Hi Fer,

mit Sicherheit werden wir früher oder später zu einer Einigung  
finden, wenn wir weiter differenzieren.

> das "fake participation" keine erfindung des 21. jahrhunderts ist,  
> sondern untrennbar mit der apriorisierung und ideologisierung  
> gesellschaftlicher sachverhalte zusammenhaengt - auch darauf  
> wuerden wir uns nach einer weile einigen koennen.

Lenins Theorie der zwei Freiheiten, der "formalen  
Freiheit" ("Sozialismus durch Demokratie") und der "realen  
Freiheit" (zur Revolution), wurde 1902 entwickelt und ist im  
historischen Kontext zu beurteilen.

In Westeuropa und den skandinavischen Ländern hat die  
Arbeiterbewegung im Gegensatz zur russischen Situation die Parlamente  
- und damit ihre reale "Partizipation" am politischen Geschehen - auf  
legalem Weg erobern können, schlicht weil es Parlamente dort auch  
gab. Die erste Duma wurde erst 1905 (!) nach dem "Petersburger  
Blutsonntag" von Zar Nikolaus II. geschaffen und bloss mit  
Strohmännern beschickt. Daher der Entschluss der russischen  
Sozialdemokraten zur Machtübernahme durch Anwendung von Gewalt im  
Oktober 1917.

> sogenanntes historisches bewusstsein soll schon sein - aber keine  
> naive verklaerung vermeintlich revolutiuonaerer grosstaten, die  
> bloss zum totalitaeren  staatsterror gefuehrt haben.

Totalitären Staatsterror gibts selbstverständlich auch ohne  
revolutionäre Grosstaten, wie die Geschichte des 3. Reichs gezeigt  
hat, wir wollen nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Bei  
aller Ablehnung des "roten Faschismus", die von dir ins Spiel  
gebrachten Diskurse über Gewalttheorie, Organisation und Soziologie  
des modernen Massenparteiapparats lassen sich ohne rudimentäre  
Kenntnis und das notwenige Verständnis von Lenins Schriften einfach  
nicht diskutieren.

> gerade linke theoretiker/innen werden im ausblick auf  
> linksliberalismus 2.0 (bei der die linken parteien traditionellen  
> zuschnitts - militaerisch organisiert - nicht mehr dabei sein  
> werden) die einstigen signifikanten der revolte, der negation und  
> der widerrede auf ihre brauchbarkeit nach dem ´langen marsch durch  
> die signifikantenketten´ fuer heute infrage stellen muessen.

Meine volle Zustimmung in der Sache, ich bevorzuge jedoch anstatt  
"Linksliberalismus 2.0" das Konzept Dmirty Gloynkos einer 2.  
("echten") PERESTROIKA ("von unten"), die für die politische Zukunft  
eben noch aussteht. Ein Blick über den europäischen Tellerrand mag  
hilfreich sein, zwei aktuelle, vieldiskutierte Bücher hierzu von  
Boris Kagarlitsky ("The Revolt of the Middle Class (2006), Empire of  
the Periphery: Russia and the World System (2008)") mögen auch den  
österreichischen Diskurs bereichern.

http://en.wikipedia.org/wiki/Boris_Kagarlitsky

Ich muss jetzt langsam packen, morgen gehts über London, nach einem  
Besuch der "Cold War Modern"-Ausstellung im Victory & Albert Museum  
und der "French Connection" Präsentation von Guy Debords "Game of  
War" am Freitag Abend, zurück nach Leningrad wo mich drei komplexe  
Produktionen erwarten, mit einem Abstecher zur "Lens Politika" Mitte  
November im benachbarten Helsinki.

Mit besten Grüßen,
Stefan


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