werter Christoph und ebenso weitere werte nicht-vermachtete netznetler -

erstmals thx fuer deine umfangreichen diskussionsanregungen - Christoph -, die sich - erst recht im festtagstaumel - nicht so schnell abarbeiten lassen.

beim erhalt deines mails habe ich quasi schon automatisch auf das von Paul Boehm gewartet - ist inzwischen eingetroffen. ohne pauschalieren zu wollen, sind die coder eben auch eine seltsame spezies, die nichts unanstaendiges an kilometerlangen programmzeilen findet, dem wort im plural aber eher mit schrecken gegenueberstehen.

ich hab jetzt nochmals mein posting nachgelesen. und denke: haette ich etwas praeziser erlaeutert, waeren deine gedanken vielleicht nicht so ausgeschweift....

also nochmals zu meiner anmerkung

eine loesung waere noch, code, programm, medium und funktion des funktionssystems religion (ja im ernst) zu waehlen, das trifft es nicht nur besser im hinblick auf ´partizipative digitale kultur´, auch teilt diese als ´subventioniertes kulturelles segment´ das manko der religion: das legitimationsproblem.


wenn jetzt auch Paul Boehm die augen spitzt kann auch er noch was lernen. vorausgesetzt er checkt, dass technische systeme (sein arbeitsgebiet) triviale systeme sind und keineswegs mit sozialen systemen (nicht-trivial) verglichen werden koennen.

moechte aber zu ehrenrettung der coder anmerken, dass sie jene waren, die ueber ein digitales wundertool zur "gerechten verteilung von subventionsgeldern" mehrheitlich schon 2005 kopfschuettelnd reagiert haben. fuer solche kranken ideen braucht es schon eine letztklassige kabarettgruppe wie die monos oder einen irr-laeufer wie Thurner und entsprechend "inkompetente politiker".

kurzum - wie sehr sich der vergleich des vorliegenden kulturellen segments - netznet - mit dem funktionssystem religion aufdraengt, wird deutlich, wenn wir sagen:

funktionssystem: religion. code: immanenz/transzendenz. programm: offenbarung, dogmatik, religioese texte und rituale. medium: glaube. funktion: transformation unbestimmbarer in bestimmbare komplexitaet.

unter einem gewissen aspekt liesse sich netznet muehelos dem funktionssystem religion zuordnen - und vielleicht ist die kirche die bessere adresse fuer subventionsantraege. und in diesem falle waere sogar die schleimtour der vermachteten netznetler die einzig richtige strategie.

nicht so, wenn an das funktionssystem politik adressiert wird. denn die politik
subventioniert traditionellerweise subkulturen nur, um ueberschuessige energien (in der regel gegen hegemoniale kraefte gerichtet) zu kanalisieren - in de facto harmlose kulturelle kompensatiosmoeglichkeiten.

im prinzip kleben(!) alle sozialen zusammenhaenge dieser art (kurz: protestbewegungen) am funktionssystem politik als adressat, schon was die inhalte anlangt. und nicht weiter ueberraschend, weisen jene unternehmungen eine gewisses staerke - heisst relevanz - auf, die einzig im konflikt mit der politik verbunden sind und moeglichst finanziell unabahaengig sind.

also wie dem dillemma entkommen?

ganz einfach, wie es die geschichte lehrt: muskel zeigen und wenn schon kohle fordern, dann von schutzgeld reden. denn subventionen an das betreffende sozio-kulturelle feld (sog. protestunternehmungen) waren immer schon SCHUTZGELDER.

die bezeichnung subvention ist immer schon ein begriff fuer strategien des invisibilisierens seitens der politik - egal welcher bereich.

sich selbst(!) nichts vormachen und entsprechend gegenueber der politik auftreten - das waere doch etwas fuer 2008!?

dass die uns bekannte schleimerriege der vermachteten weiterhin die schleimtour
fahren moechte, ist ja inzwischen bekannt.

meine hinweise sollten vor allem "unserem radio orange" - dem Manfred Krejcik zu denken geben.

prosit allerseits!
machs gut - Christoph!
cheers,
fer


At 11:39 19.12.07 +0100, wechselstrom - christoph theiler wrote:
FER schrieb:


der quasi springende punkt waere im anspruch an selbstverteilung von subvention, erstmal einen anderen code, ein anderes differenzpaar zu finden (etwa ´undifferenzierte codierung´ - Heinz von Foerster) und es etwa unter die einheit X, also gar nichts bestimmtes, zu stellen. aber wie dort hinkommen, wenn - naheliegender weise - alle beteiligten vorrangig an die kohle denken.

eine loesung waere noch, code, programm, medium und funktion des funktionssystems religion (ja im ernst) zu waehlen, das trifft es nicht nur besser im hinblick auf ´partizipative digitale kultur´, auch teilt diese als ´subventioniertes kulturelles segment´ das manko der religion: das legitimationsproblem.
hi fer,

das funktionssystem religion als lösungsansatz für netznetz zu adaptieren, lässt mich an einen alten jüdischen witz denken:

vor dem vatikan stehen zwei kaufleute: es fährt eine mercedes-limousine vor - ein bischof steigt aus - es kommt die nächste limousine - ein bischof steigt aus - es kommt ein rolls royce - ein kardinal steigt aus ... ... ... sagt der eine kaufmann zum anderen: "siehst du, was für eine firma! - - und angefangen haben sie mit einem esel."

braucht netzkultur eine legitimiation _von ausserhalb_ oder ist sie nicht schon dadurch legitimiert, dass sie existiert?

wer beim funktionssystem religion zuerst an inquisition denkt, der blendet aus, dass auch andere funktionssysteme inquisitorische züge entwickeln können. ich vermute sogar, dass kein funktionssystem gegenüber solchen entwicklungen _von sich aus_ immun ist. so haben insbesondere die funktionssysteme justiz und medizin vor nicht allzu langer zeit inquisitorische verfahren entwickelt (volksgerichtshof, euthanasie) und diese angewendet, wobei es an "begründungen" nicht mangelte.

gerade am beispiel der justiz lassen sich die gesellschaftspolitischen entwicklungen der neuzeit exemplarisch verfolgen: zu erinnern ist an die grosse diskussion im 19.jahrh. zwischen den beiden rechtsschulen von savigny (historische rechtsschule) und thibaut (allgemein bürgerliches recht),
die in ähnlicher weise im 20. jahrh. erneut aufflammte:
kelsen und weber waren hier die protagonisten, die von unterschiedlichen sichtweisen ausgehend zu durchaus ähnlichen resultaten fanden. das hauptptoblem war aber immer die frage der legitimität, d.h. auf welche quelle sich das recht letztendlich berufen kann, wer also der souverän sei, der dem recht seine gültigkeit, seine rechtmäßigkeit verleiht. in diesem zusammenhang ist carl schmitts wort "souverän ist, wer über den ausnahmezustand entscheidet" der entscheidende link zum verständnis der entwicklungen der ersten hälfte des 20.jahrh. indem schmitt die souveränitätsdefinition, und damit die quelle der rechtsgültigkeit schlechthin an den code von "normalzustand / ausnahme" band, politisierte er das recht im sinne eines "freund-feind"-denkens und erzeugte damit den entscheidenden _kurzschluss_, der zur machtergreifung hitlers führte. erst durch den code "norm - ausnahme" ist die existenz eines diktators überhaupt möglich, denn dieser erschafft sich selbst über die erzeugung (permanente ausrufung) des ausnahmezustandes.

also doch religion? - auch das funktionssystem religion bedient sich der terminologie der justiz (weltgericht, kirchenrecht, jüngstes gericht) ... und was das kirchenrecht betrifft, so entscheidet es u.a. darüber, wie mit den ketzern (kritikern) umgegangen wird, und meistenteils werden diese verbannt. und dann sind wir sehr schnell bei den werten und den wertepräferenzen, und in zusammenhang damit bei der frage, welche wertepräferenzen der code von sich aus generiert. und: können systeme auch über codes verfügen, die nicht binär sind, wie bspw. der code der justiz, der die welt in "gerecht/ungerecht" teilt? - also in etwa ein code der art: himmel - hölle - erde? - ist die formalstruktur eines solchen codes sinnstiftend für netzkulturen? oder landen wir bei einem ternären code wieder bei carl schmitts befund: zu den eigenarten eines weltreiches gehöre eine "bunte menge möglicher anschauungen, rücksichtslose überlegenheit über lokale eigenarten und zugleich opportunistische toleranz in dingen, die keine zentrale bedeutung haben“ (habsburger modell?) und schmitt schlussfolgerte speziell für die kirchliche weltreichssphäre: "es scheint keinen gegensatz zu geben, den sie nicht umfasst".

zurück zum legitimationsproblem:
sind selbsterhaltende systeme nicht von dieser frage befreit? - d.h. sollten wir nicht auf kelsen schauen, der das justizwesen dadurch legitimierte, dass er es auf sich selbst bezog: "jede rechtliche deutung ist von einer anderen rechtsdeutung gestzützt, die wiederum in einer rechtsnorm ihren ursprung hat" - (zirkuläre geschlossenheit) - eine ordnung mit scharfen grenzen - recht authorisiert recht - und der souverän (der staat) wird zum rechtsgegenstand, ist demnach rechtsstaat. dieser rechtsstaat bestimmt die grundnorm, die - und jetzt kommt das entscheidende - nicht etwa eine inhaltliche "du sollst"-regel ist, sondern die grundnorm ist _eine formel, die bestimmt, wie recht abgeleitet wird, wie recht entsteht_ - sie bestimmt also nicht die inhalte, sondern schafft das regelwerk, das inhalte erst erzeugt. reinste kybernetik, und, um es in kybernetisches vokabular zu übersetzen, kann man das ganze über die begriffe "dynamisches gleichgewicht", "eigenwert", "seltsame attraktoren" "eigenverhalten", input-transformation-output-zirkuläre geschlossenheit", "nicht-triviale regelsysteme" ... beschreiben.

die eigentliche frage ist aber, wann bei einer zirkulären geschlossenheit eines systems ein kurzschluss vorliegt:
da komme ich kurz zu einer episode aus der patentgeschichte des wechselstroms:
es ist bekannt, dass jede heute gebräuchliche verstärkerschaltung durch eine rückkoppelung realisiert wird - meist durch das verfahren der _gegenkoppelung._ d.h. ein signal wird zuerst verstärkt und dann das negative (um 180grad phasenverschobene) signal wieder an den eingang zurückgeleitet. als der erfinder dieser schaltung das prinzip zum patent anmelden wollte, wurde er abgewiesen, und zwar mit der begündung, dass eine schaltung keinen sinn mache, die zuerst ein signal verstärkt um es gleichzeitig wieder abzuschwächen. interessanterweise zählen diese schaltungen heute zu den sog. operationsverstärkerschaltungen - das nur nebenbei - das entscheidende ist aber, dass der aus dem output ausgekoppelte und in den eingang rückgekoppelte signalfluss durch ein netzwerk von bauelementen (im einfachsten fall sind das _widerstände_) geschwächt, gefiltert, gebremst oder sonstwie beeinflusst wird. hier, in einer art widerstandsnetzwerk liegt die ursache, die den unterschied zwischen kurzschluss und einer systemschliessung im sinne einer kreativ-produktiven tautologie erzeugt.

wie kommt aber so ein system überhaupt in schwung, und wodurch erhält es sich - gefragt am beispiel von netzkultur und/oder netznetz: die läppischen 500 kilo-euro können es nicht sein - geld kann nur die funktion eines schmiermittels übernehmen, nimmt man das wort netz_-kulturen_ ernst.

ich komme zurück auf das justizsystem und der tatsache, dass heutige parlamente fast ausschliesslich damit beschäftigt sind, gesetze zu erlassen (in früheren zeiten wurden gesetze nur im bedarfsfall erlassen, sozusagen ab und zu, hie und wieder). ein wesentlicher grund dafür ist ein erbe aus der französischen revolution und der darauffolgenden napoleonischen aera, und hängt eng mit dem sog. justizverweigerungsverbot zusammen. das ist, vereinfacht gesagt, die regel, dass die justiz, im fall sie wird angerufen, den zugrundeliegenden fall auch behandeln _muss_. dieses justizverweigerungsverbot setzte in der folge das rechtssystem unter starken druck (was kann man nicht alles zur rechtssache machen - - -) und führte dazu, dass die parlamente heute ständig neue paragraphen entwickeln müssen. das hat aber dem rechtssystem auch anerkennung und damit legitimation gegeben, wohlgesagt _in den grenzen ihrer eigenen systembeschaffenheit_ und nicht, wie manche irrtümlich glauben, auch im bereich anderer systeme, wie bspw. netzkulturen. (hi, monos)

also was braucht netznetz:
netznetz braucht sicher keine findungskommission für kriterien, denn diese erzeugen trivialitäten. es kann auch nicht die einsetzung einer jury sein, denn diese verfahren überträgt verantwortung an "höhere gewalten"- und verantwortung kann es nur dann geben , wenn entscheidungsfreiheit existiert und vice versa. in diesem zusammenhang erscheint mir die permanente forderung, die stadt solle verantwortung für kultur übernehmen, wie der ruf nach einem "freiwilligen" untergebenendasein. die stadt soll kohle für kultur hergeben - und damit basta.

ich möchte für netzkulturen zwei dinge fordern:
ein kommunikationsverweigerungsverbot für netznetz-koordinatorInnen
und
eine non-triviale operationale schliessung, und wenn es dafür eines binären codes bedarf, dann kann dieser nur lauten: _diskursiv versus autoritativ_

für eine undifferenzierte codierung müsste man die analogtechnik bemühen, denn undifferenzierte codierung betrifft das verhältnis zur umwelt. die von aussen kommenden signale, die nur nach ihrer stärke und allenfalls nach ihrem verlauf differenziert werden. die notwendigen sinnstiftenden leitungsverbindungen können nur intern, paradoxerweise durch experimentelles _handeln nach aussen_, geknüpft werden, soll das ganze ein legitimes wirklichkeitskonstrukt werden.

zum schluss zwei zitate:
heinz von foerster (übrigens der bruder des bekannten jazz-saxofonisten uzzi foerster): "nur die fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können _wir_ entscheiden."
und foerster bezieht sich wieder auf Ortega y Gasset:
"der mensch ist kein ding, sondern ein drama. der mensch muss nicht nur sich selbst schaffen, er muss auch entscheiden, was er will. ob original oder plagiator, er ist der romandichter seiner selbst. infolgedessen ist er frei. aber wohlverstanden, er ist frei aus zwang, ob er will oder nicht."

lieber fer, ich wünsche dir nebst vielen widerständischen gedanken, sex, drugs and rock ´n´ roll, einen guten rutsch ins neue jahr!

christoph

- wechselstrom -








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