At 10:20 31.01.08 +0100, wechselstrom - christoph theiler wrote:
die geburtsstunde der medienkunst liegt weniger in der erfindung der fotografie sondern mehr bei malevitsch schwarzem quadrat oder duchamps urinal.

wie versprochen - hi Christoph und interessierte mitleser/innen (die gibts!) - setz ich da nochmals an. schon weil dein hinweis - in verschiedenster hinsicht, auch medientheoretisch - fuer so eine diskussion interessant ist.

im kunst-kanon gilt das schwarze quadrat auf weissem grund, gemalt um 1915 von Malewitsch als ´die absolute form´ und der flaschentrockner, den Duchamp irgendwo aufgelesen und 1914 auf einen auststellungssockel montiert hat als das ´absolute ding´ (das von dir angesprochene urionor - fontaine ist von 1915). schon diese zuschreibungen (von Werner Haftmann) lassen sich nur im konext der kunst-systemspezifischen logiken und dikurse der kunst verstehen. ´absolut´ steht da fuer kuenstlerisch autonom - also unabhaengig von referenzen, die in anderen gesellschaftlichen bereichen und funktionssystemen angesiedelt sind. das thema des autonomen kunstwerks ist ein avantgardeanspruch seit mitte des 19. jahrhunderts und beide arbeiten sind somit highlights von diesem diskurs.

meine knappen anmerkungen erklaeren schon zumindest ansatzweise, dass es keinen sinn macht zu sagen: sowas kann ein jeder.

am tag der fertigstellung haben ja beide artikulationen noch gar nicht als kunst existiert. Duchamp ist gemessen an seiner lebenszeit sehr spaet fachrezipiert worden. und das vor allem, weil sich eine nachfolgende generation alias fluxus-bewegung so heftig an ihm abgearbeitet hat.

mit heldengeschichten kommt man im verstehen der kunst aber nicht weiter. das erfordert erstmal die unterscheidung in semantik und struktur und die tradierte wissenssoziologie muss in richtung evolutionstheoretischer ansaetze modifiziert werden.

jetzt kommen die diversen begriffe von medien ins spiel. wenn da heute als nachsatz seiner postings einer schreibt: kunst kommt von kommunizieren, dann kann das nur von den uns bekannten netznet-vermachteten dumpfbacken beklatscht werden. denn alles, was ist, ist gesellschaft und kann sich nur via kommunikation konstituieren. und weil die kunst vorrangig ein gesellschaftliches konzept ist, ist das auch da ebenso.

in der wahrnehmung von Etwas braucht es primaermedien (licht, luft), um form identifizieren zu koennen. ueber die zeit formieren sich via kommunkation spezifische diskurszusammenhaenge, die - wie auch im falle der kunst - im zusammenhang operativer schliessung zu einem systemautonomen funktionssystem werden. das konnte aber nur mit hilfe der technik resp. verbreitungsmedien gelingen. auch im falle der kunst: der erlebnishorizont des einzelnen wird gesprengt und die entscheidung was kunst ist und was nicht wird im (kommunikations-)medium zweiter ordnung (ueber die primaermedien hinaus) entschieden - auf der ebene der beobachtung zweiter und dritter ordnung usw.

ohne reproduktionstechnische medien - keine originale; punktum.

die kunst und ihre theorien haben als reflexionsmedium beachtliches fuer das verstaendnis der modernen gesellschaft geleistet: alles ist kontingent und vieles ist moeglich, was ein repetitives tradiergut als unmoeglich suggeriert.

und noch etwas demonstriert uns die kunst seit mehr als zweihundert jahren: die vernunft als autonome instanz, unabhaengig von systemreferenzen, existiert schlichtweg nicht; was zahlreiche diskurse in der wissenschaft - mit verlaeufe bis zurueck in die antike - mit nachdruck unter beweis stellen.

Krejcik bspw. will das nicht glauben. und weiss nicht, dass wer als vernueftig auftritt sich der beobachtung aussetzt und gnadenlos(!) dekonstruiert wird.

warum? weil menschen heute eben nur fallweise so bloed sind, um nicht zu merken, dass die sich als vernuenftig gebende person bloss ihren interessen folgt; Krejcik gehoert zur partie der vermachteten, mit der funktion, ihre interessen auf subventionsanspruch als gesellschaftskritisch im ´szene-radio orange´ zu verkaufen.

nichts an und fuer sich boeses - aber alle anderen (exklusion/inklusion) wissen das auch.

konsequenz aus meinen knappen anmerkungen: nur eine verbrannte netznet-liste (o-ton Krejcik) ist eine gute liste.

oder spielt die kunst im betreffenden kulturellen segment etwa keine rolle?

ciao Christoph -
schoenen tag - auch fuer alle nicht-vermachteten netznetler.
cheers,
fer


At 10:20 31.01.08 +0100, wechselstrom - christoph theiler wrote:
FER schrieb:
medienkunst ist die kunstform, die zu ihrer ausbreitung KEIN medium
benötigt.

hhmmmm - werter Christoph, hi - wie sollte letzteres gehen?

alles, was ist, stellt sich uns als medium/form- relation dar. ein ausserhalb davon gibt es nicht.
hi fer,

die geburtsstunde der medienkunst liegt weniger in der erfindung der fotografie sondern mehr bei malevitsch schwarzem quadrat oder duchamps urinal. ich habe beide kunstwerke gesehen, und ich kann dir versichern, sie sind völlig unspektakulär - dazu kommt, dass das urinal gar nicht mehr im original existiert, sondern nur noch remakes (10 stück wurden auf vorrat angefertigt incl. der (gefälschten?) signatur des künstlers: r. murr, was wiederum duchamps pseudonym war).
und was das schwarze quadrat betrifft: so etwas kann jeder anfänger malen.
das medium farbe kann es also nicht sein, was malevichs bild spektakulär macht. in welchem medium hat sich dann das bild schwarzes quadrat ausgebreitet? - ja, in den zeitschriften, diskussionszirkeln, netznetz-listen, fernsehen, radio auch - aber: benötigt das medienkunstwerk "schwarzes quadrat" ein medium? ich glaube nicht. fest steht zumindest: geniessen kannst du es am besten, wenn du nur daran denkst, also, wenn du es NICHT siehst.

viel vergnügen bei den dj-vj-bastlern in berlin

christoph
- wechselstrom -


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uebrigen, gegen den beitrag von Stefan Heidenreich hab ich nichts einzuwenden. und spaetestens seit dem internethype 1994 habe ich auch publizistisch die meinung vertreten, dass der begriff ´medienkunst´ als vormals kampfbegriff in abgrenzung zu so genannten posthistorischen positionen in der kunst nichts mehr hergibt.

und wenn wir uns das ganze als bewegung ansehen, dann war kein ismus in der
modernen kunst zuvor so schnell erfolgreich wie - die medienkunst.

medienkunst ist laengst in eine heute umfassende digitale kultur diffundiert.

so wie aber heute museen immer attraktiver werden, wird es noch lange spass bei den medienkunstfestivals geben.

mein tipp: club transmediale unpredictable

das tagesprogramm!? - naja: die wiederkehr der wiederkehr - aber fuer eine
neue generation ein schauplatz fuer notwendig inszenierte strukturaufrechterhaltung im dienste des ´selbst´. also dann mal ran.

cheers,
fer
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