Liebe NetzNetzler/innen,

zu später Stunde einige Aspekte aus politischer Sicht zum Thema "Mitbestimmung" (Partizipation), Demokratisierung sowie politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Repräsentationsstrategien als Gedankenanstoss:

Am 11.12.2007 um 17:22 schrieb Peter Kuhm:

Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat, es kommt da quasi zu einer Urabstimmung:

-> http://netznetz.net/wiki/ Antrag_2007-12-16_Verwaltung_von_Fördergeldern

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Der politische Kampf um das Recht auf Mitbestimmung (Partizipation) ist eine der ältesten emanzipatorischen Forderungen progressiver linker Politik, zu einer breiten Demokratisierung politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Forderung nach Mitbestimmung (Partizipation) leitet sich in der Geschichte der sozialistischen bzw. sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiter/innenbewegung und den Gewerkschaften vorrangig von betrieblichen, aber auch aus gesellschaftlichen Einsichten ab. Betriebliche Mitbestimmung etwa reicht vom Arbeitsplatz bis zur langfristig geplanten Geschäftspolitik, reicht von der Lohnpolitik bis hin zur Dividendenpolitik und somit von der Mitarbeiter/innenvertretung bis zur Mitbestimmung im Aufsichtsrat.

Als zwei Beispiele im Kontext von Gesellschaftpolitik seien die studentische Mitbestimmung an Universitäten (in Österreich abgeschafft durch das UOG 2002) und die Geschworenengerichtsbarkeit, Kerngedanke einer demokratischen Justiz genannt: BM Dr. Maria Berger konstatierte etwa im Jahr 2006: "Die Geschworenengerichtsbarkeit ist vom Gedanken einer demokratischen Justiz eine zentrale Einrichtung. Bevor man sagt, wir wandeln das um, sollte man versuchen, Bedenken durch bessere Organisation auszuräumen."

Mitbestimmung bzw. Partizipation bezeichnen als politische Begriffe die Gewährung von Entscheidungsbefugnissen für diejenigen, die zwar von den Ergebnissen der Entscheidungen betroffen sind, aufgrund formaler Rechts- oder Besitzverhältnisse aber zunächst keinen Einfluss auf den Entscheidungsprozess haben. Die Idee zur Forderung nach Mitbestimmung (Partizipation) fusst aus linker Sicht auf der Einsicht der Aufhebung der Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit, von Kopf und Hand, Denken und Handeln, Konzept und Realisation, Planung und Umsetzung, Entscheidung und Ausführung - in Fall von Vergaben von Kulturfördergeldern das Gegensatzpaar "Jury- Expert/innen vs. Communityentscheid".

Das grundlegende Werk hierzu von Alfred Sohn-Rethel "Geistige und körperliche Arbeit. Zur Epistemologie der abendländischen Geschichte. Revidierte und ergänzte Neuauflage, Weinheim 1989" steht in der Tradition der Frankfurther Schule (Adorno, Benjamin), in dem Sohn- Rethel seinem zeitlebens beharrlich verfolgtes Ziel, die Verbindung der Erkenntniskritik Immanuel Kants mit der „Kritik der Politischen Ökonomie“ von Karl Marx zu einer materialistischen Erkenntnistheorie und -kritik, nachgeht. Getreu der Marxschen These, wonach alle Ökonomie in Zeit mündet, steht für Marx das zeitökonomische "Theorem der reellen Subsumtion" im Gegensatz zur Marktökonomie.

Subsumtion im engeren Sinne bedeutet nach Karl Marx "... die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses [etwa top- down Juryentscheide durch sogenannte "Expert/innen" und zumeist mandatlose selbsternannte "Vertreter/innen selbstreferentieller hegemonialer Diskurse der Kunst- und Kulturindustrie"] von der Handarbeit [dem kreativen Arbeitsprozess der Künstler/innen und Kulturschaffenden ]." (*)

Darüber hinaus lieferte Sohn-Rethel wertvolle Einsichten in die wirtschaftspolitischen Zusammenhänge, insbesondere beim ökonomischen und politischen Aufstieg des "Deutschen Faschismus" (Nationalsozialismus).

Aus diesen Analysen folgt daher:

EINE SOGENANNTE "FREIHEIT DER KUNST" UND KULTURPRODUKTION OHNE MITBESTIMMUNG DER KÜNSTLER/INNEN UND KULTURSCHAFFENDEN IST UNMÖGLICH!

Gute Nacht,
Stefan


[*] "Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit und die Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die Arbeit vollendet sich, wie bereits früher angedeutet, in der auf Grundlage der Maschinerie aufgebauten großen Industrie. Das Detailgeschick des individuellen, entleerten Maschinenarbeiters verschwindet als ein winzig Nebending vor der Wissenschaft, den ungeheuren Naturkräften und der gesellschaftlichen Massenarbeit, die im Maschinensystem verkörpert sind und mit ihm die Macht des Kapitalisten bilden.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 446.

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