Lieber Herr Jaenecke,
Am 2013-06-01 16:14, schrieb Peter Jaenecke: > BEZUG: > GESENDET: Freitag, 31. Mai 2013 um 22:43 Uhr > VON: "Walther Umstaetter" <[email protected]> > AN: [email protected] > BETREFF: Re: [WISS-ORG] Langfassung: Über die Darstellung ein er deduktiven > Wissenschaft als Deduktgeflecht > >> Die Definition eines Begriffs enthält also selbstverständlich eine Aussage >> über den Begriff >> und kann durchaus richtig oder falsch sein, also wahr oder unwahr sein. > > Lieber Herr Umstätter, > > in der Wissenschaftstheorie gibt es über die Definitionslehre gewiss viele > unterschiedliche und zum Teil widersprüchliche Ansichten, aber in einem Punkt > ist man sich doch weitgehend einig: Definitionen sind Vereinbarungen und als > solche nicht wahrheitswertdefinit. Sonst würde es nämlich keinen Unterschied > zwischen Aussage und Definition geben und man könnte nach dem Vorbild von > Occam das Wort ‚Definition' aus dem wissenschaftlichen Vokabular streichen; > im übrigen wäre man dann wieder bei meinem aussagebasierten Ansatz. > > **Eine Aussage ist ein Satz der falsch oder richtig sein kann, und eine > Definition ist eine Aussage über einen Begriff, die ebenfalls falsch oder > **richtig sein kann. Insofern ist Aussage ein Oberbegriff von Definition und > kein Synonym, da es noch etliche Aussagen außerhalb der **Definitionen gibt. > > Wenn man einer Definition einen Wahrheitswert zugesteht, muss man natürlich > auch die sich daraus ergebenden Folgen bedenken. > > ** Ja. > > Eine bekannte Anforderung an eine Definition ist die der Nichtkreativität; > sie wird verletzt, wenn man eine Definition als eine Aussage auffasst; man > muss sich also entscheiden, ob man wirklich bereit ist, diese große > Verwirrung stiftende Verletzung inkaufzunehmen. > > **Ich befürchte, die Verwirrung entsteht durch die "Nichtkreativität", denn > es ist zwar richtig, dass wir Begriffe nicht beliebig bzw. kreativ > **definieren dürfen, gerade weil nur die von unserer Welt vorgegebenen > Definitionen erlaubt sind. Im Prinzip gilt das sogar für Axiome, > > **die bei genauer Betrachtung insofern nicht unbeweisbare Ausgangspunkte > einer Aussagenlogik sind, sondern ihren Wahrheitsgehalt an ihren > **Konsequenzen sichtbar machen. Genau das sehen wir in der Mathematik, in der > wir ja immer wieder erstaunt sind, dass sich aus ihrer > **Axiomatik heraus so viele naturwissenschaftlich beobachte Phänomene > herleiten assen. > > Sie geben als Beispiel für eine Definition K = M x B an. Diese Gleichung wird > aber in der Literatur als ein Axiom angesehen; in Wirklichkeit handelt es > sich um ein allgemeines Gesetz, denn die Gleichung folgt aus > Variationsprinzipien. Auf jeden Fall ist sie kreativ, denn aus ihr lassen > sich wiederum zahlreiche spezielle Gesetze der klassischen Mechanik > herleiten. > > **Die Aussage, dass K = M x B als ein Axiom angesehen wird, widerspricht > nicht der Aussage, dass es eine definitorische Festlegung ist, > **sondern zeigt, dass sich aus ihr zahlreiche spezielle Gesetze der > klassischen Mechanik herleiten lassen, und dass diese alle auf ihren > **Wahrheitsgehalt geprüft werden müssen. > > Wie wenig die obige Gleichung als Definition taugt, lässt sich auch daran > erkennen, dass in ihr ein Hauptmerkmal der Kraft gar nicht zum Ausdruck > kommt, nämlich die Fähigkeit, über eine gewisse Distanz hin zu wirken. > > **Das ist insofern nicht ganz richtig, weil in der Beschleunigung schon die > Distanz z.B. in Metern und die Zeit in Sekunden zum Quadrat > **enthalten ist. Außerdem gibt es ja etliche Aussagen über die Kraft, u.a. > auch K = M1 x M2 / r^2 - in Natürlichen Einheiten wird G = 1 > **(r = Distanz). Die verschiedenen Definitionen dürfen sich nur nicht > widersprechen, weil sie damit ja falsifiziert würden. > > Viele Grüße > Peter Jaenecke > > MfG > > Walther Umstätter > > P.S. Ich hatte mal vor Jahren vorgeschlagen einen semiotischen Thesaurus > gemeinsam anzulegen. Ein Gedanke, der an die Enzyklopädisten anknüpft, die > Worte und ihre erklärenden Ausführungen alphabetisch ordneten. Wenn man > dagegen alle Begriffe polyhierarchisch und definitorisch orden würde, so dass > Unterbegriffe grundsätzlich die Merkkmale der Oberbegriffe erben, dann würden > viele Widersprüche in unserer Sprache zwangsläufig eliminiert werden > (zumindest logische Brüche aufzeigen). Auf dieser Basis könnten dann auch > mehrere Autoren Lehr- und Handücher schreiben, ohne dass sie sich laufend > widersprechen, wie wir das in den heutigen sog. Mehrautorenwerken erleben > müssen. > > Dabei könnte man sicher auch thematisch konkurrierende Werke erscheinen > lassen. Aber die von Ihnen mit Recht angesprochenen widersprüchlichen > Ansichten, die wir ja auf allen Wissenschaftsgebieten beobachten, sind im > Prinzip nichts anderes als logische Brüche zwischen den Gedankengebäuden > verschiedener Autoren. > > Ich gebe aber offen zu, dass ich schon damit gescheitert bin, auf der > Definition "Die Bibliothek „eine Einrichtung, die unter archivarischen, > ökonomischen und synoptischen Gesichtspunkten publizierte Information für die > Benutzer sammelt, ordnet und verfügbar macht" gemeinsam aufbauen zu können. > Obwohl die imerhin schon Eingang in die Wikipedia gefunden hat. Ebenso wie es > ja nicht gelingt, das Wort Wissen auf der Basis der Informationstheorie, als > begründete Information, zu definieren - scheint es nicht möglich zu sein, > Wissensorganisation als einen Vorgang der Selbstorganisation (der > Aussagenlogik über diese Welt folgend) zu erkennen.
