At 00:19 12.12.07 +0100, Stefan Lutschinger wrote:
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Getreu der Marxschen These, wonach alle Ökonomie in Zeit mündet, steht für
Marx das zeitökonomische "Theorem der reellen Subsumtion" im Gegensatz zur
Marktökonomie.
>
hi an eine noch an netznet interessierte oeffentlichkeit -
um die aktuellen gesellschaftlichen umstaende tatsaechlich analysieren und
verstehen zu koennen, braucht es ein hinreichend kohaerentes theoriedesign.
als sogenannter nicht-trivialer linker verrate ich gleichmal, dass bei
aller wertschaetzung von Karl Marx, historisch gesehen, mit einer wie immer
gearteten wiederbelebung der ´muskuloesen metaphysik des materialismus´
heute nichts mehr zu holen/zu verstehen ist. (vielleicht schafft es
Lutschinger lesemaessig doch noch im naechstenn jahr wenigstens bis ins
20.jahrhundert zu kommen.)
es gibt allerdings einen angelpunkt bei Marx, der auch aus heutiger sicht
bemerkenswert ist. was an der kritik der politischen oekonomie seiner zeit
noch heute dem kritischen blick standhaelt, ist die ueberfuehrung eines
wissens in einen sozialen kontext - und nicht wie davor ein wissen, dass
sich naturbezogen gerechtfertigt hatte. noch deutlicher: die
wirtschaftsordnung des kapitalismus folgt nach Marx nicht der ´natur
wirtschaftlichen handelns mit quasi implementierter individueller und
kollektiver rationalitaet´ - sie ist vielmehr eine soziale konstruktion.
also etwas kollektiv zirkulaer formiertes, wobei einzelne individuen, auch
mit sogenannter macht ausgestattet, bei aller moeglichkeit der
kontingenzsteuerung de facto nichts im griff haben.
es geht also um die grundlegende einsicht, dass die kapitalistische
wirtschaft nicht auf einer extrasozialen objektivitaet beruht, sondern auf
sich selbst(!), und dass alle referenzen auf interessen, beduerfnisse,
sachzwaenge oder rationalitaetsvorteile ´interne referenzen´ auf ´externe
sachverhalte´ sind. in aller deutlichkeit: also abhaengig sind und bleiben
von der logik der geldwirtschaft. und was uns ALLEN zum ueberleben zur
option steht, ist einzig ein sehr weites spektrum von formen des
wirtschaftens; einschliesslich krimineller methoden unterschiedlicher
gradation.
mal abgesehen davon, dass sich evolutionaer formierte strukturen in einer
weltgesellschaft(!) nicht so einfach abschaffen lassen - denn gerade im
vorliegenden sozio-kulturellen segment, dem auch netznet zuzuordnen ist,
laesst sich schwer sagen: schaffen wir endlich den scheiss-kapitalismus ab.
denn ein unleugbares faktum ist, dass die logik der geldwirtschaft in hohem
masse auch die technisierung der gesellschaften vorantreibt und die
sogenannte EMANZIPATION lediglich ein nebeneffekt all dieser technologien
bis hin zu privat-tools ist - und auch die bloeden, die nicht
technik-kritisch engagierten menschen profitieren davon.
keineswegs sollen die leistungen jener geschmaelert werden, die sich mit
der vorgabe emanzipation und partizipation (sind ja nur woerter) den
gesellschaftlichen umstaenden stellen, gegen so manche sie ankaempfen und
zugleich(!) davon profitieren.
EINE SOGENANNTE "FREIHEIT DER KUNST" UND KULTURPRODUKTION OHNE
MITBESTIMMUNG DER KÜNSTLER/INNEN UND KULTURSCHAFFENDEN IST UNMÖGLICH!
Gute Nacht,
Stefan
mit szene-populistischen gutenacht-geschichte dieser art wird bloss ein
´weiter-bloed-stellen´ - oder noch schlimmer: bloed sein - fortgesetzt. nur
abgeklaerte aufklaerer/innen koennen mit einem hinreichend kohaerenten
theoriedesing den konstruktionen der macht (vereinfacht gesagt), ´ihre
eigenen konstruktionen´ entgegensetzen. alles ohne garantie auf erfolg,
versteht sich.
aufwachen! guten morgen -
cheers,
fer
At 00:19 12.12.07 +0100, Stefan Lutschinger wrote:
Liebe NetzNetzler/innen,
zu später Stunde einige Aspekte aus politischer Sicht zum Thema
"Mitbestimmung" (Partizipation), Demokratisierung sowie politischen,
wissenschaftlichen und künstlerischen Repräsentationsstrategien als
Gedankenanstoss:
Am 11.12.2007 um 17:22 schrieb Peter Kuhm:
Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat, es kommt da quasi zu einer
Urabstimmung:
->
<http://netznetz.net/wiki/Antrag_2007-12-16_Verwaltung_von_F>http://netznetz.net/wiki/Antrag_2007-12-16_Verwaltung_von_Fördergeldern
................................
Der politische Kampf um das Recht auf Mitbestimmung (Partizipation) ist
eine der ältesten emanzipatorischen Forderungen progressiver linker
Politik, zu einer breiten Demokratisierung politischer, ökonomischer und
gesellschaftlicher Verhältnisse.
Die Forderung nach Mitbestimmung (Partizipation) leitet sich in der
Geschichte der sozialistischen bzw. sozialdemokratischen und
kommunistischen Arbeiter/innenbewegung und den Gewerkschaften vorrangig
von betrieblichen, aber auch aus gesellschaftlichen Einsichten ab.
Betriebliche Mitbestimmung etwa reicht vom Arbeitsplatz bis zur
langfristig geplanten Geschäftspolitik, reicht von der Lohnpolitik bis hin
zur Dividendenpolitik und somit von der Mitarbeiter/innenvertretung bis
zur Mitbestimmung im Aufsichtsrat.
Als zwei Beispiele im Kontext von Gesellschaftpolitik seien die
studentische Mitbestimmung an Universitäten (in Österreich abgeschafft
durch das UOG 2002) und die Geschworenengerichtsbarkeit, Kerngedanke einer
demokratischen Justiz genannt:
BM Dr. Maria Berger konstatierte etwa im Jahr 2006: "Die
Geschworenengerichtsbarkeit ist vom Gedanken einer demokratischen Justiz
eine zentrale Einrichtung. Bevor man sagt, wir wandeln das um, sollte man
versuchen, Bedenken durch bessere Organisation auszuräumen."
Mitbestimmung bzw. Partizipation bezeichnen als politische Begriffe die
Gewährung von Entscheidungsbefugnissen für diejenigen, die zwar von den
Ergebnissen der Entscheidungen betroffen sind, aufgrund formaler Rechts-
oder Besitzverhältnisse aber zunächst keinen Einfluss auf den
Entscheidungsprozess haben. Die Idee zur Forderung nach Mitbestimmung
(Partizipation) fusst aus linker Sicht auf der Einsicht der Aufhebung der
Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit, von Kopf und Hand, Denken
und Handeln, Konzept und Realisation, Planung und Umsetzung, Entscheidung
und Ausführung - in Fall von Vergaben von Kulturfördergeldern das
Gegensatzpaar "Jury-Expert/innen vs. Communityentscheid".
Das grundlegende Werk hierzu von Alfred Sohn-Rethel "Geistige und
körperliche Arbeit. Zur Epistemologie der abendländischen Geschichte.
Revidierte und ergänzte Neuauflage, Weinheim 1989" steht in der Tradition
der Frankfurther Schule (Adorno, Benjamin), in dem Sohn-Rethel seinem
zeitlebens beharrlich verfolgtes Ziel, die Verbindung der Erkenntniskritik
Immanuel Kants mit der Kritik der Politischen Ökonomie von Karl Marx zu
einer materialistischen Erkenntnistheorie und -kritik, nachgeht. Getreu
der Marxschen These, wonach alle Ökonomie in Zeit mündet, steht für Marx
das zeitökonomische "Theorem der reellen Subsumtion" im Gegensatz zur
Marktökonomie.
Subsumtion im engeren Sinne bedeutet nach Karl Marx "... die Scheidung der
geistigen Potenzen des Produktionsprozesses [etwa top-down Juryentscheide
durch sogenannte "Expert/innen" und zumeist mandatlose selbsternannte
"Vertreter/innen selbstreferentieller hegemonialer Diskurse der Kunst- und
Kulturindustrie"] von der Handarbeit [dem kreativen Arbeitsprozess der
Künstler/innen und Kulturschaffenden ]." (*)
Darüber hinaus lieferte Sohn-Rethel wertvolle Einsichten in die
wirtschaftspolitischen Zusammenhänge, insbesondere beim ökonomischen und
politischen Aufstieg des "Deutschen Faschismus" (Nationalsozialismus).
Aus diesen Analysen folgt daher:
EINE SOGENANNTE "FREIHEIT DER KUNST" UND KULTURPRODUKTION OHNE
MITBESTIMMUNG DER KÜNSTLER/INNEN UND KULTURSCHAFFENDEN IST UNMÖGLICH!
Gute Nacht,
Stefan
[*] "Die Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der
Handarbeit und die Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die
Arbeit vollendet sich, wie bereits früher angedeutet, in der auf Grundlage
der Maschinerie aufgebauten großen Industrie. Das Detailgeschick des
individuellen, entleerten Maschinenarbeiters verschwindet als ein winzig
Nebending vor der Wissenschaft, den ungeheuren Naturkräften und der
gesellschaftlichen Massenarbeit, die im Maschinensystem verkörpert sind
und mit ihm die Macht des Kapitalisten bilden. K. Marx, Kapital I, MEW
23, 446.
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