hi Christoph und interessierte -
um die quadrat-geschichte, wie letzthin angkuendigt, auf den punkt zu bringen.

zuerst nochmals kurz untenstehendes fuers weiter...

At 14:38 12.02.08 +0100, FER wrote:
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Vladimir Solojev... der typ steht in einem diskursstrang mit spaeter etwa Heidegger (der die ansicht, unsere primaere beziehung zu den gegenstaenden sei der visuellen wahrnehmung analog, als konstituens der abendlaendischen metaphysik kritisierte), mit Husserl (Die krise der europaeischen wissenschaften und die transzendentale phaenomenologie; 1936) und schlaegt einen bogen ueber die second order cybernetics bis bspw. Ian Hacking, Latour, Rheinberger u.a. - um jene positionen anzudeuten, die ein bild von wissenschaft zugrundelegen, die mit kuenstlerischen praktiken korrespondieren. d.h.: eine enorme involviertheit, mit der der prekaere status der verhandelten elemente einhergeht (wissen/nichtwissen), und nicht zuletzt ein unabgeschlossenes und unuebersichtliches untersuchungsfeld.
<

auf den punkt gebracht:

die komplementaritaeten wissen/nichtwissen haengen immer mit den komplementaritaeten beobachtbar/nichtbeobachtbar zusammen (beobachtung als terminus verstanden in abgrenzung zu wahrnehmung! ein themenfeld uebrigens, dass ja in vielfaeltiger weise auch in der sog. medienkunst abgehandelt wurde und weiter wird - in zahllosen variationen bis heute).

das schwarze quadrat auf weissem grund bzw. die anderen quadrat-variationen passen sich da quasi nahtlos ein. und stehen in ihrem zeitlichen ´auftritt´ quasi noch unter dem schock der sog. probabilistischen revolution zwischen ca. 1850 - und 1930, die die wahrscheinlichkeit und den zufall in der natur(!) zu ihrem gegenstand gemacht hat.

Malewitsch und andere kuenstler/innen wollten unter dem einfluss der schriften Solojevs (in denen er gegen die rationalitaetsvorstellungen europaeischer praegung stellung bezog) die ikonenmalerei reanimieren bzw. upgraden und standen damit voll im zeitgeist. ironie der geschichte ist, dass die diversen quadrat-variationen von Malewitsch tatsaechlich zu ikonenn geworden sind - ikonen der aesthetischen moderne und fuer kunstfreunde anlass zur andacht.

das beispiel fuehrt auch zu der frage, was von zuschreibungen wie fortschrittlich oder rueckschrittlich zu halten ist? gar nichts, sag ich. mit der verwendung von digitaltechnik in der kunst ist man nicht mehr zeitgenoessischer als jene, die ohne auskommen. in der kunst gehts immer nur ums abscannen von moeglichkeiten, die in anderen sozialen funktionszusammenmhaengen aufgrund ihrer je eigenen logiken keinen oder nur sehr marginal platz finden. die sog. anliegen bspw. in gesellschaftskritisch orientierter kunst koennen im zusammenhang verwandter anliegen bspw. jener von sozialen bewegungen fraglos zum immunsystem der gesellschaft beitragen - wenn sie es auf die ebene 2. und ev. 3. ordnung schaffen. im prinzip hat die kunst aber nur eine botschaft: kunst. daher habe ich schon vor vielen jahren geschrieben: kunst prozessiert ihre moeglichkeit/unmoeglichkeit. und sag dazu nur noch - basta.

den tatsaechlichen stellenwert der moderne kunst insgesamt laesst sich nur im kontext der geschichte der europaeischen rationalitaet verstehen. eine geschichte der aufloesung eines rationalitaetskontinuums, prozesse die zwischen selbstzersetzung und erneuerung (also versuche einer reformulierung von rationaliaet) oszillieren.

ok - moderne kunst - das ist vergangenheit.

und was bleibt danach der kunst noch in der heutigen aera an der schwelle einer oekologie des nichtwissens, in der sich das europaeische ´koennens-bewusstsein´ (Christian Meier) sich seiner eigenen unwahrscheinlichkeit bewusst zu werden beginnt?

At 22:25 15.02.08 +0100, wechselstrom wrote:
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bullshitBINGO
und:
au wehhhh - monochrom werden gastwirte - würg, kotz, speib ...
subkulturell ? - suboptimal !

wirt werden ist eine moeglichkeit - aber eher bloss als kuenstlerische bankrotterklaerung. wie ebenso anstatt sich diskussionen zu stellen, zu partei-anwaelten rennen und klagen.

schoenen tag -
cheers,
fer


At 14:38 12.02.08 +0100, FER wrote:
At 12:24 09.02.08 +0100, wechselstrom - christoph theiler wrote:
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"...die kunst vom gewicht der dinge zu befreien ..." klingt wie das grundsatzprogramm zur autonomie der kunst schlechthin. und: " kein leeres quadrat, sondern die empfindung der gegenstandslosigkeit" klingt wie die initialzündung der abstrakten malerei und ist zugleich der beginn von medienkunst. gegenstandslosigkeit gewinnt form dann und nur dann, wenn sie, in leere eingebettet, auf das verweist, was der unmarked space genannt wird. hier der "versuch" auf die welt, als die summe aller anderen möglichkeiten zu verweisen.

hi werter Christoph - und nicht-vermachtete strombewegte -
allein mit diesen deinen hinweisen leitest du mich in rasende stromschnellen...

mit dem ´unmarked space´ ist es so eine sache. S.J.Schmitt wendet meines erachtens mit voller berechtigung ein, dass es diesen gar nicht gibt. denn - nach Spencer Brown - mit der aufforderung eine unterscheidung zu treffen und zu markieren, folgen wir ja einem etwas, dass wir schon kennen oder zumindst vermeinen, schon zu kennen. so gesehen, ´bewegen´ wir uns ausschliesslich in bereits markierten ´raeumen´ (aller art) und unsere freiheit besteht lediglich darin, nur eine - und nicht die andere - seite der unterscheidung zu waehlen. mit unnotwendiger einschraenkung hat das uebrigens nichts zu tun, denn in einem naechsten schritt koennen wir uns mit einer anderen wahl - falls erforderlich - auch widersprechen. beim je-weiligen unterscheiden gibts allerdings immer nur binaere schematismen - o.a.a. ein(!) differenzpaar.

mit dem sogenannten beginn der medienkunst - was ja bloss eine vereinbarung ist - , bleibe ich aber lieber bei den spaeten 50er-jahren. ganz nach konstruktivistischem einmaleins: gewinnt eine bezeichnung diskurshoheit und somit immer weiteren kommunikationsanschluss, dann kann von ´existent´ gesprochen werden. dass es bei der medienkunst um die fortfuehrung von diskursen der sog. gegenstandslosen kunst geht, ist fuer kunstfreunde einleuchtend, suggeriert aber eine linearitaet, die laengst so nicht mehr behauptet werden kann.

ich hab die medienkunst in einem zurueckliegenden text mal im rahmen eines linearen musters(!) als bifurkation bezeichnet. bringts aber nicht unter dem aspekt eines seit vielen jahrzehnten gueltigen musters einer nichtlinearen betrachtungsweise: soziale systeme weitab von gleichgewicht, d.h. zugleich komplexitaetszuwachs mit einem hoeheren organisationsniveau, mehr dynamik und engere interaktion mit der je eigenen umwelt.

ich schlage vor - halten wir uns an die prinzipien eines ´neuen denkens´: rekursivitaet, reflexivitaet und prozessualitaet. "gegenstandslos" macht da keinen sinn.

der schluessel zur abklaerung von arbeiten wie die diversen quadrate (suprematismus) von Malewitsch, wie bspw. auch die arbeiten von Kandinsky, heisst Vladimir Solojev. der typ begann mit dem studium von naturwissenschaften und wurde zu einem heftigen kritiker des materialistischen positivismus westlicher praegung - was ihm seine akademische karriere kostete. als "irrer" vom sowjetregime und seinen lakaien verhetzt (das kennen wir ja auch von der netznetz.net-geschichte - siehe lakaie Lutschinger, wenn auch erfolglos) musste er seine aemter aufgeben. interesse fuer und anregung an seinen schriften fand Solojev allerdings bei diversen kunstschaffenden seiner zeit, von Dostojewsky bis Malewitsch usw.. und "Ueber das Geistige in der Kunst" (1910) von Kandinsky geht nachweislich auf Solojevs hauptwerk von 1884 zurueck.

und was findest ausgerechnet du an einem typ so interessant, der bspw. Malewitsch zur reaktualisierung der ikonenmalerei (quadrat auf...) ermuntert hat? - wirst du mich fragen, Christoph.

meine antwort in aller knappheit: der typ steht in einem diskursstrang mit spaeter etwa Heidegger (der die ansicht, unsere primaere beziehung zu den gegenstaenden sei der visuellen wahrnehmung analog, als konstituens der abendlaendischen metaphysik kritisierte), mit Husserl (Die krise der europaeischen wissenschaften und die transzendentale phaenomenologie; 1936) und schlaegt einen bogen ueber die second order cybernetics bis bspw. Ian Hacking, Latour, Rheinberger u.a. - um jene positionen anzudeuten, die ein bild von wissenschaft zugrundelegen, die mit kuenstlerischen praktiken korrespondieren. d.h.: eine enorme involviertheit, mit der der prekaere status der verhandelten elemente einhergeht (wissen/nichtwissen), und nicht zuletzt ein unabgeschlossenes und unuebersichtliches untersuchungsfeld.

alles klar!?

medienkunst, will sie mehr sein als eine blosse mixtur muss dort ansetzen, wo der formentstehungsprozess beginnt, also an der schnittstelle zwischen beobachtbar und unbeobachtbar. sie muss versuchen, diesen augenblick zu ergreifen, und sei es nur ein "verzweifelter" (und damit zum scheitern verurteilter) versuch.

mein voller zuspruch.

mehr zu den quadraten von Malewitsch im rekurs auf Solojev ein andermal.

cheers,
fer

p.s.: .... aber sicher!


At 12:24 09.02.08 +0100, wechselstrom - christoph theiler wrote:
FER schrieb:

im kunst-kanon gilt das schwarze quadrat auf weissem grund, gemalt um 1915 von Malewitsch als ´die absolute form´ und der flaschentrockner, den Duchamp irgendwo aufgelesen und 1914 auf einen auststellungssockel montiert hat als das ´absolute ding´ (das von dir angesprochene urionor - fontaine ist von 1915). schon diese zuschreibungen (von Werner Haftmann) lassen sich nur im konext der kunst-systemspezifischen logiken und dikurse der kunst verstehen. ´absolut´ steht da fuer kuenstlerisch autonom - also unabhaengig von referenzen, die in anderen gesellschaftlichen bereichen und funktionssystemen angesiedelt sind. das thema des autonomen kunstwerks ist ein avantgardeanspruch seit mitte des 19. jahrhunderts und beide arbeiten sind somit highlights von diesem diskurs.

meine knappen anmerkungen erklaeren schon zumindest ansatzweise, dass es keinen sinn macht zu sagen: sowas kann ein jeder.
hi FER,

"sowas kann jeder" meint natürlich allein den handwerklichen aspekt - und dies ist der nebensächlichste teil des schwarzen quadrats.
was sagt malewitsch selbst dazu:
" Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld & Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.
Das Quadrat = Empfindung Das weiße Feld = die Leere hinter dem Quadrat.

"...die kunst vom gewicht der dinge zu befreien ..." klingt wie das grundsatzprogramm zur autonomie der kunst schlechthin. und: " kein leeres quadrat, sondern die empfindung der gegenstandslosigkeit" klingt wie die initialzündung der abstrakten malerei und ist zugleich der beginn von medienkunst. gegenstandslosigkeit gewinnt form dann und nur dann, wenn sie, in leere eingebettet, auf das verweist, was der unmarked space genannt wird. hier der "versuch" auf die welt, als die summe aller anderen möglichkeiten zu verweisen. und in der tat scheint es bei diesem werk so zu sein, dass, nicht wie sonst üblich, zwischen passend und unpassend mehr unterschieden werden kann (was zugegebenermassen immer von zeitströmungen und den aktuellen diskursen abhängt), sondern dass wirklich alles dazu passt und das zeitlos.

john cage ist 1952 mit seinem stück 4´33´´ einen ähnliches kunststück gelungen.

medien, als solche nur beobachtbar, wenn sie zu formen gerinnen, können sich bekanntlich nichts "merken", d.h. man kann dem licht nicht ansehen, auf welche fotoplatte es gefallen ist, und man kann dem geld nicht ansehen, wofür es ausgegeben wurde. medienkunst, will sie mehr sein als eine blosse mixtur muss dort ansetzen, wo der formentstehungsprozess beginnt, also an der schnittstelle zwischen beobachtbar und unbeobachtbar. sie muss versuchen, diesen augenblick zu ergreifen, und sei es nur ein "verzweifelter" (und damit zum scheitern verurteilter) versuch. ich glaube, nach dem schwarzen quadrat kann man das medium farbe nie mehr so sehen wie vorher - das heisst ev. auch, dass sich das medium geändert hat, denn auch die betrachtung früherer malerei kann nie mehr in der gleichen weise geschehen wie vorher.

liebe grüsse
christoph

 - wechselstrom -


ohne reproduktionstechnische medien - keine originale; punktum.
das darf den blick nicht davon abwenden, dass pisspfade nur ein schwacher abklatsch von duchamps urinal sind.
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