Hi Fer,

du kennst sicher auch Slavoj Zizeks kurze, geistreiche Besprechung  
von Lenins Hauptwerk "Was Tun?" (1902) zur "brennende Frage der  
Bewegung", welcher dort vier Jahre zuvor den Begriff "fake  
participation" entwickelt:

"It is a well-known fact that the "Close the door" button in most  
elevators is a totally disfunctional placebo, placed there just to  
give the individuals the impression that they are somehow  
participating, contributing to the speed of the elevator journey -  
when we push this button, the door closes in exactly the same time as  
when we just pressed the floor button without "speeding up" the  
process by pressing also the "Close the door" button. This extreme  
case of fake participation is an appropriate metaphor of the  
participation of individuals in our "postmodern" political process." [1]

Für linke Theoretiker/innen leitet sich die Forderung nach  
"Partizipation" historisch vorrangig von betrieblichen, aber auch aus  
gesellschaftlichen Einsichten ab. Partizipation stellt eine der  
ältesten Forderungen emanzipatorischer Bewegungen dar, denn sie soll  
einer breiten Demokratisierung politischer, ökonomischer und  
gesellschaftlicher Verhältnisse dienen. Sie bezeichnet die Gewährung  
von Entscheidungsbefugnissen für diejenigen, die zwar von den  
Ergebnissen der Entscheidungen betroffen sind, aufgrund formaler  
Rechts- oder Besitzverhältnisse aber zunächst keinen Einfluss auf den  
Entscheidungsprozess haben.

In der Frage der grundsätzlichen Kritik an "fake participation"  
werden wir uns also schnell einig, sehen wir aber auch, dass  
Diedrichsens zentrales Argument mittlerweile leider zusammengebrochen  
ist: der Kapitalismus.

Dmitry Gloynko-Volfson zieht etwa in der aktuelle Ausgabe von Chto  
Delat? #19 (dt. "Was tun?"), welche von Miliztruppen vor einigen  
Wochen in der Druckerei in Petersburg beschlagnahmt wurde [2], daraus  
eine positive Konsequenz:

"As a chain reaction to the “sticky economy of decision-making” and  
the involuntary institution of the deficit (Alexander Shubin), as  
well as to the “dead-end quality of intelligentsia  
discussions” (Boris Kagarlitsky), perestroika (as Alexei Yurchak  
correctly notes) issued into a wholly unexpected and simultaneously  
long-awaited political revolution." [3]

Wisch doch mal mit dem Handrücken über A. W. Lunatscharski, ich denke  
er kommt zurück, im ganz grossen Stil.

Beste Grüsse,
Stefan


[1] Slavoj Zizek, What Is To be Done (with Lenin), In These Times.  
January 21, 2004, http://www.lacan.com/zizeklenin34.htm
[2] New Issue of Chto Delat Confiscated and Under Investigation, U- 
Turn, September 2, 2008, http://tinyurl.com/5s7gh4
[3] Dmitry Gloynko-Volfson, Between Two Perestroikas, Chto Delat?  
#19, http://www.chtodelat.org




Am 24.10.2008 um 11:52 schrieb [EMAIL PROTECTED]:

> Zitat von Stefan Lutschinger <[EMAIL PROTECTED]>:
>
>> Am 22.10.2008 um 13:31 schrieb Martin Mair:
>>
>>> auch aus philosophischer Sicht
>
> auch wenn wir es nicht so eng sehen wollen - nicht der schlechteste  
> ansatz - hi!
>
> und alles was ich und wenige andere in dieser liste seit 2005 zur  
> diskussion
> gestellt habe - mit mitteln was immer -, wird mit fortschreiten der  
> zeit
> weithin bestaetigt.
>
> "der gerne fuer die gegenwart diagnostizierte paradigmenwechsel im  
> verhaeltnis
> zwischen wirtschafts- und rechtsordnung westlicher demokratien  
> besagt, dass
> gerechtigkeit und repraesentation als ideale durch die des zugangs  
> und der
> partizipation(!) ersetzt worden sind. damit sind die subjekte (ich  
> votiere fuer
> den begriff ´beobachter´, auch als reflexiv handelnder) ihrer  
> rueckzugsgebiete
> in faulheit, negation, kunst etc. beraubt und haben, wenn sie  
> ueberleben
> wollen, keine andere wahl als mitzumachen: bei der netzwerkkultur, dem
> konnektivitaetsimperativ folgend, staendig verbunden sein und zur  
> verfuegung zu
> stehen - das allein sichert den zugang. mit diesem modell gehen  
> aber auch die
> alten demokratischen gueter mit verloren: gleichheit,  
> repraesentiertheit und
> verteilungs-gerechtigkeit. diese vorzuege bleiben nur denen, die in  
> jedem sinne
> des wortes mitmachen(!). die besonderheit dieser kultur ist, dass  
> sie hier ihre
> lebendigkeitspornos(!) beisteuern muss. (...) partizipation ist das  
> neue
> spektakel (der autor meint ´spektakel´ im sinne Guy Debords)."
>
> und
>
> "...dislozierung oder dekontextualisierung partizipatorischer  
> prozesse als kunst
> (oder verwandter kultureller praktiken - also arbeit im  
> selbstauftrag) ist eng
> mit dem kulturellen paradigma des aktuellen kapitalismus verbunden."
>
> Diedrich Diederichsen hat es 2008 pointiert auf den punkt gebracht.
>
> bei allem respekt vor A. W. Lunatscharski, 1920 (steht bei mir  
> schon sehr lange,
> etwas verstaubt, im buecherregal)
>
> schauen wir einfach auf gegenwaertige umstaende und bedingungen.
>
> das ende der nahrungskette schrieb:
>> anstatt irgendwas konstruktiv weiterzubringen geht wieder der bloede
>> verschwoerungsdreck los.
>
> der "verschwoerungsdreck" von dem dieser typ redet, ist der dreck  
> seiner ganz
> persoenlichen lebensluege.
>
> cheers,
> fer
>
>
> Zitat von Stefan Lutschinger <[EMAIL PROTECTED]>:
>
>> Am 22.10.2008 um 13:31 schrieb Martin Mair:
>>
>>> auch aus philosophischer Sicht
>>
>> Hallo Martin,
>>
>> leider kenne ich weder Voraussetzungen, Rahmenbedingungen,
>> Durchführung und Ergebnis der letzten Wahl, da ich derzeit
>> bekanntlich nur sporadisch in Wien bin. Insofern bin ich auf
>> Informationen angewiesen, die hier über die Liste kommen.
>>
>> Für mich bleibt Faktum, dass der partizipative Ansatz von NetzNetz
>> weit über das hinausgreift, was reaktionäre "Kulturpolitiker/innen",
>> papierhumanistische "Kulturmanager/innen", reaktionäre "linke"
>> Doktrinäre und fatalistische manichäische rote Puritaner als
>> "Partizipation" avisieren. Daher finde ich diesen gegen
>> Basisdemokratie gerichteten Alarmismus inakzeptabel und verwundere
>> mich ernstlich darüber, warum du unverständlicherweise im selben
>> Atemzug den "Hegemon" Sylvia Fassl-Vogler hofierst?
>>
>> Das jetzige Modell von NetzNetz erfüllt - auch Dank der Trennung von
>> Juryentscheid / Community Voting seit 2008 - alle Voraussetzungen
>> progressiver Kulturpolitik, die schon Volkskommissar Anatoli
>> Wassiljewitsch Lunatscharski im Oktober 1920 formuliert hat:
>>
>>      1. Erhaltung der wirklichen Kunstwerte der Vergangenheit.
>>      2. Kritische Aneignung dieser Kunstwerte durch die
>> proletarischen Massen.
>>      3. Jede erdenkliche Förderung der Schaffung experimenteller
>> Formen revolutionärer Kunst.
>>      4. Objektive Einstellung zu allen künstlerischen Strömungen.
>>      5. Demokratisierung aller künstlerischen Einrichtungen, die den
>> Massen auf jede erdenkliche Weise zugänglich gemacht werden müssen.
>>
>> "Die Kunst selbst ist heute in verschiedene Lager gespalten und eine
>> Trennungslinie fällt sofort ins Auge (...) Ohne der sogenannten neuen
>> Kunst Privilegien zu gewähren, sollte man auch weder ein
>> Kesseltreiben gegen sie veranstalten, wodurch wir uns die Sympathie
>> von Hunderten junger Künstler verscherzen würden, noch aus ihnen
>> Märtyrer im Namen ihrer Ideen machen, hinter denen sie fest stehen.
>> Das wäre völlig vergeblich, ohne jede Notwendigkeit und jeden
>> Nutzen." A. W. Lunatscharski, Das Rote Neuland, 1921
>>
>> Das Koordinationsteam geniesst meinen vollen Respekt für seine
>> Leistungen und hat sich meine Anerkennung erworben.
>>
>> Doch solange manche Proponent/innen, blind geworden vom langen Kampf,
>> im Auflehnen gegen oben und auch im Herfallen übereinander, einander
>> würgen und zerstampfen, die schweren Waffen schleppend, einander
>> überrollen und zerfleischen, solange sie nicht abliessen von
>> einander, würden sie die Herkulische Löwenpranke Leo Findeisens
>> (nomen est omen!) und seines Koordinationsteams nicht sehen, greifbar
>> für jede/n, sie aber müssen selbst mächtig werden dieses einzigen
>> Griffs, dieser weit ausholenden und schwingenden Bewegung, mit der
>> sie den furchtbaren Druck, der auf ihnen lastet, endlich hinwegfegen
>> können.
>>
>> Beste Grüsse,
>> Stefan
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