>Subject: [rohrpost] Medienkunst gibt es nicht
>Stefan Heidenreich
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>Medienkunst gibt es nicht
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>Mit der Transmediale beginnt morgen eines der 
>größten Festivals für 'Kunst und digitale 
>Kultur', nach wie vor als 'kultureller 
>Leuchtturm' gefördert. Die Leitung hat 
>gewechselt, ebenso die Bezeichnung - von 
>Medienkunst keine Rede mehr. Denn kaum ein 
>Künstler will sich noch Medienkünstler nennen. Was ist geschehen?
>Ist die Medienkunst am Ende? Die Schwierigkeiten 
>beginnen schon beim Begriff 'Medien'. Über die 
>Jahre ist er so unscharf geworden, dass nur noch 
>wenige Dinge das Privileg besitzen, kein Medium 
>zu sein. Und Medienkunst? Es gibt viele 
>Künstler, die mit vielerlei Medien arbeiten. 
>Wenn man Malerei als ein Medium ansieht, findet 
>sich kein Künstler, der nicht in einem Medium tätig sein würde.
>
>Rückblickend stellt sich die Frage, wann und 
>warum von Medienkunst geredet wurde. Die  Sach- 
>und Interessenlage ist etwas kompliziert. Denn 
>es geht nicht nur um Kunst und Kunstwerke. Es 
>geht um die modernistische Idee der Avantgarde, 
>um Fördermittel und Innovationstöpfe, um Popkultur und Hochkultur.
>Wie kommt es also dazu, dass niemand mehr 
>Medienkünstler sein will? Medienkunst ist kein 
>einschließender, sondern ein ausschließender 
>Begriff. Wer sich nicht einfach als Künstler, 
>sondern als Medienkünstler bezeichnet, ordnet 
>sich einer exklusiven Gruppe zu. Das lohnt sich 
>nur, solange diese kleine Exklusion einen 
>Mehrwert abwirft. Seit geraumer Zeit aber machen 
>die sogenannten Medienkünstler die traurige 
>Erfahrung, in mehr oder weniger unattraktiven 
>Nischen der Kunstwelt zu enden. Anstatt auf den 
>großen Messen und im internationalen Zirkus der 
>Biennalen zu reüssieren, versacken sie auf 
>Professorenstellen in der Provinz oder in der 
>Obhut halbindustrieller oder halbstaatlicher Institutionen.
>
>Springen wir an den Anfang der Geschichte. Die 
>meisten Dinge und Geräte, die man als  Medien 
>bezeichnet, brachte das 19. Jahrhundert hervor. 
>Der Beginn der Moderne fällt in dieselbe Zeit 
>wie die Erfindung der Fotografie. Und zwar nicht 
>ohne Grund. Denn damit verbindet sich ein 
>Ausschluss, der sich als wegweisend herausstellt 
>und für das eigenartige Verhältnis von Medien 
>und Kunst verantwortlich ist. Um 1860 gelingt es 
>den Malern, das Museum als ihren angestammten 
>Ort zu verteidigen. Fotografie findet dort 
>vorerst keinen Platz und damit auch keinen Platz 
>in der Kunst. Seitdem steht Kunst zu allen 
>Techniken der Reproduktion auf dem Kriegsfuß und 
>kann deren Erzeugnisse nur in limitierten 
>Auflagen ertragen. Das führt dazu, dass Preis 
>für Kunst sich nicht auf einem Markt 
>reproduzierbarer kommerzieller Massenprodukte 
>bildet, sondern in einem sehr diffizilen 
>Geflecht von Kennerschaft und Kunsthandel. Kunst 
>ist damit weitgehend unabhängig von neuen 
>Technologien der Reproduktion und Distribution, sprich von neuen Medien.
>
>Warum und wann also kamen die Medien zur Kunst 
>zurück, nachdem sie einmal ausgeschlossen waren? 
>Hier gibt es zwei verschiedene Geschichten, eine 
>der Sache und eine des Wortes. Einerseits kam es 
>immer wieder zu Einbrüchen neuer Technologien in 
>die Kunst. Andererseits geriet, und zwar 
>verhältnismäßig spät, der Begriff Medien in Gebrauch.
>Dass die technischen Neuerungen der jüngeren 
>Zeit die Kunst nicht im Kern verändern, zeigt 
>der fortgesetzte Erfolg der alten Medien 
>Malerei, Zeichnung oder Skulptur. Es gibt keine 
>technischen Zwänge, wie man sie aus anderen 
>kulturellen Feldern wie Musik oder Film kennt. 
>Dort treten neue Medien an die Stelle der alten, 
>Reproduktionsverfahren und Distributionswege 
>müssen vollkommen neu erfunden werden. Nicht so 
>in der Kunst. Neue Medien sind ihr gegenüber 
>akzidentell. Man kann mit ihnen arbeiten, muss 
>aber nicht. Der Grund für den Einbruch neuer 
>Technologien in die Kunst liegt also nicht im Technischen. Wo dann?
>
>Kurz gesagt: im Neuen. Für die Kunst war das 
>Neue als eigenständiger Wert nicht immer so 
>wichtig wie im Zeitalter der modernen 
>Avantgarden. Doch in jüngster Zeit ist der 
>avantgardistische Impuls weitgehend versiegt. 
>Die Medienkunst war in gewisser Weise ein ebenso 
>verspäteter wie vergeblicher Weg, das Phantom 
>der Avantgarde zu reaktivieren. Den ersten und 
>durchaus erfolgreichen Versuch, neue Techniken 
>in der Kunst zu übernehmen, machen die 
>italienischen Futuristen. Vieles davon findet 
>Widerhall in den Avantgarden der 20er Jahre, vom 
>Konstruktivismus zum Bauhaus. Doch die neuen 
>Technologien fassen in der Kunst nicht wirklich 
>Fuß. Nach dem Weltkrieg dominiert wie eh und je Malerei.
>Ein zweite Welle technischer Neuerungen kommt 
>parallel zu den sogenannten Massenmedien. Das 
>Verhältnis von Konzeptkunst zu Technologien hat 
>Sabeth Buchmann jüngst in ihrem Buch "Denken 
>gegen das Denken" detailreich untersucht. 
>Fotografie erreicht die Galerieräume als Mittel, 
>Performances oder Land-Art außerhalb der 
>Ausstellungsräume zu dokumentieren. Die 
>Kombination verschiedenster Medien macht der 
>Fluxus-Künstler David Higgins 1966 in seinem 
>Essay 'Intermedia' zum Thema. 1967 kommt unter 
>dem Namen Portapak die erste portable 
>Videokamera auf den Markt. Gerry Shums 
>Fernsehgalerie aus dem Jahr 1968 gibt der 
>Videokunst Raum. Einige Jahre zuvor lenkt 
>Marshall McLuhan mit seinem Buch 'Understanding 
>Media' eine größere öffentliche Aufmerksamkeit auf die Medien.
>
>Aber noch erlangt der Begriff keine Macht im 
>Umfeld der Kunst. Statt dessen spricht man von 
>Video, Technologie, Information oder dem 
>Elektronischen, das 1979 der Ars Electronica 
>ihren Namen verleiht. Erst Mitte der 80er Jahre 
>tritt der Begriff Medien in den Vordergrund.
>Digitale Medien ersetzen die alten analogen 
>Technologien, allerorten ist von der Ankunft der 
>Neuen Medien der Rede. Mit dem Attribut neu 
>verbindet sich eine alte Hoffnung. Es birgt das 
>Versprechen einer Avantgarde. Neu sind nicht 
>länger nur die Wilden Maler der 80er, sondern 
>auch die Technologien. Aber im Gegensatz zu den 
>gut überlegten Positionen der Konzeptkunst führt 
>das neuerliche Vertrauen in die Technologien zu 
>einer Inflation von Banalitäten. Medienkünstler 
>plappern technophile Slogans von der Simulation 
>bis zum Virtuellen nach und verlieren sich in 
>haltlosen Experimenten an Schnittstellen und Computer-Kitsch.
>Früchte trägt der dritte Einbruch des Medialen 
>auf institutioneller Ebene. 1990 wird die 
>Kunsthochschule für Medien in Köln gegründet, 
>1999 folgt das Zentrum für Kunst und 
>Medientechnologie in Karlsruhe. Damit gehen 
>akademische Versuche einher, einen Kanon zu 
>formulieren und Medienkunst als Genre zu 
>etablieren. An den scheinbaren Erfolg der 
>Medienkunst will wenig später die Netzkunst 
>anknüpfen. Aber spätestens hier wird das Dilemma 
>offensichtlich. Den entscheidenden 
>technisch-kulturellen Innovationen hinkt die 
>Kunst hinterher. Das Internet wächst an 
>Forschungseinrichtungen und Universitäten, durch 
>Standardisierungen und Programmiersprachen und 
>nicht zuletzt mit dem kalifornischen 
>Schulterschluss von Investoren und 
>Entrepreneuren. So verliert die Medienkunst an 
>beiden Seiten. Weder prägt sie die Kultur der 
>Medien und noch erlangt sie innerhalb der 
>Kunstwelt eine Position von Bedeutung. Um es 
>drastisch zu sagen: viel kreative Energie wurde 
>dafür verschwendet,  Kunst mit den Medien zu 
>versöhnen, während man anderswo das Netz als 
>Programm und Ökonomie real verwirklichte.
>
>Heute ändert sich die Lage der Medien 
>dramatisch. Was sich im Verlauf des letzten 
>Jahrhunderts als Foto, Film, Video, Fernsehen, 
>Schallplatte, Radio und so weiter nebeneinander 
>entwickelt hat, wird von einer übergreifenden 
>digitalen Kultur vereinheitlicht. Man 
>unterscheidet noch zwischen Formaten und 
>Schnittstellen, aber die Grenzen zwischen 
>einzelnen Medien verschwinden. Im Netz 
>konvergiert, was zuvor getrennt war. Jedes Handy 
>ist ein kleiner Computer mit Online-Anschluss, 
>der sämtliche Sinne bedient. Medien sind passé.
>
>Was bleibt zu sagen? Medienkunst war eine 
>Episode. Da ihre Institutionen nicht vergehen, 
>lebt sie als Dinosaurier der 80er und 90er Jahre 
>weiter. Auf der anderen Seite hat Kunst 
>technologisch längst die meisten Grenzen 
>überwunden. Künstler arbeiten mit 
>beliebigen  Medien, von der Zeichnung bis zum 
>Internet. Als Gegenkultur zu den kommerziellen 
>Produkten der Netze und Medien nimmt Kunst nach 
>wie vor eine wichtige Position ein. Aber allein 
>technisch lässt sie sich auf den Begriff 
>bringen. Es gibt genug gute Kunst, die ganz 
>selbstverständlich Medien einsetzt. Aber es gibt keine Medienkunst.
>
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