FER schrieb:

im kunst-kanon gilt das schwarze quadrat auf weissem grund, gemalt um 1915 von Malewitsch als ´die absolute form´ und der flaschentrockner, den Duchamp irgendwo aufgelesen und 1914 auf einen auststellungssockel montiert hat als das ´absolute ding´ (das von dir angesprochene urionor - fontaine ist von 1915). schon diese zuschreibungen (von Werner Haftmann) lassen sich nur im konext der kunst-systemspezifischen logiken und dikurse der kunst verstehen. ´absolut´ steht da fuer kuenstlerisch autonom - also unabhaengig von referenzen, die in anderen gesellschaftlichen bereichen und funktionssystemen angesiedelt sind. das thema des autonomen kunstwerks ist ein avantgardeanspruch seit mitte des 19. jahrhunderts und beide arbeiten sind somit highlights von diesem diskurs.

meine knappen anmerkungen erklaeren schon zumindest ansatzweise, dass es keinen sinn macht zu sagen: sowas kann ein jeder.
hi FER,

"sowas kann jeder" meint natürlich allein den handwerklichen aspekt - und dies ist der nebensächlichste teil des schwarzen quadrats.
was sagt malewitsch selbst dazu:
"/"Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld ... Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.
Das Quadrat = Empfindung Das weiße Feld = die Leere hinter dem Quadrat."/

"...die kunst vom gewicht der dinge zu befreien ..." klingt wie das grundsatzprogramm zur autonomie der kunst schlechthin. und: " kein leeres quadrat, sondern die empfindung der gegenstandslosigkeit" klingt wie die initialzündung der abstrakten malerei und ist zugleich der beginn von medienkunst. gegenstandslosigkeit gewinnt form dann und nur dann, wenn sie, in leere eingebettet, auf das verweist, was der unmarked space genannt wird. hier der "versuch" auf die welt, als die summe aller anderen möglichkeiten zu verweisen. und in der tat scheint es bei diesem werk so zu sein, dass, nicht wie sonst üblich, zwischen passend und unpassend mehr unterschieden werden kann (was zugegebenermassen immer von zeitströmungen und den aktuellen diskursen abhängt), sondern dass wirklich alles dazu passt und das zeitlos.

john cage ist 1952 mit seinem stück 4´33´´ einen ähnliches kunststück gelungen.

medien, als solche nur beobachtbar, wenn sie zu formen gerinnen, können sich bekanntlich nichts "merken", d.h. man kann dem licht nicht ansehen, auf welche fotoplatte es gefallen ist, und man kann dem geld nicht ansehen, wofür es ausgegeben wurde. medienkunst, will sie mehr sein als eine blosse mixtur muss dort ansetzen, wo der formentstehungsprozess beginnt, also an der schnittstelle zwischen beobachtbar und unbeobachtbar. sie muss versuchen, diesen augenblick zu ergreifen, und sei es nur ein "verzweifelter" (und damit zum scheitern verurteilter) versuch. ich glaube, nach dem schwarzen quadrat kann man das medium farbe nie mehr so sehen wie vorher - das heisst ev. auch, dass sich das medium geändert hat, denn auch die betrachtung früherer malerei kann nie mehr in der gleichen weise geschehen wie vorher.

liebe grüsse
christoph

- wechselstrom -


ohne reproduktionstechnische medien - keine originale; punktum.

das darf den blick nicht davon abwenden, dass pisspfade nur ein schwacher abklatsch von duchamps urinal sind.





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