Am 2013-05-30 12:32, schrieb Peter Jaenecke: 

> BEZUG: 
> GESENDET: Sonntag, 26. Mai 2013 um 11:59 Uhr
> VON: "Walther Umstaetter" <[email protected]>
> AN: [email protected]
> BETREFF: Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung einer deduktiven 
> Wissenschaft als Deduktgeflecht 
> 
> Sehr geehrter Herr Umstätter, 
> 
> in meinem letzten Beitrag führte ich unter der Bezeichnung aussagen- und 
> begriffsbasiert zwei Ansätze ein, zu denen zwei grundverschiedene, sich 
> gegenseitig ausschließende „Weltanschauungen" gehören. Was in der einen wahr 
> ist, kann in der anderen falsch sein. Außerdem kann es vorkommen, dass ein 
> bekanntes Problem der einen in der anderen gar nicht formulierbar ist. Das 
> hat zur Folge, dass keine der aus einer bestimmten Weltanschauung heraus 
> formulierten Aussagen allgemeine Gültigkeit beanspruchen darf. Das gilt auch 
> für Ihre der begriffsorientierten Weltanschauung zugehörigen Aussagen 
> 
>> Je genauer wir die Aussagen über einen Objektbereich beschreiben bzw. diesen 
>> definieren, 
>> desto leichter werden wir unsere Wissensgrenzen erkennen. Oder anders 
>> gesagt, desto 
>> leichter wird unsere Aussage falsifizierbar. 
> 
> In der von mir favorisierten aussagenbasierten Weltanschauung dienen die 
> Aussagen nicht dazu einen Objektbereich zu beschreiben oder zu definieren, 
> denn das ist unmöglich. Daher bleibt der Objektbereich immer offen, und daher 
> lassen sich auch keine Wissensgrenzen erkennen. So ist es z.B. grundsätzlich 
> nicht möglich, mit den Mitteln der klassischen Mechanik die Grenzen der 
> klassischen Mechanik zu bestimmen. Außerdem gibt es im aussagenbasierten 
> Ansatz keine Falsifikation. 
> 
> Fazit: Man muss sich für eine der beiden Weltanschauungen entscheiden. Ich 
> habe mich für die aussagenbasierte entschieden, und insofern stehe ich den 
> Behauptungen und Problemen der begriffsbasierten ziemlich gleichgültig 
> gegenüber: ich lasse sie gelten, aber ich habe mich von ihnen gewissermaßen 
> losgesagt. 
> 
> **Das kann ich gut nachvollziehen, da es mir umgekehrt ähnlich geht. Ich kann 
> Ihrer Vorstellung einer rein aussagenbasierten Weltanschauung **leider nicht 
> folgen. 
> 
>> Beim Wissen ist entscheidend, wie 
>> - präzise das Wissen ist (Wie genau trifft unsere Vorhersage zu? ) 
>> - fehlertolerant es ist (Welche Schwankungsbreite ist einzukalkulieren?) 
>> - zuverlässig es ist (Wie wahrscheinlich liegt die Vorhersage innerhalb der 
>> Toleranzbreite?) … 
>> - ausgedehnt die zeitliche Reichweite ist (In welchem Zeitraum besteht 
>> Gültigkeit?) 
>> - ausgedehnt die thematische Reichweite ist (Gilt die Vorhersage nur für 
>> einen Spezialfall?) 
>> - komprimiert es ist (Kann ich es beispielsweise in eine knappe Gleichung 
>> fassen?) 
> 
> Sie wechseln hier auf ‚Wissen', während sich meine Ausführungen 
> ausschließlich auf Aussagen beziehen. 
> 
> **Für mich hat Wissen keinen Sinn, wenn sich aus den Begründungen keine 
> Aussagen ableiten. Ich hätte also statt Wissen auch begründete **Aussagen 
> schreiben können, da mich alle unsinnigen Aussagen hier nicht interessieren. 
> 
> Das hat seinen Grund: Nur bezüglich Aussagen vermag ich sauber festzulegen, 
> was eine Herleitung sein soll. Ihre ersten drei Fragen beziehen sich auf 
> Genauigkeit, Schwankungs- und Toleranzbreite; es sind dies aber aus meiner 
> Sicht keine Eigenschaften von Aussagen; ich kenne sie nur als Eigenschaften 
> von Messwerten und technischen Geräten. Die Fragen 4 und 5 gehören bei mir in 
> den Umkreis Objektbereich, wobei mir allerdings eine zeitlich begrenzte 
> Gültigkeit z.B. von Naturgesetzen Schwierigkeiten bereitet. 
> 
> **Es gibt doch fast nur zeitlich begrenzte Aussagen, denn schon all das, was 
> z.B. unseren Planeten betrifft ist zwangsläufig endlich. Schon die **Aussage 
> morgen wird es in Berlin regenen, kann ja nur zeitlich begrenzt gelten. 
> Daneben haben wir interessanterweise auch Naturgesetze, **die anscheinend 
> zeitlos sind. Aber auch bei denen müssen wir immer wieder hinterfragen, ob es 
> nicht auch dort zeitliche Grenzen gibt. 
> 
> Die letzte Frage gehört in die Darstellungsproblematik und ist ein eigenes 
> Thema. 
> 
>> Sie schreiben: „Eine davon ist die Behauptung‚ Wissen ist nie absolut 
>> gesichert'. Sie ist 
>> im aussagenbasierten Ansatz entweder trivial oder falsch, je nach dem, was 
>> man unter 
>> ‚absolut' versteht." Ich würde sagen, in der realen Welt ist es inzwischen 
>> zwar trivial aber 
>> nicht falsch. Das ‚absolut' bezieht sich auf den jeweiligen Begriffsrahmen. 
> 
> Ich hatte mich ja ausdrücklich auf den aussagenbasierten Ansatz bezogen und 
> hier ist der Wahrheitswert der Aussagen gesichert. In diesem Ansatz gibt es 
> auch keinen Begriffsrahmen. 
> 
> **Wie gesagt, dem kann ich nicht folgen. Ich befürchte, dass Sie in ihrer 
> Aussagenlogik Konstrukte meinen, in denen Sie für das jeweilige **Konstrukt 
> gesicherte Aussagen festlegen, die in sich (wie beispielsweise in der 
> Mathematik) auch stimmig sind, die aber, um das **hypothetische Niveau zu 
> verlassen, sich auch früher oder später an der Realität prüfen lassen müssen. 
> 
> Man findet in der wissenschaftstheoretischen Literatur immer wieder die (dem 
> begriffsbasierten Ansatz entstammende) Behauptung, Naturgesetze seien bloß 
> mehr oder weniger gut bestätigte Hypothesen. Soll dies nicht bloß eine 
> philosophische Floskel bleiben, muss man den Bestätigungsgrad so einführen, 
> dass man ihn zu jeder gegebenen Hypothese bestimmen kann. Das ist auch 
> mehrfach erfolglos versucht worden, und, soweit ich weiß, wird daran noch 
> immer geforscht. Eine gute Zusammenfassung dieses ganzen Themenkomplexes 
> bietet: 
> 
> Rosenthal, Jacob (2007): Induktion und Bestätigung. In: Andreas Barthels & 
> Manfred Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. Ein Studienbuch. Mentis 
> Verlag. Paderborn, 2007, p. 109 - 133. 
> 
> Dort findet man, dass man mit simplen Wahrscheinlichkeitsbehauptungen nicht 
> weit kommt; man findet dort aber auch, welche Blüten die 
> „Bestätigungstheorie" inzwischen getrieben hat. Im aussagenbasierten Ansatz 
> kann man zeigen, dass es unmöglich ist solch einen Bestätigungsgrad 
> anzugeben. 
> 
> **Das erinnert mich an die Philosophen, die sich seit B. Libets Versuchen 
> (1979) gezwungen sehen die Willensfreiheit des Menschen **anzuzweifeln, aber 
> trotzdem zu behaupten, dass der Mensch für sein Handeln verantwortlich ist. 
> Dabei haben sie nur die neurologischen **Versuche von Kornhuber, Libet, etc. 
> nicht verstanden. 
> **Ansonsten würde ich auch durchaus vermuten, dass man mit dem 
> aussagenbasierten Ansatz den "Bestätigungsgrad wirklich nicht angeben **kann, 
> weil man dazu eben die Begrifflichkeit der Semiotik braucht. Darum kann ich 
> ja dem rein aussagenbasierten Ansatz nicht folgen. Ihm **fehlt das 
> Entscheidende. 
> 
> Interessant und für mich unverständlich ist, dass in allen mir bekannten 
> wissenschaftstheoretischen Arbeiten das Technikargument ignoriert wird. Das 
> scheint offenbar ein Erbe des Deutschen Idealismus zu sein: Da Kant mit der 
> Technik nichts anzufangen wusste und Hegel sie sogar verteufelte, scheint 
> sich auch bei ihren direkten und indirekten Nachfolgern bis auf den heutigen 
> Tag eine gewisse Technikblindheit erhalten zu haben. Ich kenne nur eine 
> Arbeit (sie stammt von einem Naturwissenschaftler) in der mit Nachdruck das 
> Technikargument vertreten wird. Es ist dies: 
> 
> DESSAUER, FRIEDRICH (21960): Naturwissenschaftliches Erkennen. Beiträge zur 
> Naturphilosophie. Verlag Josef Knecht. Frankfurt/Main, 1960, p. 9f und an 
> zahlreichen anderen Stellen des Buches. 
> 
> Dort heißt es: 
> 
> »Es gibt im ganzen Bereich der menschlichen Bemühung um Wissen ein Gebiet, 
> worin dieses Streben zu gültigem Besitz gelangt … Auf diese Zone des sicheren 
> _Wissens_ beruht ein Feld menschlicher _Gestaltung_. Wir nennen es „Technik", 
> und das dort Gestaltete verbürgt die Echtheit des Naturwissens, aus dem 
> heraus gestaltet wurde. … Wären die kanonischen Sätze der Mechanik, die 
> Maxwell-Sätze der Elektrodynamik, die Elektronik, Quantenphysik und so fort 
> ein „Als ob", eine Fiktion, dann gingen unsere Maschinen nicht, und die 
> Dynamos gäben keinen Strom, die Sulfonamide heilten nicht, die 
> Barbitursäurepräparate brächten keinen Schlaf und stillten keine Schmerzen.« 
> Heute kann man die Liste noch um zwei weitere machtvolle Beispiele ergänzen: 
> Um Internet und Mobiltelefonie zu realisieren, wird (von 
> Quantenelektrodynamik, Stringtheorie und Ähnlichem abgesehen) so ziemlich die 
> gesamte Physik gebraucht, d.h. es sind zahlreiche Gesetze „im Einsatz". Sie 
> müssen alle
aufeinander abgestimmt sein und sie müssen in aller Strenge gelten. Wenn eines 
dieser Gesetze nur ein bisschen falsch wäre, würde etwa der Mobilfunk nicht 
bloß ein bisschen funktionieren, sondern gar nicht. Jedes Telefonat lässt sich 
als ein kontinuierlicher gleichzeitiger Bestätigungsversuch dieser Gesetze 
interpretieren. Wie will man aufgrund dieser Fakten einen sinnvollen 
Bestätigungsgrad definieren? 
> 
>> Wenn ich es richtig sehe, basiert all unser Wissen eigentlich immer nur auf 
>> Erfahrung … 
> 
> Das steht aber im Widerspruch zu der von Ihnen vertretenen Philosophie, 
> wonach Gesetze durch einen über die Erfahrung hinausgehenden 
> „Induktionsschluss" gewonnen werden. Und eben wegen dieses Hinausgehens hat 
> man ja den ganzen Bestätigungsschlamassel. 
> 
> **Das kann schon darum nicht im Widerspruch zu meiner "Philosophie" stehen, 
> da ich die zitierte Aussage voll unterschreiben könnte. Man darf **dabei nur 
> nicht außer Acht lassen, dass es gerade bei der hohen Zuverlässigkeit der 
> heutigen "Technik", eine der leichstesten Übungen ist, **auszurechne, wie 
> selten sie versagt. Eine der ersten Dinge, die man in einem Physikpraktikum 
> lernt, ist die Fehlerfortpflanzung bei **Messungen. Das Gegenstück zur 
> Information, die Entropie, die die gesamte Ordnung bzw. Unordnung im 
> Universum beschreibt, basiert **ausschießlich auf Wahrscheinlichkeit. In 
> Natürlichen Einheiten gilt Entropie S = ln W (Wahrscheinlichkeit). 
> Eindeutiger geht es nicht. 
> 
> Mfg 
> Walther Umstätter 
> 
> **P.S. Dank an Frau Dahlberg, für die Erläuterung, zumal aus meiner Sicht 
> Formalisten wie Hilbert und Frege verständlicherweise als **Mathematiker 
> argumentieren, während wir beim Schritt von der Information zum Wissen nicht 
> an der Semiotik vorbei kommen, also der **Zuordnung von Zeichen zu ihren 
> Objekten bzw. umgekehrt.

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