Hi Michael,
Du hast eine wirklich interessante Sache aufgeworfen...
Am Dienstag, den 01.12.2009, 00:23 +0100 schrieb Michael Höhne:
> Hallo Christoph,
>
> > Und? Bildlich gesprochen stelle ich also eine Bekannte, die sich um ihre
> > zwei Kinder kümmert, dass sie sich mal ein paar Stunden einliest, um mal
> > eben einen Verwaltungsbrief zu schreiben. Okay, sie schafft es kaum
> > Alltagsdinge zu erledigen. Aber es lohnt sich total, wenn man nämlich
> > 2000 Dokumente pro Jahr erstellt. Tut sie gar nicht? Naja, egal.
>
> Ohne jetzt auf die Ganze restliche Diskussion einzugehen: Ist die Dame
> wirklich Zielgruppe einer _Textverarbeitung_ bzw. eines ganzen
> Office-Paketes?
Ich stelle zunächst mal eine Art rhetorische Frage zurück...
Welchen Anspruch hat das Projekt OpenOffice.org?
> Ich frage, weil ich ähnliches auf vielen privaten Rechnern sehe: Fast jeder
> Windows-Nutzer meint, er müsse _unbedingt_ ein MS-Office auf seinem Rechner
> haben (selbst wenn illegal). Schaut man sich an, was die Leute damit machen,
> dann würde in den meisten Fällen das Wordpad bestens ausreichen.
Du wirst mir vermutlich zustimmen, dass die Gründe für das "haben
wollen" vielfältig sind. Einerseits werden die Leute vom Marketing
überrollt ("das brauch man"), es gibt soziale Normen von außen ("haben
alle, also kann ich das auch (müssen)") und rein praktische Aspekte
("will alle Dokumente bearbeiten können").
Und selbst abseits davon: Es hat sich gezeigt, dass viele viele Anwender
nur einen Bruchteil der Funktionen nutzen. Allerdings - und das ist die
Crux - eben unterschiedliche. Das Dilemma, was wir mit Microsoft
teilen :-)
Das bedeutet, dass so gut wie niemand mit Wordpad und dessen Funktionen
auf mittelfristige Sicht glücklich sein wird. Mal schnell für den
Kindergarten 'ne Broschüre gestalten? Fehlanzeige. Außerdem wirken mit
diesen Programmen erstellte Dokumente aufgrund der einfachen Gestaltung
oft "unbeholfen" - warum wollte sich das jemand antun wollen? Dokumente
werden ja oft zum Weitergeben erstellt.
> Warum tun sich die Leute dann trotzdem so eine "Riesenteil" wie MS-Office
> oder
> OpenOffice.org an? Oder anders herum: Wenn man ein komplexes Werkzeug
> benutzen möchte, so geht es (meiner Meinung nach) nicht, ohne ein gewisses
> theoretisches Grundwissen. Warum muss eine Office-Paket dann auf Teufel komm
> raus für jeden Anfänger sofort problemlos zu handhaben sein?
Was ist das Office-Paket? Es ist ein Haufen von Funktionen für den einen
oder anderen Anwendungszweck. Ist es denn unbedingt erforderlich, dass
alles komplex ist?
Nehmen wir mal ein einfaches Beispiel. Jemand möchte mal eben schnell
einen formellen Brief an eine Versicherung schreiben und ein
Schadens-Bild einfügen (inklusive Beschnitt, auf Querformatseite).
Wie sieht das in OOo aus?
* Ähm, muss ich den Brief selbst erstellen?
* Standard-Vorlage? --> Gibt es nicht.
* Extension mit Vorlagen installieren? --> Kennen nur
wenige, erst Recht Einsteiger nicht. Der
Installationsprozess ist auch ziemlich verworren und
funktioniert auf einigen Plattformen nicht.
* Brief-Assistent? --> Schöner Ansatz, aber den kennt erst
recht keiner. Und die erstellten Briefvorlagen sind erst
recht halbgar (Schon mal versucht eine Handy-Nummer
statt einer Fax-Nummer einzufügen?)
* Bild einfügen --> Das bekommt man eigentlich noch hin, glaube
ich.
* Bild beschneiden --> Ob jemand den Zuschnitt wirklich im
Objekt-Dialog findet? Und auch wirklich zufrieden ist an
cm-Angaben rumzuspielen, bis es passt? Die Mini-Vorschau hilft
da wenig. Und wer jetzt noch das beschnittene Bild auf der
gleichen Tab-Seite sinnvoll skalieren will ... also nicht.
* Bild auf Querseite?
* Seite auf Querformat drehen. --> Sie gleicher Thread;
kann man als Einsteiger gleich ganz vergessen.
* Workaround: Bild auf einzelne Seite und um 90° drehen.
--> Tja, geht schon technisch gar nicht.
Ich höre hier mal auf. Sicher gibt es weniger komplexe Programme als
OpenOffice.org, aber wir haben wirklich noch Einiges zu tun. Auch
erfahrene Anwender werden solche Verbesserungen zu schätzen wissen.
Wenn wir dies verpassen / anders entscheiden, dann kann OpenOffice.org
maximal noch als Nischenprodukt positioniert werden. Über kurz oder lang
verlieren wir einen Teil der Anwender an die Konkurrenz - denn es gibt
Programme, die es einfach machen. Und, weniger Anwender für uns bedeutet
auch, dass sich die Pflege dieser (eigentlich großartigen) Software
weniger lohnt. Eine echt ungünstige Rückkopplung.
Aus meiner Sicht ist OOo aus technischer Sicht (z. B. die Logik hinter
den Seitenformatvorlagen) wirklich richtig gut - aber wer kommt auf den
Gedanken, dass diese Leistungsfähigkeit verfügbar ist, wenn man über
'nen Brief stolpert :-)
> Ich installiere auf praktischen allen Rechnern, die ich neu aufziehe auch OOo
> (schon wegen der Im/Export-Fähigkeiten). Bei Anfängern kommt aber oft noch
> ein schlichteres Schreibprogramm hinzu, damit derjenige/diejenige schnell zu
> Ergebnissen kommen und sich an die Arbeit mit "Schreibprogrammen" gewöhnen
> kann.
Die Idee finde ich grundsätzlich gut, aber eigentlich wünsche ich mir,
dass diese Leute bereits frühzeitig mit OOo in Kontakt kommen. Gründe
siehe oben.
> Gruß,
> Michael
Vielen Dank für die Diskussion und viele Grüße zurück!
Christoph
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