Hallo zusammen,
hier noch mal meine Auffassung. Der Unterschied zwischen dem begriffsbasiertem und dem aussagenbasierten Ansatz ist nicht klar. Zunächst benötigt man für die Aufbau von Aussagen Begriffe (und Relationen). Aussagen haben einen Wahrheitswert, Begriffe als solche sind weder wahr noch falsch. Sie sind aber wesentliche Konstituenten von Aussagen, Z.B. ist der Begfriff "Igel" weder wahr noch falch; es lassen sich aber viele Aussagen konstruieren, die diesen Begriff enthalten. Z.B. "Der Igel ist ein Säugetier", "Der Igel hat Stacheln"; "Dieses Tier da auf der Strasse ist ein igel,. " u.s.w. Die Festlegung und Auswahl der der Begriffe für einen Objektbereich ist von grundlegender Bedeutung, da ja die Aussagen auf diesen Begriffen aufbauen. Die Begriffe müssen also so gewählt werden, dass sich wichtige Aussagen damit formulieren lassen. Die Hoheit über die Auswahl und inhaltliche Festlegung der Begriffe repräsentiert eine bedeutende Macht. Sie kann zur Manipulation der Menschen verwendet werden (schön dargestellt in G. Orwell, 1984).


Viele Grüße

Heinrich Herre


Am 30.05.2013 13:23, schrieb [email protected]:
T-Online eMail  Lieber Herr Umstätter,
hier muß ich einhaken. Herr Jaenecke konstruiert einen Gegensatz zwischen Begriff und Aussage, weil für ihn - nach Hilbert - ein Begriff eine Art Fixum ist, das durch seine Unterbegriffe bestimmt ist .Er möchte micht - nach Frege - erkennen, dass in einem Begriff bereits eine Aussage enthalten ist durch seine Definition bzw. die mögliche Nennung seiner konstituierenden, also wesentlichen Merkmale, die ihn mit den Merkmalen anderer Begriffe vernetzt und somit eine Systematisierung erlaubt.
Somit erklären sich Herrn Jaeneckes Weltanschauungen.
Viele Grüße von Ingetraut Dahlberg




"Peter Jaenecke" <[email protected]> schrieb:

    *Bezug:*
    *Gesendet:* Sonntag, 26. Mai 2013 um 11:59 Uhr
    *Von:* "Walther Umstaetter" <[email protected]>
    *An:* [email protected]
    *Betreff:* Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung einer
    deduktiven Wissenschaft als Deduktgeflecht
    Sehr geehrter Herr Umstätter,
    in meinem letzten Beitrag führte ich unter der Bezeichnung
    aussagen- und begriffsbasiert zwei Ansätze ein, zu denen zwei
    grundverschiedene, sich gegenseitig ausschließende
    "Weltanschauungen" gehören. Was in der einen wahr ist, kann in der
    anderen falsch sein. Außerdem kann es vorkommen, dass ein
    bekanntes Problem der einen in der anderen gar nicht formulierbar
    ist. Das hat zur Folge, dass keine der aus einer bestimmten
    Weltanschauung heraus formulierten Aussagen allgemeine Gültigkeit
    beanspruchen darf. Das gilt auch für Ihre der begriffsorientierten
    Weltanschauung zugehörigen Aussagen
    > Je genauer wir die Aussagen über einen Objektbereich beschreiben
    bzw. diesen definieren,
    > desto leichter werden wir unsere Wissensgrenzen erkennen. Oder
    anders gesagt, desto
    > leichter wird unsere Aussage falsifizierbar.
    In der von mir favorisierten aussagenbasierten Weltanschauung
    dienen die Aussagen nicht dazu einen Objektbereich zu beschreiben
    oder zu definieren, denn das ist unmöglich. Daher bleibt der
    Objektbereich immer offen, und daher lassen sich auch keine
    Wissensgrenzen erkennen. So ist es z.B. grundsätzlich nicht
    möglich, mit den Mitteln der klassischen Mechanik die Grenzen der
    klassischen Mechanik zu bestimmen. Außerdem gibt es im
    aussagenbasierten Ansatz keine Falsifikation.
    Fazit: Man muss sich für eine der beiden Weltanschauungen
    entscheiden. Ich habe mich für die aussagenbasierte entschieden,
    und insofern stehe ich den Behauptungen und Problemen der
    begriffsbasierten ziemlich gleichgültig gegenüber: ich lasse sie
    gelten, aber ich habe mich von ihnen gewissermaßen losgesagt.
    > Beim Wissen ist entscheidend, wie
    > - präzise das Wissen ist (Wie genau trifft unsere Vorhersage zu? )
    > - fehlertolerant es ist (Welche Schwankungsbreite ist
    einzukalkulieren?)
    > - zuverlässig es ist (Wie wahrscheinlich liegt die Vorhersage
    innerhalb der Toleranzbreite?) ...
    > - ausgedehnt die zeitliche Reichweite ist (In welchem Zeitraum
    besteht Gültigkeit?)
    > - ausgedehnt die thematische Reichweite ist (Gilt die Vorhersage
    nur für einen Spezialfall?)
    > - komprimiert es ist (Kann ich es beispielsweise in eine knappe
    Gleichung fassen?)
    Sie wechseln hier auf ,Wissen', während sich meine Ausführungen
    ausschließlich auf Aussagen beziehen. Das hat seinen Grund: Nur
    bezüglich Aussagen vermag ich sauber festzulegen, was eine
    Herleitung sein soll. Ihre ersten drei Fragen beziehen sich auf
    Genauigkeit, Schwankungs- und Toleranzbreite; es sind dies aber
    aus meiner Sicht keine Eigenschaften von Aussagen; ich kenne sie
    nur als Eigenschaften von Messwerten und technischen Geräten. Die
    Fragen 4 und 5 gehören bei mir in den Umkreis Objektbereich, wobei
    mir allerdings eine zeitlich begrenzte Gültigkeit z.B. von
    Naturgesetzen Schwierigkeiten bereitet. Die letzte Frage gehört in
    die Darstellungsproblematik und ist ein eigenes Thema.
    > Sie schreiben: "Eine davon ist die Behauptung, Wissen ist nie
    absolut gesichert'. Sie ist
    > im aussagenbasierten Ansatz entweder trivial oder falsch, je
    nach dem, was man unter
    > ,absolut' versteht." Ich würde sagen, in der realen Welt ist es
    inzwischen zwar trivial aber
    > nicht falsch. Das ,absolut' bezieht sich auf den jeweiligen
    Begriffsrahmen.
    Ich hatte mich ja ausdrücklich auf den aussagenbasierten Ansatz
    bezogen und hier ist der Wahrheitswert der Aussagen gesichert. In
    diesem Ansatz gibt es auch keinen Begriffsrahmen.
    Man findet in der wissenschaftstheoretischen Literatur immer
    wieder die (dem begriffsbasierten Ansatz entstammende) Behauptung,
    Naturgesetze seien bloß mehr oder weniger gut bestätigte
    Hypothesen. Soll dies nicht bloß eine philosophische Floskel
    bleiben, muss man den Bestätigungsgrad so einführen, dass man ihn
    zu jeder gegebenen Hypothese bestimmen kann. Das ist auch mehrfach
    erfolglos versucht worden, und, soweit ich weiß, wird daran noch
    immer geforscht. Eine gute Zusammenfassung dieses ganzen
    Themenkomplexes bietet:
    Rosenthal, Jacob (2007): Induktion und Bestätigung. In: Andreas
    Barthels & Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. Ein
    Studienbuch. Mentis Verlag. Paderborn, 2007, p. 109 -- 133.
    Dort findet man, dass man mit simplen
    Wahrscheinlichkeitsbehauptungen nicht weit kommt; man findet dort
    aber auch, welche Blüten die "Bestätigungstheorie" inzwischen
    getrieben hat. Im aussagenbasierten Ansatz kann man zeigen, dass
    es unmöglich ist solch einen Bestätigungsgrad anzugeben.
    Interessant und für mich unverständlich ist, dass in allen mir
    bekannten wissenschaftstheoretischen Arbeiten das Technikargument
    ignoriert wird. Das scheint offenbar ein Erbe des Deutschen
    Idealismus zu sein: Da Kant mit der Technik nichts anzufangen
    wusste und Hegel sie sogar verteufelte, scheint sich auch bei
    ihren direkten und indirekten Nachfolgern bis auf den heutigen Tag
    eine gewisse Technikblindheit erhalten zu haben. Ich kenne nur
    eine Arbeit (sie stammt von einem Naturwissenschaftler) in der mit
    Nachdruck das Technikargument vertreten wird. Es ist dies:
    DESSAUER, FRIEDRICH (^2 1960): Naturwissenschaftliches Erkennen.
    Beiträge zur Naturphilosophie. Verlag Josef Knecht.
    Frankfurt/Main, 1960, p. 9f und an zahlreichen anderen Stellen des
    Buches.
    Dort heißt es:
    »Es gibt im ganzen Bereich der menschlichen Bemühung um Wissen ein
    Gebiet, worin dieses Streben zu gültigem Besitz gelangt ... Auf
    diese Zone des sicheren /Wissens/ beruht ein Feld menschlicher
    /Gestaltung/. Wir nennen es "Technik", und das dort Gestaltete
    verbürgt die Echtheit des Naturwissens, aus dem heraus gestaltet
    wurde. ... Wären die kanonischen Sätze der Mechanik, die
    Maxwell-Sätze der Elektrodynamik, die Elektronik, Quantenphysik
    und so fort ein "Als ob", eine Fiktion, dann gingen unsere
    Maschinen nicht, und die Dynamos gäben keinen Strom, die
    Sulfonamide heilten nicht, die Barbitursäurepräparate brächten
    keinen Schlaf und stillten keine Schmerzen.« Heute kann man die
    Liste noch um zwei weitere machtvolle Beispiele ergänzen: Um
    Internet und Mobiltelefonie zu realisieren, wird (von
    Quantenelektrodynamik, Stringtheorie und Ähnlichem abgesehen) so
    ziemlich die gesamte Physik gebraucht, d.h. es sind zahlreiche
    Gesetze "im Einsatz". Sie müssen alle aufeinander abgestimmt sein
    und sie müssen in aller Strenge gelten. Wenn eines dieser Gesetze
    nur ein bisschen falsch wäre, würde etwa der Mobilfunk nicht bloß
    ein bisschen funktionieren, sondern gar nicht. Jedes Telefonat
    lässt sich als ein kontinuierlicher gleichzeitiger
    Bestätigungsversuch dieser Gesetze interpretieren. Wie will man
    aufgrund dieser Fakten einen sinnvollen Bestätigungsgrad definieren?
    > Wenn ich es richtig sehe, basiert all unser Wissen eigentlich
    immer nur auf Erfahrung ...
    Das steht aber im Widerspruch zu der von Ihnen vertretenen
    Philosophie, wonach Gesetze durch einen über die Erfahrung
    hinausgehenden "Induktionsschluss" gewonnen werden. Und eben wegen
    dieses Hinausgehens hat man ja den ganzen Bestätigungsschlamassel.
    Viele Grüße
    Peter Jaenecke


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