Streng genommen ist ein 'Medium' mal jemand, der Schaum vorm Mund hat  
und von der Zukunft redet. Und, wo Künstler/innen sind, dort ist auch  
'Kunst'. Ich werd mir jedenfalls vom Stefan Heidenreich nicht den  
Durst vertreiben lassen - also bis morgen in Berlin!

Letz rock the place,
Stefan



Am 29.01.2008 um 00:33 schrieb das ende der nahrungskette:

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>> Subject: [rohrpost] Medienkunst gibt es nicht
>> Stefan Heidenreich
>>
>> _________________________
>>
>> Medienkunst gibt es nicht
>>
>> Mit der Transmediale beginnt morgen eines der
>> größten Festivals für 'Kunst und digitale
>> Kultur', nach wie vor als 'kultureller
>> Leuchtturm' gefördert. Die Leitung hat
>> gewechselt, ebenso die Bezeichnung - von
>> Medienkunst keine Rede mehr. Denn kaum ein
>> Künstler will sich noch Medienkünstler nennen. Was ist geschehen?
>> Ist die Medienkunst am Ende? Die Schwierigkeiten
>> beginnen schon beim Begriff 'Medien'. Über die
>> Jahre ist er so unscharf geworden, dass nur noch
>> wenige Dinge das Privileg besitzen, kein Medium
>> zu sein. Und Medienkunst? Es gibt viele
>> Künstler, die mit vielerlei Medien arbeiten.
>> Wenn man Malerei als ein Medium ansieht, findet
>> sich kein Künstler, der nicht in einem Medium tätig sein würde.
>>
>> Rückblickend stellt sich die Frage, wann und
>> warum von Medienkunst geredet wurde. Die  Sach-
>> und Interessenlage ist etwas kompliziert. Denn
>> es geht nicht nur um Kunst und Kunstwerke. Es
>> geht um die modernistische Idee der Avantgarde,
>> um Fördermittel und Innovationstöpfe, um Popkultur und Hochkultur.
>> Wie kommt es also dazu, dass niemand mehr
>> Medienkünstler sein will? Medienkunst ist kein
>> einschließender, sondern ein ausschließender
>> Begriff. Wer sich nicht einfach als Künstler,
>> sondern als Medienkünstler bezeichnet, ordnet
>> sich einer exklusiven Gruppe zu. Das lohnt sich
>> nur, solange diese kleine Exklusion einen
>> Mehrwert abwirft. Seit geraumer Zeit aber machen
>> die sogenannten Medienkünstler die traurige
>> Erfahrung, in mehr oder weniger unattraktiven
>> Nischen der Kunstwelt zu enden. Anstatt auf den
>> großen Messen und im internationalen Zirkus der
>> Biennalen zu reüssieren, versacken sie auf
>> Professorenstellen in der Provinz oder in der
>> Obhut halbindustrieller oder halbstaatlicher Institutionen.
>>
>> Springen wir an den Anfang der Geschichte. Die
>> meisten Dinge und Geräte, die man als  Medien
>> bezeichnet, brachte das 19. Jahrhundert hervor.
>> Der Beginn der Moderne fällt in dieselbe Zeit
>> wie die Erfindung der Fotografie. Und zwar nicht
>> ohne Grund. Denn damit verbindet sich ein
>> Ausschluss, der sich als wegweisend herausstellt
>> und für das eigenartige Verhältnis von Medien
>> und Kunst verantwortlich ist. Um 1860 gelingt es
>> den Malern, das Museum als ihren angestammten
>> Ort zu verteidigen. Fotografie findet dort
>> vorerst keinen Platz und damit auch keinen Platz
>> in der Kunst. Seitdem steht Kunst zu allen
>> Techniken der Reproduktion auf dem Kriegsfuß und
>> kann deren Erzeugnisse nur in limitierten
>> Auflagen ertragen. Das führt dazu, dass Preis
>> für Kunst sich nicht auf einem Markt
>> reproduzierbarer kommerzieller Massenprodukte
>> bildet, sondern in einem sehr diffizilen
>> Geflecht von Kennerschaft und Kunsthandel. Kunst
>> ist damit weitgehend unabhängig von neuen
>> Technologien der Reproduktion und Distribution, sprich von neuen  
>> Medien.
>>
>> Warum und wann also kamen die Medien zur Kunst
>> zurück, nachdem sie einmal ausgeschlossen waren?
>> Hier gibt es zwei verschiedene Geschichten, eine
>> der Sache und eine des Wortes. Einerseits kam es
>> immer wieder zu Einbrüchen neuer Technologien in
>> die Kunst. Andererseits geriet, und zwar
>> verhältnismäßig spät, der Begriff Medien in Gebrauch.
>> Dass die technischen Neuerungen der jüngeren
>> Zeit die Kunst nicht im Kern verändern, zeigt
>> der fortgesetzte Erfolg der alten Medien
>> Malerei, Zeichnung oder Skulptur. Es gibt keine
>> technischen Zwänge, wie man sie aus anderen
>> kulturellen Feldern wie Musik oder Film kennt.
>> Dort treten neue Medien an die Stelle der alten,
>> Reproduktionsverfahren und Distributionswege
>> müssen vollkommen neu erfunden werden. Nicht so
>> in der Kunst. Neue Medien sind ihr gegenüber
>> akzidentell. Man kann mit ihnen arbeiten, muss
>> aber nicht. Der Grund für den Einbruch neuer
>> Technologien in die Kunst liegt also nicht im Technischen. Wo dann?
>>
>> Kurz gesagt: im Neuen. Für die Kunst war das
>> Neue als eigenständiger Wert nicht immer so
>> wichtig wie im Zeitalter der modernen
>> Avantgarden. Doch in jüngster Zeit ist der
>> avantgardistische Impuls weitgehend versiegt.
>> Die Medienkunst war in gewisser Weise ein ebenso
>> verspäteter wie vergeblicher Weg, das Phantom
>> der Avantgarde zu reaktivieren. Den ersten und
>> durchaus erfolgreichen Versuch, neue Techniken
>> in der Kunst zu übernehmen, machen die
>> italienischen Futuristen. Vieles davon findet
>> Widerhall in den Avantgarden der 20er Jahre, vom
>> Konstruktivismus zum Bauhaus. Doch die neuen
>> Technologien fassen in der Kunst nicht wirklich
>> Fuß. Nach dem Weltkrieg dominiert wie eh und je Malerei.
>> Ein zweite Welle technischer Neuerungen kommt
>> parallel zu den sogenannten Massenmedien. Das
>> Verhältnis von Konzeptkunst zu Technologien hat
>> Sabeth Buchmann jüngst in ihrem Buch "Denken
>> gegen das Denken" detailreich untersucht.
>> Fotografie erreicht die Galerieräume als Mittel,
>> Performances oder Land-Art außerhalb der
>> Ausstellungsräume zu dokumentieren. Die
>> Kombination verschiedenster Medien macht der
>> Fluxus-Künstler David Higgins 1966 in seinem
>> Essay 'Intermedia' zum Thema. 1967 kommt unter
>> dem Namen Portapak die erste portable
>> Videokamera auf den Markt. Gerry Shums
>> Fernsehgalerie aus dem Jahr 1968 gibt der
>> Videokunst Raum. Einige Jahre zuvor lenkt
>> Marshall McLuhan mit seinem Buch 'Understanding
>> Media' eine größere öffentliche Aufmerksamkeit auf die Medien.
>>
>> Aber noch erlangt der Begriff keine Macht im
>> Umfeld der Kunst. Statt dessen spricht man von
>> Video, Technologie, Information oder dem
>> Elektronischen, das 1979 der Ars Electronica
>> ihren Namen verleiht. Erst Mitte der 80er Jahre
>> tritt der Begriff Medien in den Vordergrund.
>> Digitale Medien ersetzen die alten analogen
>> Technologien, allerorten ist von der Ankunft der
>> Neuen Medien der Rede. Mit dem Attribut neu
>> verbindet sich eine alte Hoffnung. Es birgt das
>> Versprechen einer Avantgarde. Neu sind nicht
>> länger nur die Wilden Maler der 80er, sondern
>> auch die Technologien. Aber im Gegensatz zu den
>> gut überlegten Positionen der Konzeptkunst führt
>> das neuerliche Vertrauen in die Technologien zu
>> einer Inflation von Banalitäten. Medienkünstler
>> plappern technophile Slogans von der Simulation
>> bis zum Virtuellen nach und verlieren sich in
>> haltlosen Experimenten an Schnittstellen und Computer-Kitsch.
>> Früchte trägt der dritte Einbruch des Medialen
>> auf institutioneller Ebene. 1990 wird die
>> Kunsthochschule für Medien in Köln gegründet,
>> 1999 folgt das Zentrum für Kunst und
>> Medientechnologie in Karlsruhe. Damit gehen
>> akademische Versuche einher, einen Kanon zu
>> formulieren und Medienkunst als Genre zu
>> etablieren. An den scheinbaren Erfolg der
>> Medienkunst will wenig später die Netzkunst
>> anknüpfen. Aber spätestens hier wird das Dilemma
>> offensichtlich. Den entscheidenden
>> technisch-kulturellen Innovationen hinkt die
>> Kunst hinterher. Das Internet wächst an
>> Forschungseinrichtungen und Universitäten, durch
>> Standardisierungen und Programmiersprachen und
>> nicht zuletzt mit dem kalifornischen
>> Schulterschluss von Investoren und
>> Entrepreneuren. So verliert die Medienkunst an
>> beiden Seiten. Weder prägt sie die Kultur der
>> Medien und noch erlangt sie innerhalb der
>> Kunstwelt eine Position von Bedeutung. Um es
>> drastisch zu sagen: viel kreative Energie wurde
>> dafür verschwendet,  Kunst mit den Medien zu
>> versöhnen, während man anderswo das Netz als
>> Programm und Ökonomie real verwirklichte.
>>
>> Heute ändert sich die Lage der Medien
>> dramatisch. Was sich im Verlauf des letzten
>> Jahrhunderts als Foto, Film, Video, Fernsehen,
>> Schallplatte, Radio und so weiter nebeneinander
>> entwickelt hat, wird von einer übergreifenden
>> digitalen Kultur vereinheitlicht. Man
>> unterscheidet noch zwischen Formaten und
>> Schnittstellen, aber die Grenzen zwischen
>> einzelnen Medien verschwinden. Im Netz
>> konvergiert, was zuvor getrennt war. Jedes Handy
>> ist ein kleiner Computer mit Online-Anschluss,
>> der sämtliche Sinne bedient. Medien sind passé.
>>
>> Was bleibt zu sagen? Medienkunst war eine
>> Episode. Da ihre Institutionen nicht vergehen,
>> lebt sie als Dinosaurier der 80er und 90er Jahre
>> weiter. Auf der anderen Seite hat Kunst
>> technologisch längst die meisten Grenzen
>> überwunden. Künstler arbeiten mit
>> beliebigen  Medien, von der Zeichnung bis zum
>> Internet. Als Gegenkultur zu den kommerziellen
>> Produkten der Netze und Medien nimmt Kunst nach
>> wie vor eine wichtige Position ein. Aber allein
>> technisch lässt sie sich auf den Begriff
>> bringen. Es gibt genug gute Kunst, die ganz
>> selbstverständlich Medien einsetzt. Aber es gibt keine Medienkunst.
>>
>>
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