Hallo allerseits,
als erstes einmal möchte ich Hans-Christoph für seine ausführliches und
schönes Beispiel für die Paradoxien mehrstufiger Wahlsysteme danken :-).
Ich habe mich selbst mal ein bisschen mit diesem sehr spannenden
Themenkomplex auseinandergesetzt.
Pascal Hauck ſchrieb am 17.09.2009 14:07 Uhr:
Wenn alle Wahlverfahren gewisse Probleme bereiten, spricht nichts dagegen,
jedem genau eine Stimme zu gewähren und in mehreren geheimen Wahlgängen zu
einer Entscheidung zu kommen.
Seufz … wenn es kein optimales Verfahren gibt, nimmt man halt
irgendeines? Auch wenn es große Schwächen hat und es bessere gäbe? Das
scheint mir eine sehr vollschnelle und wenig durchdachte Vorgehensweise
zu sein.
Aber vielleicht hat Dich ja einfach nur die Matrix in Hans-Christophs
E-Mail abgeschreckt, deshalb versuche ich das nochmal stark zu
vereinfachen und didaktisch einzukleiden (ab jetzt diese E-Mail bitte
nicht mehr so ernst nehmen!):
Es war einmal ein kleines Land, nennen wir es Judäa. Dort gab es zwei
große Bevölkerungsgruppen: Die Einheimischen stellten 60 % der
Bevölkerung, die restlichen 40 % waren eingewanderte römische Besatzer.
Nun sollte auf Geheiß des Kaisers (der sich hier dem Druck des römischen
Senates hatte beugen müssen) erstmals demokratische Wahlen stattfinden.
Dies bereitete dem bisher amtierenden römischen Stadthalter »Pascalus
dem Schrecklichen« natürlich viele schlaflose Nächte.
Doch eines Tages ersann Pascallus die folgende List: Die neue Regierung
solle aus Effizienzgründen nur von einer einzigen Partei gestellt
werden, und diese solle in zwei Wahlgängen ermittelt werden: Zwischen
den beiden stärksten Parteien des ersten Wahlganges solle es zu einer
Stichwahl kommen. Diese Partei sollte dann aus ihren Reihen die
Regierung bestimmen.
Die Leute fanden, dann es sich nach einem fairen demokratischen
Verfahren anhören würde und waren zufrieden. Die Einwände von
»Christopherus dem Weisen«, dass dies vielleicht gar keine so gute Idee
sei, verhallten ungehört.
Was waren Pascalus wahre Beweggründe? Es waren insgesamt vier
Wahlvorschläge eingereicht worden, die sich für ein Ende der Besatzung
ausſprachen, und zwar die …
• Judäische Volksfront (JV)
• Volksfront Judäas (VJ)
• Vereinigte Judäa-Volksfront (VJV)
• Judäa-Volksfront-Allianz (JVA)
Zwei Parteien wollten hingegen die Besatzung aufrechterhalten, die …
• Römerpartei des Pompejus (RP)
• Römerpartei der Claudier (RC)
Pascalus wusste, dass beide Volksgruppen ihre Stimmen auf ›ihre‹
Parteien ungefähr gleichermaßen verteilen würden – und so sah dann auch
das Ergebniss des ersten Wahlganges aus:
22 % für die Römerpartei des Pompejus (RP)
18 % für die Römerpartei der Claudier (RC)
17 % für die Vereinigte Judäa-Volksfront (VJV)
14 % für die Volksfront Judäas (VJ)
14 % für die Judäa-Volksfront-Allianz (JVA)
15 % für die Judäische Volksfront (JV)
Damit war die Besatzung gesichert – die Römer stellten nur 40 % der
Bevölkerung, würden aber alle Positionen der Regierung besetzen können –
und ab sofort sogar »demokratisch legitimiert«.
Die weitere Geschichte ist traurig, es kam, wie es kommen musste: Als
die Betrogenen ihren Fehler erkannten, war es leider schon zu spät. Sie
schlossen sich zwar noch zur »Geeinigten Judäafront (GJ)« zusammen, doch
»Pasculus der Schreckliche« ließ nie wieder eine Wahl zu. Schließlich
könne man nicht ständig wählen, und die letzte Wahl sei doch
demokratisch abgelaufen. Die Besatzung dauerte an und verschlimmerte
sich sogar noch. Der kluge Christopherus wurde verhaftet und exekutiert.
Pascalus schwelgte im Luxus, und die Bevölkerungsmehrheit litt für viele
Jahrzehnte unter den Folgen der unaufhebbaren Pascalusſchen Schreckenswahl.
In diesem Sinne:
»Das Heil der Demokratien, von welchem Typus und Rang sie immer seien,
hängt von einer geringfügigen technischen Einzelheit ab: vom Wahlrecht.
Alles andere ist sekundär.«
(Jose Ortega y Gasset, span. Kulturphilosoph, zitiert nach
http://www.wahlrecht.de/)
Viele Grüße,
Dennis-ſ
PS: Diese Geschichte war natürlich vollkommen fiktiv. Irgendwelche
Bezüge zu lebenden Personen oder WASD-2, WASD-Konstervativ,
WASD-Stephan, Leila oder Leila-Getauscht werden von mir ganz energisch
abgestritten … and always look on the bride side of live ;-).