Lieber Christoph und alle,

ich bin ja sehr erstaunt ueber deinen lockeren und froehlichen ton. Und auch Allan hat mich sehr positv ueberrascht, den ich sonst immer sehr trocken und zugeknoepft wahrgenommen habe.

Ja, ich weiss um den Konsumismus. Eine der bestimmenden elemente in Latein Amerika. Und dies, obwohl die notwendigkeit der creativen selbstorganisation so sehr im raum steht. Fuer Europa sehe ich das etwas anders. Aber eben nur in der aeusseren fassade. Der inhalt ist der gleiche.

Dass Allan diese diskussion so selbstverstaendlich weiterfuehrt, finde ich sehr gut. Weil doch, in den einzelnen passagen, ohne die konkrete einsicht, viel allgemeines enthalten ist.

Wir nutzen die telekommunikation, um ueber geografische distanzen soetwas wie einen raum entstehen zu lassen, wo wir ueber schall und lichtreflektion uns direkt verbinden koennen. Aber damit schaffen wir keine neue qualitaet, sondern nur einen erweiterten handlungsraum.

Wir formulieren das ziel, dass jedes geraet sich mit jedem anderen geraet verbinden kann, wenn dies es will. Wir transportieren digitale daten in packetform und benutzen hierfuer die transport information, den IP header, Wir bewegen uns deshalb nur auf dem transportlevel von packeten.

Wie nun die menschen diese geraete nutzen, ist ihre angelegenheit. Wir beschaeftigen uns nur damit, dass dies moeglich ist. Aber damit betreten wir sofort einen anderen raum. Fuer uns steht die telekommunimation im vordergrund und nicht die kommerzialisierung der telekommunikation. Das drum herum, wo nur so getan wird, als wenn...

Und damit rueckt die hardware in den vordergrund und mit ihr die physikalischen grundlagen. Ich sage, solange wir uns nur darauf beschraenken, was wir in jedem bau- oder supermarkt finden, versperren wir uns diejenigen raeume, die ausserhalb dieser trampelplaetze existieren.

Aus meiner erfahrung in Deutschland und Europa und jetzt aus Latein Amerika weiss ich, dass die meisten derjenigen, die sich angeblich mit telekommunikation beschaeftigen, nicht wissen, was das ist. Sie operieren mit synonymen, deren konkreter gehalt sich ihnen nicht erschliesst.

Insofern sage ich, dass dies nur aus dem feld derjenigen entstehen kann, die eine klares interesse fuer eine freie kommunikation ueber alle geografischen grenzen hinweg haben. Auch wenn das nicht die mehrheit ist.

Der creative umgang mit den technologien und ihren zugrunde liegenden theoretischen bestimmungen ist insbesondere fur die jungen menschen eine aufregende angelegenheit. Und sie lernen so, dass die handhabung und realisierung dieser technischen systeme nicht ursaechlich mit geld verbunden ist. Dies gilt nur in einer umgebung, wo das geldgetriebene distributionssystem implementiert wurde oder wird. Aber immer haben wir die moeglichkeit, die telekommunikation aus dem bereich des geldsystems heraus zu nehmen, wenn wir dies wollen.

Das urspruengliche thema mit Yanosz ist etwas in den hintergrund gerueckt. Und das ist auch ok. Es war wichtig, diese debatte mit Marcus und marc und anderen zu fuehren. Vielleicht agiere ich jetzt zu frueh. Das kann ich nicht beurteilen. Ich sehe auch, dass es dabei nicht um telekommunikation geht, sondern eher um persoenliche verhaeltnisse und irgendwelche formalen anforderungen, die ich nicht nachvollziehen kann.

Und manchmal habe ich auch den eindruck, dass sich die Freifunk-freunde zu viel mit den bestehenden hard- und software packeten beschaeftigen und nur wenig mit den zugrunde liegenden fragen. Das routing, also die navigation der packete, ist ja ein direktes beispiel dafuer.

Aber ich will hier nicht und wollte auch nie die FreiFunkerInnen in ihrem tun destruktiv kritisieren. Aus dem wissen, dass die telekommunikation in form eines internets nur aus den lokalen aktivitaeten entstehen kann, und die realisierung der dafuer notwendigen technologien nur aus der kollektiven aktion der vielen moeglich ist, ist mein beitrag in dieser liste eher initiativ.

Es geht letztlich um die freie technologie. Ein globales netwerk von menschen, die die theoretischen und praktischen grundlagen der technischen systeme auch fuer die telekommunikation gemeinsam erarbeiten und die ergebnisse allen frei zur verfuegung stellen. Und es ist voellig klar, dass dies meist nur ein kleiner teil der aktivisten in den verschiedenen bereichen tragen wollen.

Fuer die FreiFunk Communities koennte dies bedeuten, dass aus dem erfahrungsfeld heraus die anforderungen entstehen, die dann gemeinsam mit anderen untersucht und deren loesung realisiert werden. Weil die anforderungen tragen immer einen allgemeinen teil in sich, der ueberall in den verschiedenen globalen community network gruppen existiert.

Wichtige gruppen sind die hacklabs and makelabs and fablabs aus dem hackerspace, die ja weltweit existieren. Eine gewaltige kraft, die da noch ruht und ihr potential nach entfaltung ruft.

mit lieben gruessen, willi
Foz do Iguarru, Brasil
auf dem weg nach Paraguay


Am 26/07/2016 um 13:10 schrieb Christoph Franzen:
Am Fri, 22 Jul 2016 18:07:20 -0300 schrieb willi uebelherr
<[email protected]>:

Hallo Willi,

Die Schwierigkeit liegt mehr in unserem eigenen Denken. Wir muessen
uns befreien, um die Telekommunikation befreien zu koennen. Weil
jeder Akt in diesem Raum mit seiner Ausdehnung und Wirkungsmacht
notwendig eine Kooperation vorraussetzt, wird eben diese kooperative
Diskussion notwendig.

die meisten Leute wollen aber einfach nur kommunizieren, miteinander
reden, Nachrichten austauschen und nicht wegen schwer durchschaubarer
Abhängigkeiten erstmal die Kommunikationsmittel selber bauen oder
wenigstens komplett selber betreiben.

Wieviele von den Leuten mit Führerschein können Autos bauen?

Wie du sagst, wir brauchen die politische Perspektive, damit wir auch
in der technischen Sphaere die Orientierung nicht verlieren.

Diese Sphäre interessiert die meisten nicht sonderlich.

Gemaess heutiger Zustaende, dass die Monopolisierung der Technologien
[…] Weil im Verhaeltnis zu den Zustaenden in Latein Amerika lebt
ihr ja recht sorglos.

Ja – genauso sorglos IST man dann aber auch im Normalfall. Bei Euch ist
man's vielleicht weniger, hat aber andere, größere Sorgen, vor denen
der „Konsumismus“ als Problem in den Hintergrund tritt.

Aber dass die Menschen in Europa ihre Moeglichkeiten nicht nutzen,
die vorgebenen Propagandismen ein bisschen zu hinterfragen, das
erstaunt mich.

Mich nicht. Ich erlebe das Phänomen bei den Pfadfindern: die sind nicht
unpolitisch und recht idealistisch drauf, aber kommunikationstechnisch
voll auf dem üblichen Konsum-Pfad unterwegs.

Ich könnte nun endlos über die modernen Handy-Hohlspacken schimpfen, die
sich gedankenlos jeden überteuerten Mist aufschwatzen lassen, würde
aber nichts helfen.

Dann und wann muß ich mir als Vorwurf anhören, daß ich mir kein
Mobiltelefon anschaffe (obwohl ich objektiv betrachtet per Festnetz
nicht schlechter zu erreichen bin als die anderen mit ihren
Smartphones), als Whatsapp-Verweigerer geht schon mal ein guter Teil der
Kommunikation an mir vorbei.

Bei Slack habe ich mich jetzt doch angemeldet, weil ich sonst hier
Flüchtlingen nicht effizient freifunkmäßig helfen kann; die Aachener
benutzen das eben, obwohl man das als Freifunk-Gemeinschaft
hinterfragen und „besser“ (aber eben nicht einfacher) machen
könnte/sollte.

Der Mechanismus ist einfach: die anderen sind schon bei einem
Kommerz-Anbieter angemeldet und ziehen ihren Dunstkreis mit. Da kann
man nicht mal eben nachträglich eine freie Alternative etablieren, die
dann auch noch tendentiell schwieriger zu handhaben ist.

Nehmen wir mal die Internet-Telefonie als Beispiel, warum das so ist:

Skype: lädt man sich runter, es bohrt unbemerkt wahllos automagisch
Löcher in die Firewall und funktioniert dann „irgendwie“; hat man eine
Kamera, geht auch Video „von selber“.

Mumble: Erstmal finden, installieren und sich mit dem
Kommunikationspartner auf einen Server einigen oder gar einen
aufsetzen. Hat man dabei Probleme und einen Ort gefunden, wo man fragen
kann (ich übertreibe jetzt mal ein wenig), muß man sich vom gemeinen
Nerd als DAU beschimpfen und mit „RTFM“ abkanzeln lassen, weil die
Frage nervt, die schon gefühlte drölfzig Fantastillionen Mal
beantwortet worden ist. Viel Spaß beim Echos und Rückkopplungen
Wegkompensieren und beim Rausfinden, was „Push to Talk“ ist. Und dann
wäre da noch die Registrierung bei so manchem Server mit Zertifikat…

SIP: unbeschreibliche Konfigurations-Hölle, kein Nicht-Geek schafft es,
auch nur den eigenen Heim-Router zu überwinden und ohne einen
kommerziellen Anbieter auszukommen, selbst wenn die Fritzbox zu Hause
das kann. Braucht man dann typischerweise dynamisches DNS für.

Die Kommerziellen machen Werbung, werden also zuerst gefunden,
besonders wenn „kostenlos“ dransteht; man braucht bloß ein paar mal
auf „weiter“ zu klicken, bei Open Source muß man sich hingegen mühsam
alles zusammensuchen und danach sein gesamtes Umfeld auch davon
überzeugen.

Wunderst Du Dich noch immer? Ich mich nach wie vor nicht.

Viele Grüße, Christoph
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