected]> An: [email protected] Betreff: Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung einer deduktiven Wissenschaft als Deduktgeflecht Sehr geehrter Herr Umstätter, in meinem letzten Beitrag führte ich unter der Bezeichnung aussagen- und begriffsbasiert zwei Ansätze ein, zu denen zwei grundverschiedene, sich gegenseitig ausschließende Weltanschauungen gehören. Was in der einen wahr ist, kann in der anderen falsch sein. Außerdem kann es vorkommen, dass ein bekanntes Problem der einen in der anderen gar nicht formulierbar ist. Das hat zur Folge, dass keine der aus einer bestimmten Weltanschauung heraus formulierten Aussagen allgemeine Gültigkeit beanspruchen darf. Das gilt auch für Ihre der begriffsorientierten Weltanschauung zugehörigen Aussagen > Je genauer wir die Aussagen über einen Objektbereich beschreiben bzw. diesen > definieren, > desto leichter werden wir unsere Wissensgrenzen erkennen. Oder anders gesagt, > desto > leichter wird unsere Aussage falsifizierbar. In der von mir favorisierten aussagenbasierten Weltanschauung dienen die Aussagen nicht dazu einen Objektbereich zu beschreiben oder zu definieren, denn das ist unmöglich. Daher bleibt der Objektbereich immer offen, und daher lassen sich auch keine Wissensgrenzen erkennen. So ist es z.B. grundsätzlich nicht möglich, mit den Mitteln der klassischen Mechanik die Grenzen der klassischen Mechanik zu bestimmen. Außerdem gibt es im aussagenbasierten Ansatz keine Falsifikation. Fazit: Man muss sich für eine der beiden Weltanschauungen entscheiden. Ich habe mich für die aussagenbasierte entschieden, und insofern stehe ich den Behauptungen und Problemen der begriffsbasierten ziemlich gleichgültig gegenüber: ich lasse sie gelten, aber ich habe mich von ihnen gewissermaßen losgesagt. > Beim Wissen ist entscheidend, wie > - präzise das Wissen ist (Wie genau trifft unsere Vorhersage zu? ) > - fehlertolerant es ist (Welche Schwankungsbreite ist einzukalkulieren?) > - zuverlässig es ist (Wie wahrscheinlich liegt die Vorhersage innerhalb der > Toleranzbreite?) > - ausgedehnt die zeitliche Reichweite ist (In welchem Zeitraum besteht > Gültigkeit?) > - ausgedehnt die thematische Reichweite ist (Gilt die Vorhersage nur für > einen Spezialfall?) > - komprimiert es ist (Kann ich es beispielsweise in eine knappe Gleichung > fassen?) Sie wechseln hier auf Wissen, während sich meine Ausführungen ausschließlich auf Aussagen beziehen. Das hat seinen Grund: Nur bezüglich Aussagen vermag ich sauber festzulegen, was eine Herleitung sein soll. Ihre ersten drei Fragen beziehen sich auf Genauigkeit, Schwankungs- und Toleranzbreite; es sind dies aber aus meiner Sicht keine Eigenschaften von Aussagen; ich kenne sie nur als Eigenschaften von Messwerten und technischen Geräten. Die Fragen 4 und 5 gehören bei mir in den Umkreis Objektbereich, wobei mir allerdings eine zeitlich begrenzte Gültigkeit z.B. von Naturgesetzen Schwierigkeiten bereitet. Die letzte Frage gehört in die Darstellungsproblematik und ist ein eigenes Thema. > Sie schreiben: Eine davon ist die Behauptung Wissen ist nie absolut > gesichert. Sie ist > im aussagenbasierten Ansatz entweder trivial oder falsch, je nach dem, was > man unter > absolut versteht. Ich würde sagen, in der realen Welt ist es inzwischen > zwar trivial aber > nicht falsch. Das absolut bezieht sich auf den jeweiligen Begriffsrahmen. Ich hatte mich ja ausdrücklich auf den aussagenbasierten Ansatz bezogen und hier ist der Wahrheitswert der Aussagen gesichert. In diesem Ansatz gibt es auch keinen Begriffsrahmen. Man findet in der wissenschaftstheoretischen Literatur immer wieder die (dem begriffsbasierten Ansatz entstammende) Behauptung, Naturgesetze seien bloß mehr oder weniger gut bestätigte Hypothesen. Soll dies nicht bloß eine philosophische Floskel bleiben, muss man den Bestätigungsgrad so einführen, dass man ihn zu jeder gegebenen Hypothese bestimmen kann. Das ist auch mehrfach erfolglos versucht worden, und, soweit ich weiß, wird daran noch immer geforscht. Eine gute Zusammenfassung dieses ganzen Themenkomplexes bietet: Rosenthal, Jacob (2007): Induktion und Bestätigung. In: Andreas Barthels & Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. Mentis Verlag. Paderborn, 2007, p. 109 133. Dort findet man, dass man mit simplen Wahrscheinlichkeitsbehauptungen nicht weit kommt; man findet dort aber auch, welche Blüten die Bestätigungstheorie inzwischen getrieben hat. Im aussagenbasierten Ansatz kann man zeigen, dass es unmöglich ist solch einen Bestätigungsgrad anzugeben. Interessant und für mich unverständlich ist, dass in allen mir bekannten wissenschaftstheoretischen Arbeiten das Technikargument ignoriert wird. Das scheint offenbar ein Erbe des Deutschen Idealismus zu sein: Da Kant mit der Technik nichts anzufangen wusste und Hegel sie sogar verteufelte, scheint sich auch bei ihren direkten und indirekten Nachfolgern bis auf den heutigen Tag eine gewisse Technikblindheit erhalten zu haben. Ich kenne nur eine Arbeit (sie stammt von einem Naturwissenschaftler) in der mit Nachdruck das Technikargument vertreten wird. Es ist dies: DESSAUER, FRIEDRICH (21960): Naturwissenschaftliches Erkennen. Beiträge zur Naturphilosophie. Verlag Josef Knecht. Frankfurt/Main, 1960, p. 9f und an zahlreichen anderen Stellen des Buches. Dort heißt es: »Es gibt im ganzen Bereich der menschlichen Bemühung um Wissen ein Gebiet, worin dieses Streben zu gültigem Besitz gelangt Auf diese Zone des sicheren Wissens beruht ein Feld menschlicher Gestaltung. Wir nennen es Technik, und das dort Gestaltete verbürgt die Echtheit des Naturwissens, aus dem heraus gestaltet wurde. Wären die kanonischen Sätze der Mechanik, die Maxwell-Sätze der Elektrodynamik, die Elektronik, Quantenphysik und so fort ein Als ob, eine Fiktion, dann gingen unsere Maschinen nicht, und die Dynamos gäben keinen Strom, die Sulfonamide heilten nicht, die Barbitursäurepräparate brächten keinen Schlaf und stillten keine Schmerzen.« Heute kann man die Liste noch um zwei weitere machtvolle Beispiele ergänzen: Um Internet und Mobiltelefonie zu realisieren, wird (von Quantenelektrodynamik, Stringtheorie und Ähnlichem abgesehen) so ziemlich die gesamte Physik gebraucht, d.h. es sind zahlreiche Gesetze im Einsatz. Sie müssen alle aufeinander abgestimmt sein und sie müssen in aller Strenge gelten. Wenn eines dieser Gesetze nur ein bisschen falsch wäre, würde etwa der Mobilfunk nicht bloß ein bisschen funktionieren, sondern gar nicht. Jedes Telefonat lässt sich als ein kontinuierlicher gleichzeitiger Bestätigungsversuch dieser Gesetze interpretieren. Wie will man aufgrund dieser Fakten einen sinnvollen Bestätigungsgrad definieren? > Wenn ich es richtig sehe, basiert all unser Wissen eigentlich immer nur auf > Erfahrung Das steht aber im Widerspruch zu der von Ihnen vertretenen Philosophie, wonach Gesetze durch einen über die Erfahrung hinausgehenden Induktionsschluss gewonnen werden. Und eben wegen dieses Hinausgehens hat man ja den ganzen Bestätigungsschlamassel. Viele Grüße Peter Jaenecke
