Lieber Werner,

>Eben nicht. Die Erfahrung ist eindeutig: wann immer weitere
>Information einer Aktion bedarf, ist, gerade bei zunehmender
>�berf�tterung, die "Click-Through"-Rate sehr gering

Genau hier liegt der (oder zumindest ein) Hase im Pfeffer.
Die Leute - wir alle - sind absolut *ueberfuettert* mit sog.
"Information" - und Aufgabe der Marketers scheint hier zu sein,
sich Schnickschnack auszudenken, um den Konsumenten NOCH mehr
reinzuschieben. Das mag bis dato vielleicht "sinnvoll", will
heissen im definierten Rahmen des Marketing zweckmaessig gewesen
sein. Aber das Internet stellt uns hier m.E. vor die Aufgabe,
bisherige Marketingauffassungen zu ueberdenken. Mit der unueber-
sehbaren Ueberfuelle an Information, der wir hier (erstmal oft
genug hilflos) gegenueberstehen, sind wir gezwungen, uns besonders
in einer Faehigkeit zu spezialisieren: der, diese ganze Daten-
flut moeglichst schnell zu sichten (man sagt ja schon so
schoen "scannen"), zu sortieren und zu strukturieren.
Auffallend finde ich immer wieder, dass bei sites, die in
erster Linie Information bieten wollen und zu regelmaessigem
Besuch einladen, wenig beruecksichtigt wird, dass den Besucher
die opulente Optik vielleicht noch beim erstenmal *flasht*, aber
wenn er sich dasselbe Spektakel bei jeder Wiederkehr laden muss,
bis er an die aktuellen Infos kommt, vergeht doch irgendwann die
Lust an der Wartezeit. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren,
dass so manche Praesenz eher ein Denkmal fuer die Agentur vor-
stellen soll, als auf die Beduerfnisse des Kunden und wiederum
dessen Endkunden abgestimmt zu sein.

Mir faellt jedesmal auf, wie wohltuend eine klare Gestaltung
(am liebsten auch ohne 3D-Gedoehns) auf mich wirkt, in der
ich mich schnell zurechtfinde. Ich habe hierzu zwar keine
Markterhebung in der Schublade, aber ich denke doch, dass
der Anteil der Menschen, die ueber die erste Internet-Euphorie
weg sind, und im Netz vor allem schnell an gut aufbereitete
Informationen kommen wollen (inhaltlich wie gestalterisch/
technisch) nicht zu vernachlaessigen ist und weiter waechst.
Jedenfalls wage ich die Prognose, dass er mit der Anzahl der
User und deren "Internet-Alter" sowie der Menge an dargebotenen
"Informationen" zwangslaeufig wachsen wird.

>Diese Erfahrungen stammen �brigens aus Amerika, wo Jedermann
>ganztags Online ist.

Die Amerikaner mit den Europaeern vergleichen zu wollen, ist wohl
aehnlich gelagert dem Versuch, Maenner und Frauen in einen Topf
zu werfen. Vieles kommt zwar "von drueben" zu uns mit Verzoegerung,
aber der "american way of life" ist auf europaeische Verhaeltnisse
nicht uebertragbar. Am wenigsten wohl auf Deutschland.

>Ich habe eine Reihe von HTML-Newslettern abonniert, die mit der
>Link-Technik arbeiten. Ich kann ich nicht erinnern, da� die
>einleitenden S�tze mich jemals dazu verf�hren konnten, den
>entscheidenden Klick auszuf�hren.

Ich habe sogar schon Links aufgesucht, zu denen ich den Browser
launchen, die PPP-Verbindung herstellen und den URL einkopieren
musste. Wenn mich etwas wirklich interessiert, komme ich hin.
Bei allen anderen Sachen bin ich froh um die gesparte Zeit.

>Ich dachte, ich w�re unter Marketing-Fachleuten. Marketing-Fachleute,
>dachte ich, denken f�r ihre Kunden.

Ich wuerde sogar soweit gehen zu sagen (wie bereits oben erwaehnt), sie
denken auch fuer die Kunden ihrer Kunden. Nur ein Angebot, das
fuer die Endkunden entsprechenden Nutzen bringt, ist tatsaechlich
und auf Dauer erfolgreich. Es geht nicht mehr nur um die "schnelle
Mark" mit Gelegenheitskonsumenten. Die schiere Ueberflutung fuehrt
das ganze Karussel ad Absurdum. Was m.E. im uebergeordeten Sinn
wichtig ist, waere, Strukturen zu bilden und Services aufzubauen,
die dem Endkunden 1) das Zurechtfinden erleichtern (ohne dass er sich
staendig auf dem neuesten Stand der Technik befinden muss, denn das
sind sowieso die wenigsten) und 2) seinen Beduerfnissen entgegenkommt.

Geade letzterer Begriff ist ja ein sehr schillernd verwandter im
bisherigen Marketing, wo es ja eher selten darum geht, "echte" Beduerfnisse
zu befriedigen. Aber sie werden immer draengender
und gerade das Internet bietet Handhabe, darauf auch einzugehen
(es ist ja bereits die Rede von der Umkehrung der Marketingmacht -
dass der Kunde tatsaechlich Koenig wird und es nicht bloss suggeriert
bekommt). Letztlich geht es um eine Art "Oekologisierung" des
Marketing (Duden: "Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und ihrer
Umwelt; der ungestoerte Haushalt"). Ein Zusammenspiel, das
*funktioniert*, und zwar moeglichst nachhaltig. Was anderes
koennen wir uns IMHO nicht leisten. D.h. es gilt, gerade bei der
Arbeit im Web den Tellerrand erheblich zu erweitern. Das Internet
macht�s offenkundiger denn je, dass jede Aktion, die auf dem Globus
stattfindet, ihre weltweiten Auswirkungen hat.

Und mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf koennen wir dann in
medias res gehen.

Herrschaften, schon so spaet! Entschuldigt die lange Predigt. Aber
es ist ja zum Glueck keine HTML-mail...! ;-)

Simone

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