stefan heidenreich vermengt da medium (malerfarbe, druckerschwärze) und medium (im sinn von medium steak: zwischen durchgebraten und blutig). mein vorschlag für eine begriffsklärung: medienkunst ist die kunstform, die zu ihrer ausbreitung KEIN medium benötigt.
christoph - wechselstrom - >>> Subject: [rohrpost] Medienkunst gibt es nicht >>> Stefan Heidenreich >>> >>> _________________________ >>> >>> Medienkunst gibt es nicht >>> >>> Mit der Transmediale beginnt morgen eines der >>> größten Festivals für 'Kunst und digitale >>> Kultur', nach wie vor als 'kultureller >>> Leuchtturm' gefördert. Die Leitung hat >>> gewechselt, ebenso die Bezeichnung - von >>> Medienkunst keine Rede mehr. Denn kaum ein >>> Künstler will sich noch Medienkünstler nennen. Was ist geschehen? >>> Ist die Medienkunst am Ende? Die Schwierigkeiten >>> beginnen schon beim Begriff 'Medien'. Über die >>> Jahre ist er so unscharf geworden, dass nur noch >>> wenige Dinge das Privileg besitzen, kein Medium >>> zu sein. Und Medienkunst? Es gibt viele >>> Künstler, die mit vielerlei Medien arbeiten. >>> Wenn man Malerei als ein Medium ansieht, findet >>> sich kein Künstler, der nicht in einem Medium tätig sein würde. >>> >>> Rückblickend stellt sich die Frage, wann und >>> warum von Medienkunst geredet wurde. Die Sach- >>> und Interessenlage ist etwas kompliziert. Denn >>> es geht nicht nur um Kunst und Kunstwerke. Es >>> geht um die modernistische Idee der Avantgarde, >>> um Fördermittel und Innovationstöpfe, um Popkultur und Hochkultur. >>> Wie kommt es also dazu, dass niemand mehr >>> Medienkünstler sein will? Medienkunst ist kein >>> einschließender, sondern ein ausschließender >>> Begriff. Wer sich nicht einfach als Künstler, >>> sondern als Medienkünstler bezeichnet, ordnet >>> sich einer exklusiven Gruppe zu. Das lohnt sich >>> nur, solange diese kleine Exklusion einen >>> Mehrwert abwirft. Seit geraumer Zeit aber machen >>> die sogenannten Medienkünstler die traurige >>> Erfahrung, in mehr oder weniger unattraktiven >>> Nischen der Kunstwelt zu enden. Anstatt auf den >>> großen Messen und im internationalen Zirkus der >>> Biennalen zu reüssieren, versacken sie auf >>> Professorenstellen in der Provinz oder in der >>> Obhut halbindustrieller oder halbstaatlicher Institutionen. >>> >>> Springen wir an den Anfang der Geschichte. Die >>> meisten Dinge und Geräte, die man als Medien >>> bezeichnet, brachte das 19. Jahrhundert hervor. >>> Der Beginn der Moderne fällt in dieselbe Zeit >>> wie die Erfindung der Fotografie. Und zwar nicht >>> ohne Grund. Denn damit verbindet sich ein >>> Ausschluss, der sich als wegweisend herausstellt >>> und für das eigenartige Verhältnis von Medien >>> und Kunst verantwortlich ist. Um 1860 gelingt es >>> den Malern, das Museum als ihren angestammten >>> Ort zu verteidigen. Fotografie findet dort >>> vorerst keinen Platz und damit auch keinen Platz >>> in der Kunst. Seitdem steht Kunst zu allen >>> Techniken der Reproduktion auf dem Kriegsfuß und >>> kann deren Erzeugnisse nur in limitierten >>> Auflagen ertragen. Das führt dazu, dass Preis >>> für Kunst sich nicht auf einem Markt >>> reproduzierbarer kommerzieller Massenprodukte >>> bildet, sondern in einem sehr diffizilen >>> Geflecht von Kennerschaft und Kunsthandel. Kunst >>> ist damit weitgehend unabhängig von neuen >>> Technologien der Reproduktion und Distribution, sprich von neuen >>> Medien. >>> >>> Warum und wann also kamen die Medien zur Kunst >>> zurück, nachdem sie einmal ausgeschlossen waren? >>> Hier gibt es zwei verschiedene Geschichten, eine >>> der Sache und eine des Wortes. Einerseits kam es >>> immer wieder zu Einbrüchen neuer Technologien in >>> die Kunst. Andererseits geriet, und zwar >>> verhältnismäßig spät, der Begriff Medien in Gebrauch. >>> Dass die technischen Neuerungen der jüngeren >>> Zeit die Kunst nicht im Kern verändern, zeigt >>> der fortgesetzte Erfolg der alten Medien >>> Malerei, Zeichnung oder Skulptur. Es gibt keine >>> technischen Zwänge, wie man sie aus anderen >>> kulturellen Feldern wie Musik oder Film kennt. >>> Dort treten neue Medien an die Stelle der alten, >>> Reproduktionsverfahren und Distributionswege >>> müssen vollkommen neu erfunden werden. Nicht so >>> in der Kunst. Neue Medien sind ihr gegenüber >>> akzidentell. Man kann mit ihnen arbeiten, muss >>> aber nicht. Der Grund für den Einbruch neuer >>> Technologien in die Kunst liegt also nicht im Technischen. Wo dann? >>> >>> Kurz gesagt: im Neuen. Für die Kunst war das >>> Neue als eigenständiger Wert nicht immer so >>> wichtig wie im Zeitalter der modernen >>> Avantgarden. Doch in jüngster Zeit ist der >>> avantgardistische Impuls weitgehend versiegt. >>> Die Medienkunst war in gewisser Weise ein ebenso >>> verspäteter wie vergeblicher Weg, das Phantom >>> der Avantgarde zu reaktivieren. Den ersten und >>> durchaus erfolgreichen Versuch, neue Techniken >>> in der Kunst zu übernehmen, machen die >>> italienischen Futuristen. Vieles davon findet >>> Widerhall in den Avantgarden der 20er Jahre, vom >>> Konstruktivismus zum Bauhaus. Doch die neuen >>> Technologien fassen in der Kunst nicht wirklich >>> Fuß. Nach dem Weltkrieg dominiert wie eh und je Malerei. >>> Ein zweite Welle technischer Neuerungen kommt >>> parallel zu den sogenannten Massenmedien. Das >>> Verhältnis von Konzeptkunst zu Technologien hat >>> Sabeth Buchmann jüngst in ihrem Buch "Denken >>> gegen das Denken" detailreich untersucht. >>> Fotografie erreicht die Galerieräume als Mittel, >>> Performances oder Land-Art außerhalb der >>> Ausstellungsräume zu dokumentieren. Die >>> Kombination verschiedenster Medien macht der >>> Fluxus-Künstler David Higgins 1966 in seinem >>> Essay 'Intermedia' zum Thema. 1967 kommt unter >>> dem Namen Portapak die erste portable >>> Videokamera auf den Markt. Gerry Shums >>> Fernsehgalerie aus dem Jahr 1968 gibt der >>> Videokunst Raum. Einige Jahre zuvor lenkt >>> Marshall McLuhan mit seinem Buch 'Understanding >>> Media' eine größere öffentliche Aufmerksamkeit auf die Medien. >>> >>> Aber noch erlangt der Begriff keine Macht im >>> Umfeld der Kunst. Statt dessen spricht man von >>> Video, Technologie, Information oder dem >>> Elektronischen, das 1979 der Ars Electronica >>> ihren Namen verleiht. Erst Mitte der 80er Jahre >>> tritt der Begriff Medien in den Vordergrund. >>> Digitale Medien ersetzen die alten analogen >>> Technologien, allerorten ist von der Ankunft der >>> Neuen Medien der Rede. Mit dem Attribut neu >>> verbindet sich eine alte Hoffnung. Es birgt das >>> Versprechen einer Avantgarde. Neu sind nicht >>> länger nur die Wilden Maler der 80er, sondern >>> auch die Technologien. Aber im Gegensatz zu den >>> gut überlegten Positionen der Konzeptkunst führt >>> das neuerliche Vertrauen in die Technologien zu >>> einer Inflation von Banalitäten. Medienkünstler >>> plappern technophile Slogans von der Simulation >>> bis zum Virtuellen nach und verlieren sich in >>> haltlosen Experimenten an Schnittstellen und Computer-Kitsch. >>> Früchte trägt der dritte Einbruch des Medialen >>> auf institutioneller Ebene. 1990 wird die >>> Kunsthochschule für Medien in Köln gegründet, >>> 1999 folgt das Zentrum für Kunst und >>> Medientechnologie in Karlsruhe. Damit gehen >>> akademische Versuche einher, einen Kanon zu >>> formulieren und Medienkunst als Genre zu >>> etablieren. An den scheinbaren Erfolg der >>> Medienkunst will wenig später die Netzkunst >>> anknüpfen. Aber spätestens hier wird das Dilemma >>> offensichtlich. Den entscheidenden >>> technisch-kulturellen Innovationen hinkt die >>> Kunst hinterher. Das Internet wächst an >>> Forschungseinrichtungen und Universitäten, durch >>> Standardisierungen und Programmiersprachen und >>> nicht zuletzt mit dem kalifornischen >>> Schulterschluss von Investoren und >>> Entrepreneuren. So verliert die Medienkunst an >>> beiden Seiten. Weder prägt sie die Kultur der >>> Medien und noch erlangt sie innerhalb der >>> Kunstwelt eine Position von Bedeutung. Um es >>> drastisch zu sagen: viel kreative Energie wurde >>> dafür verschwendet, Kunst mit den Medien zu >>> versöhnen, während man anderswo das Netz als >>> Programm und Ökonomie real verwirklichte. >>> >>> Heute ändert sich die Lage der Medien >>> dramatisch. Was sich im Verlauf des letzten >>> Jahrhunderts als Foto, Film, Video, Fernsehen, >>> Schallplatte, Radio und so weiter nebeneinander >>> entwickelt hat, wird von einer übergreifenden >>> digitalen Kultur vereinheitlicht. Man >>> unterscheidet noch zwischen Formaten und >>> Schnittstellen, aber die Grenzen zwischen >>> einzelnen Medien verschwinden. Im Netz >>> konvergiert, was zuvor getrennt war. Jedes Handy >>> ist ein kleiner Computer mit Online-Anschluss, >>> der sämtliche Sinne bedient. Medien sind passé. >>> >>> Was bleibt zu sagen? Medienkunst war eine >>> Episode. Da ihre Institutionen nicht vergehen, >>> lebt sie als Dinosaurier der 80er und 90er Jahre >>> weiter. Auf der anderen Seite hat Kunst >>> technologisch längst die meisten Grenzen >>> überwunden. Künstler arbeiten mit >>> beliebigen Medien, von der Zeichnung bis zum >>> Internet. Als Gegenkultur zu den kommerziellen >>> Produkten der Netze und Medien nimmt Kunst nach >>> wie vor eine wichtige Position ein. Aber allein >>> technisch lässt sie sich auf den Begriff >>> bringen. Es gibt genug gute Kunst, die ganz >>> selbstverständlich Medien einsetzt. Aber es gibt keine Medienkunst. >>> >>> >>> >>> -- >>> rohrpost - deutschsprachige Liste zur Kultur digitaler Medien und >>> Netze >>> Archiv: http://www.nettime.org/rohrpost >>> http://post.openoffice.de/pipermail/rohrpost/ >>> Ent/Subskribieren: >>> http://post.openoffice.de/cgi-bin/mailman/listinfo/rohrpost/ >>> >> _______________________________________________ >> netznetz.net mailing list >> [email protected] >> http://listen.esel.at/mailman/listinfo/liste >> >> > > _______________________________________________ > netznetz.net mailing list > [email protected] > http://listen.esel.at/mailman/listinfo/liste > _______________________________________________ netznetz.net mailing list [email protected] http://listen.esel.at/mailman/listinfo/liste
