FER schrieb:
>
>
> der quasi springende punkt waere im anspruch an selbstverteilung von 
> subvention, erstmal einen anderen code, ein anderes differenzpaar zu 
> finden (etwa ´undifferenzierte codierung´ - Heinz von Foerster) und es 
> etwa unter die einheit X, also gar nichts bestimmtes, zu stellen. aber 
> wie dort hinkommen, wenn - naheliegender weise - alle beteiligten 
> vorrangig an die kohle denken.
>
> eine loesung waere noch, code, programm, medium und funktion des 
> funktionssystems religion (ja im ernst) zu waehlen, das trifft es 
> nicht nur besser im hinblick auf ´partizipative digitale kultur´, auch 
> teilt diese als ´subventioniertes kulturelles segment´ das manko der 
> religion: das legitimationsproblem.
>
hi fer,

das funktionssystem religion als lösungsansatz für netznetz zu 
adaptieren, lässt mich an einen alten jüdischen witz denken:

vor dem vatikan stehen zwei kaufleute: es fährt eine mercedes-limousine 
vor - ein bischof steigt aus - es kommt die nächste limousine - ein 
bischof steigt aus - es kommt ein rolls royce - ein kardinal steigt aus 
... ... ...
sagt der eine kaufmann zum anderen: "siehst du, was für eine firma! - - 
und angefangen haben sie mit einem esel."

braucht netzkultur eine legitimiation _von ausserhalb_ oder ist sie 
nicht schon dadurch legitimiert, dass sie existiert?

wer beim funktionssystem religion zuerst an inquisition denkt, der 
blendet aus, dass auch andere funktionssysteme inquisitorische züge 
entwickeln können.
ich vermute sogar, dass kein funktionssystem gegenüber solchen 
entwicklungen _von sich aus_ immun ist.
so haben insbesondere die funktionssysteme justiz und medizin vor nicht 
allzu langer zeit inquisitorische verfahren entwickelt 
(volksgerichtshof, euthanasie) und diese angewendet, wobei es an 
"begründungen" nicht mangelte.

gerade am beispiel der justiz lassen sich die gesellschaftspolitischen 
entwicklungen der neuzeit exemplarisch verfolgen:
zu erinnern ist an die grosse diskussion im 19.jahrh. zwischen den 
beiden rechtsschulen von savigny (historische rechtsschule) und thibaut 
(allgemein bürgerliches recht),
die in ähnlicher weise im 20. jahrh. erneut aufflammte:
kelsen und weber waren hier die protagonisten, die von unterschiedlichen 
sichtweisen ausgehend zu durchaus ähnlichen resultaten fanden.
das hauptptoblem war aber immer die frage der legitimität, d.h. auf 
welche quelle sich das recht letztendlich berufen kann, wer also der 
souverän sei, der dem recht seine gültigkeit, seine rechtmäßigkeit verleiht.
in diesem zusammenhang ist carl schmitts wort "souverän ist, wer über 
den ausnahmezustand entscheidet" der entscheidende link zum verständnis 
der entwicklungen der ersten hälfte des 20.jahrh.
indem schmitt die souveränitätsdefinition, und damit die quelle der 
rechtsgültigkeit schlechthin an den code von "normalzustand / ausnahme" 
band, politisierte er das recht im sinne eines "freund-feind"-denkens 
und erzeugte damit den entscheidenden _kurzschluss_, der zur 
machtergreifung hitlers führte.
erst durch den code "norm - ausnahme" ist die existenz eines diktators 
überhaupt möglich, denn dieser erschafft sich selbst über die erzeugung 
(permanente ausrufung) des ausnahmezustandes.

also doch religion? - auch das funktionssystem religion bedient sich der 
terminologie der justiz (weltgericht, kirchenrecht, jüngstes gericht) ...
und was das kirchenrecht betrifft, so entscheidet es u.a. darüber, wie 
mit den ketzern (kritikern) umgegangen wird, und meistenteils werden 
diese verbannt.
und dann sind wir sehr schnell bei den werten und den wertepräferenzen, 
und in zusammenhang damit bei der frage, welche wertepräferenzen der 
code von sich aus generiert.
und: können systeme auch über codes verfügen, die nicht binär sind, wie 
bspw. der code der justiz, der die welt in "gerecht/ungerecht" teilt? - 
also in etwa ein code der art: himmel - hölle - erde? - ist die 
formalstruktur eines solchen codes sinnstiftend für netzkulturen?
oder landen wir bei einem ternären code wieder bei carl schmitts befund: 
zu den eigenarten eines weltreiches gehöre eine "bunte menge möglicher 
anschauungen, rücksichtslose überlegenheit über lokale eigenarten und 
zugleich opportunistische toleranz in dingen, die keine zentrale 
bedeutung haben“ (habsburger modell?) und schmitt schlussfolgerte 
speziell für die kirchliche weltreichssphäre: "es scheint keinen 
gegensatz zu geben, den sie nicht umfasst".

zurück zum legitimationsproblem:
sind selbsterhaltende systeme nicht von dieser frage befreit? - d.h. 
sollten wir nicht auf kelsen schauen, der das justizwesen dadurch 
legitimierte, dass er es auf sich selbst bezog: "jede rechtliche deutung 
ist von einer anderen rechtsdeutung gestzützt, die wiederum in einer 
rechtsnorm ihren ursprung hat" - (zirkuläre geschlossenheit) - eine 
ordnung mit scharfen grenzen - recht authorisiert recht - und der 
souverän (der staat) wird zum rechtsgegenstand, ist demnach rechtsstaat.
dieser rechtsstaat bestimmt die grundnorm, die - und jetzt kommt das 
entscheidende - nicht etwa eine inhaltliche "du sollst"-regel ist, 
sondern die grundnorm ist _eine formel, die bestimmt, wie recht 
abgeleitet wird, wie recht entsteht_ - sie bestimmt also nicht die 
inhalte, sondern schafft das regelwerk, das inhalte erst erzeugt.
reinste kybernetik, und, um es in kybernetisches vokabular zu 
übersetzen, kann man das ganze über die begriffe "dynamisches 
gleichgewicht", "eigenwert", "seltsame attraktoren" "eigenverhalten", 
input-transformation-output-zirkuläre geschlossenheit", "nicht-triviale 
regelsysteme" ... beschreiben.

die eigentliche frage ist aber, wann bei einer zirkulären 
geschlossenheit eines systems ein kurzschluss vorliegt:
da komme ich kurz zu einer episode aus der patentgeschichte des 
wechselstroms:
es ist bekannt, dass jede heute gebräuchliche verstärkerschaltung durch 
eine rückkoppelung realisiert wird - meist durch das verfahren der 
_gegenkoppelung._ d.h. ein signal wird zuerst verstärkt und dann das 
negative (um 180grad phasenverschobene) signal wieder an den eingang 
zurückgeleitet.
als der erfinder dieser schaltung das prinzip zum patent anmelden 
wollte, wurde er abgewiesen, und zwar mit der begündung, dass eine 
schaltung keinen sinn mache, die zuerst ein signal verstärkt um es 
gleichzeitig wieder abzuschwächen.
interessanterweise zählen diese schaltungen heute zu den sog. 
operationsverstärkerschaltungen - das nur nebenbei - das entscheidende 
ist aber, dass der aus dem output ausgekoppelte und in den eingang 
rückgekoppelte signalfluss durch ein netzwerk von bauelementen (im 
einfachsten fall sind das _widerstände_) geschwächt, gefiltert, gebremst 
oder sonstwie beeinflusst wird.
hier, in einer art widerstandsnetzwerk liegt die ursache, die den 
unterschied zwischen kurzschluss und einer systemschliessung im sinne 
einer kreativ-produktiven tautologie erzeugt.

wie kommt aber so ein system überhaupt in schwung, und wodurch erhält es 
sich - gefragt am beispiel von netzkultur und/oder netznetz:
die läppischen 500 kilo-euro können es nicht sein - geld kann nur die 
funktion eines schmiermittels übernehmen, nimmt man das wort 
netz_-kulturen_ ernst.

ich komme zurück auf das justizsystem und der tatsache, dass heutige 
parlamente fast ausschliesslich damit beschäftigt sind, gesetze zu 
erlassen (in früheren zeiten wurden gesetze nur im bedarfsfall erlassen, 
sozusagen ab und zu, hie und wieder).
ein wesentlicher grund dafür ist ein erbe aus der französischen 
revolution und der darauffolgenden napoleonischen aera, und hängt eng 
mit dem sog. justizverweigerungsverbot zusammen. das ist, vereinfacht 
gesagt, die regel, dass die justiz, im fall sie wird angerufen, den 
zugrundeliegenden fall auch behandeln _muss_. dieses 
justizverweigerungsverbot setzte in der folge das rechtssystem unter 
starken druck (was kann man nicht alles zur rechtssache machen - - -) 
und führte dazu, dass die parlamente heute ständig neue paragraphen 
entwickeln müssen.
das hat aber dem rechtssystem auch anerkennung und damit legitimation 
gegeben, wohlgesagt _in den grenzen ihrer eigenen systembeschaffenheit_ 
und nicht, wie manche irrtümlich glauben, auch im bereich anderer 
systeme, wie bspw. netzkulturen. (hi, monos)

also was braucht netznetz:
netznetz braucht sicher keine findungskommission für kriterien, denn 
diese erzeugen trivialitäten.
es kann auch nicht die einsetzung einer jury sein, denn diese verfahren 
überträgt verantwortung an "höhere gewalten"- und verantwortung kann es 
nur dann geben , wenn entscheidungsfreiheit existiert und vice versa. in 
diesem zusammenhang erscheint mir die permanente forderung, die stadt 
solle verantwortung für kultur übernehmen, wie der ruf nach einem 
"freiwilligen" untergebenendasein. die stadt soll kohle für kultur 
hergeben - und damit basta.

ich möchte für netzkulturen zwei dinge fordern:
ein kommunikationsverweigerungsverbot für netznetz-koordinatorInnen
und
eine non-triviale operationale schliessung, und wenn es dafür eines 
binären codes bedarf, dann kann dieser nur lauten: _diskursiv versus 
autoritativ_

für eine undifferenzierte codierung müsste man die analogtechnik 
bemühen, denn undifferenzierte codierung betrifft das verhältnis zur 
umwelt. die von aussen kommenden signale, die nur nach ihrer stärke und 
allenfalls nach ihrem verlauf differenziert werden.
die notwendigen sinnstiftenden leitungsverbindungen können nur intern, 
paradoxerweise durch experimentelles _handeln nach aussen_, geknüpft 
werden, soll das ganze ein legitimes wirklichkeitskonstrukt werden.

zum schluss zwei zitate:
heinz von foerster (übrigens der bruder des bekannten jazz-saxofonisten 
uzzi foerster):
"nur die fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können _wir_ 
entscheiden."
und foerster bezieht sich wieder auf Ortega y Gasset:
"der mensch ist kein ding, sondern ein drama. der mensch muss nicht nur 
sich selbst schaffen, er muss auch entscheiden, was er will. ob original 
oder plagiator, er ist der romandichter seiner selbst. infolgedessen ist 
er frei. aber wohlverstanden, er ist frei aus zwang, ob er will oder nicht."

lieber fer, ich wünsche dir nebst vielen widerständischen gedanken, sex, 
drugs and rock ´n´ roll, einen guten rutsch ins neue jahr!

christoph

- wechselstrom -









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