Hallo allerseits,

jetzt muss ich doch auch mal etwas Öl ins Feuer giessen. ;)

>>
>> Sorry, wir reden über taktisches Verhalten bei der kommenden Bundestagswahl.
>> Und da ist eine Stimme für die Piratenpartei m.E. nach eine für die Union 
>> resp. ihren Wasserträger, die SPD.

Wenn es nur darum geht die CDU abzuwählen, dann war schon die Enstehung
der Linkspartei ein Fehler. Die hat im Endeffekt CDU/FDP genutzt. Wenn
unser größtes Problem, aber wirklich nur die CDU ist, dann haben wir
nicht wirklich welche.
>>
> Was sollte ich sonst wählen? Die Linke, sorry nicht ganz meine
> Überzeugung. Die Grünen sind mir zum Teil wieder zu neoliberal, aber was
> den Ausschlag gibt, ist dass kine der beiden etwas gegen den
> Überwachungsstaat machen. Sie verstehen es nicht und sie tun es nicht.
> Deren Beitrag besteht nur darin die PP zu bekämpfen. Die Linke (nicht
> die Partei, sondern die Bewegung an sich) hat vielleicht auch ein
> kleines traditionelles Problem mit  Technologie. Nicht alle, aber die
> Kader in deren Spitzenpositionen auf jeden Fall.
> http://chaosradio.ccc.de/cre038.html (schöner Podcast dauert aber über
> zwei Stunden)
>

Der Begriff "Die Linke", egal ob Partei oder "Bewegung" ist doch
eigentlich ein Witz und leider auch schon immer gewesen. Es ist
einer der traurigen Eigenschaften, dass die vielen Variationen meistens
damit beschäftigt sind sich gegenseitig auf die Fresse zu hauen. Das
Trauerspiel hatten wir schon in der Weimarer Republik und eines der
letzten Highlights war die vorletzte französische Präsidentenwahl. Da
haben es "Die Linken" mit ihrer grandiosen Einigkeit geschafft, dass am
Ende Le Penn in der Stichwahl war. Ich habe es schon mit einiger
Häme verfolgt, dass sie dann sogar zu Wahl Chiracs aufrufen
mussten. Blödheit und Ignoranz sind vollkommen unabhängig von
politischen Einstellungen.

Ich finde es aber auch müssig sich nur über Parteien zu unterhalten,
denn am Ende sieht das alles sehr ähnlich aus. Eine Gesellschaft bekommt
immer die Parteien die sie produziert und damit auch verdient. Wenn wir
nicht endlich anfangen, uns auf breiter Fläche ein paar Gedanken über
unsere Gesellschaft zu machen und dabei sicherlich einige Illusionen
über Bord werfen werden müssen, wird sich wohl kaum etwas ändern. Das
ist aber auch mancherlei anderer Hinsicht mal nötig.

Sehr schön finde ich ja auch, dass mal wieder die abgegriffenen Phrasen
'neoliberal' und 'Überwachungsstaat' in einem Atemzug genannt
werden. Auf der einen Seite wird da das Überwachungsmonster gesehen,
dass es zu bekämpfen gilt. Dieses soll aber die Wirtschaft möglichst
unter seine Kontrolle bringen und alles wird gut. Das ist schon
hochgradig naiv.

Da sind die Kaffeehausliberalen und Wohnzimmeranarchisten doch
wesentlich konsequenter, da sie den Staat in allen Bereichen
ablehnen. Diesen Leuten kann ich nur raten nach Somalia auszuwandern,
denn da gibt es keinen Gängelstaat mehr. Dabei Wünsche ich dann viel
Spaß.


Was den "Zensurstaat" angeht, haben wir den schon längst. Es gab noch
nie komplett unzensierte Medien und manches dabei hat auch mit sehr
bitteren Erfahrungen zu tun. Meinungsfreiheit ruiniert Existenzen,
Meinungsfreiheit tötet, Meinungsfreiheit schafft Meinungsfreiheit
ab. Das sollte eigentlich jeder halbwegs gebildete begriffen haben. Wann
ich irgendwie eingreife und wann nicht, ist immer ein Gradwanderung und
auch nur eine Krücke. Zu diesem Problem kommt aber auch nur wenig
Geistreiches.

Beim Thema Daten sammeln finde sehr faszinierend wie wenig die
Datenkrake Google ins Schußfeld kommt. Im Vergleich dazu ist Schäuble
mit seinen paar Hanseln nur ein schlechter Witz. Würden die ganzen
Diskussionen mal wirklich konsequent umgesetzt, müsste man als erstes
diesen Laden boykotieren. Dem geht auch nur um Geld und im Endeffekt um
Kontrolle und Macht. Dann würde aber manches unbequemer werden und man
müsste auf viele schicke Gadgets verzichten. Das will nun wirklich
keiner.

Damit kommen wir auch zu einem strukturellen Problem des Netzes. Was
eimal drin ist bleibt drin. Das Netz vergisst nunmal nicht. Im Prinzip
ist es durch seinen real existierenden Aufbau eine massive Verletzung
von Persönlichkeitsrechten. Es wird soviel ungefragt über Menschen
reingesetzt und kommt nie wieder raus. Außer den Bertoffenen
interessiert das aber kaum jemand. Ganz im Gegenteil, die Leute lieben
es doch sich auf Kosten anderer zu unterhalten. Die Realität ist wohl
eher Big Brother für alle.

Nebenbei hat das ganze auch noch einige Verbindungen zur realen
Welt. Das Internet ist auch ein gigantische Energie- und
Ressourcenschleuder. Der Energieverbrauch hat den des Luftverkehrs schon
überholt. Bei dem langen Rattenschwanz der da noch dran hängt, sind wir
nämlich auch bei der essenzielsten Rechtseinschränkung, nämlich der des
Rechtes auf Leben. Die findet massiv statt, wenn auch nicht unbedingt
bei uns. Wie immer interessiert uns das aber auch nur peripher und
sollte dann auch keine Komforteinbußen mit sich bringen.


Bei all diesen angerissenen Problemen und noch vielen ungenannten, frage
ich mich wo denn mal eine offensiv selbstkritisch geführte Diskussion
stattfindet? Diese muss auch aus der Netzwelt rausgetragen werden. Ich
sehe da aber wenig bis nichts, ganz zu schweigen von daraus abgeleiteten
Handlungen. Meistens wird nur gemauert, die üblichen Platitüden um sich
geworfen und dann kommen ab und zu auch mal ein paar gute Ideen. Mir
kommt das ganze vor wie eine religöse Gemeinde, die um einen
unantastbaren heiligen Gral tanzt. Die Argumentation ist häufig auch
nicht besser wie die Gegenseite.

Um das ganze mal nicht in die falsche Richtung zu leiten, mir ist schon
klar, dass es hier um ernstzuhnemende Probleme bei Netzeingriffen
geht. Die Diskussion wird aber auf allen Seiten ziemlich simplizistisch
geführt, was an der Komplexität vorbeigeht. Die Argumentation der
Verteidegerseite ist auch nicht unbedingt dazu angetan Leute zu
gewinnen, die keine tiefe Verwurzelung im Netz haben, aber durchaus für
das Problem zu gewinnen wären. Das kann nämlich dazu führen, dass man
denen Leuten das Feld überlässt, die genau nicht alleine darüber
entscheiden sollten. Das geht mir persönlich durchaus ähnlich, denn beim
Zuhören baut sich bei mir schon eine richtige Distanz auf. Der Antrieb
bei diesem Thema ist eher gering, unabhängig davon dass mich die
wirklich großen Probleme mehr interessieren und die finden sicherlich
nicht im Netz statt.


Gruß
Rainer
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