Hallo Christoph,
> Hi Michael,
>
> Du hast eine wirklich interessante Sache aufgeworfen...
>
> > Ohne jetzt auf die Ganze restliche Diskussion einzugehen: Ist die Dame
> > wirklich Zielgruppe einer _Textverarbeitung_ bzw. eines ganzen
> > Office-Paketes?
>
> Ich stelle zunächst mal eine Art rhetorische Frage zurück...
>
> Welchen Anspruch hat das Projekt OpenOffice.org?
Gute Frage... Ich hoffe doch mal, es soll ein möglichst gutes Werkzeug für
professionelle Anwender sein...
> > Ich frage, weil ich ähnliches auf vielen privaten Rechnern sehe: Fast
> > jeder Windows-Nutzer meint, er müsse _unbedingt_ ein MS-Office auf seinem
> > Rechner haben (selbst wenn illegal). Schaut man sich an, was die Leute
> > damit machen, dann würde in den meisten Fällen das Wordpad bestens
> > ausreichen.
>
> Du wirst mir vermutlich zustimmen, dass die Gründe für das "haben
> wollen" vielfältig sind. Einerseits werden die Leute vom Marketing
> überrollt ("das brauch man"), es gibt soziale Normen von außen ("haben
> alle, also kann ich das auch (müssen)") und rein praktische Aspekte
> ("will alle Dokumente bearbeiten können").
Die von dir angeführten Punkte sind sicher richtig. Leider entwickeln die
einzelnen Punkte eine gegenseitige Verstärkung: Einige Leute sind überzeugt
davon, eine bestimmte Software unbedingt zu brauchen. dann verschicken sie
die Dateien an andere, die dann ebenfalls "genötigt" werden, sich die
passende Software zulegen zu müssen,...
Nimm nun noch ein proprietäres Dateiformat hinzu und du weißt, wie Microsoft
zum heutigen Quasimonopol kam (das "Plattmachen" von Konkurrenten und
ähnliches nicht eingerechnet...
> Und selbst abseits davon: Es hat sich gezeigt, dass viele viele Anwender
> nur einen Bruchteil der Funktionen nutzen. Allerdings - und das ist die
> Crux - eben unterschiedliche. Das Dilemma, was wir mit Microsoft
> teilen :-)
Das ist jetzt wirklich eine spannenden Frage: Wenn man mal die erfahreneren
Benutzer außer Acht lässt: Sind die verwendeten Funktionen dann wirklich so
weit gestreut?
> Das bedeutet, dass so gut wie niemand mit Wordpad und dessen Funktionen
> auf mittelfristige Sicht glücklich sein wird. Mal schnell für den
> Kindergarten 'ne Broschüre gestalten? Fehlanzeige. Außerdem wirken mit
> diesen Programmen erstellte Dokumente aufgrund der einfachen Gestaltung
> oft "unbeholfen" - warum wollte sich das jemand antun wollen? Dokumente
> werden ja oft zum Weitergeben erstellt.
Hmmm... Einfache aber übersichtliche Gestaltung ist doch eigentlich
wünschenswert? Wenn ich mir viele Machwerke von Anfängern so anschaue, dann
bekomme ich oft "Augenkrebs"... Ist vielleicht etwas böse ausgedrückt, aber
ich ziehe eine schlichte Gestaltung die den Inhalt unterstützt vor. Ein
Dokument, in dem sich etliche Zeichensätze in diversen Größen und zig
unmotivierte Cliparts tummeln, ist nicht unbedingt meine Vorstellung von
professioneller Textgestaltung.
Und was das weiter geben angeht: Wer Word- oder Writer-Dokumente verteilt,
sollte zumindest eine Grundahnung haben, was das ggf. für den Empfänger
bedeutet: Selbst wenn derjenige das programm besitzen sollte, so fehlen ggf.
immer noch Zeichensätze...
Mal abgesehen davon, dass ein solchen Dokument von Empfänger beliebig
verändert werden kann, so dass der Versand als PDF die bessere Lösung wäre,
da es für nahezu jedes System ein Viewer zu haben ist.
>
> > Warum tun sich die Leute dann trotzdem so eine "Riesenteil" wie MS-Office
> > oder OpenOffice.org an? Oder anders herum: Wenn man ein komplexes
> > Werkzeug benutzen möchte, so geht es (meiner Meinung nach) nicht, ohne
> > ein gewisses theoretisches Grundwissen. Warum muss eine Office-Paket dann
> > auf Teufel komm raus für jeden Anfänger sofort problemlos zu handhaben
> > sein?
>
> Was ist das Office-Paket? Es ist ein Haufen von Funktionen für den einen
> oder anderen Anwendungszweck. Ist es denn unbedingt erforderlich, dass
> alles komplex ist?
Jein: Wenn ich ein "Schreibprogramm" suche, dann darf das ja durchaus schlicht
und simpel sein. Wenn ich aber eine Textverarbeitung suche, dann soll dort
aber auch das Grundprinzip der Texttypen bzw die Textauszeichnung im
Vordergrund stehen. Auch wenn mich das eigentlich nicht mehr erstaunen
sollte, finde ich doch immer wieder überraschend, wie viele Leute noch nie
von diesem Konzept gehört haben. Insbesondere wenn es gerade diejenigen sind,
die unbedingt "das neueste Office-Paket" haben wollen.
> Nehmen wir mal ein einfaches Beispiel. Jemand möchte mal eben schnell
> einen formellen Brief an eine Versicherung schreiben und ein
> Schadens-Bild einfügen (inklusive Beschnitt, auf Querformatseite).
>
> Wie sieht das in OOo aus?
> * Ähm, muss ich den Brief selbst erstellen?
> * Standard-Vorlage? --> Gibt es nicht.
> * Extension mit Vorlagen installieren? --> Kennen nur
> wenige, erst Recht Einsteiger nicht. Der
> Installationsprozess ist auch ziemlich verworren und
> funktioniert auf einigen Plattformen nicht.
O.K. Aber hier geht es um Vorlagen oder Beispiele. Das ist nicht direkt eine
Programmfunktion.
> * Brief-Assistent? --> Schöner Ansatz, aber den kennt erst
> recht keiner. Und die erstellten Briefvorlagen sind erst
> recht halbgar (Schon mal versucht eine Handy-Nummer
> statt einer Fax-Nummer einzufügen?)
Die Sache mit den Assistenten... Das ist noch mal ein ganz anderes Thema,
daher nur die Kurzform: Oft ließen sich die Teile vermeiden, wenn man
stattdessen vielleicht mehr Vorlagen einbauen würde. Spätestens wenn man
etwas mehr Ahnung hat, bekommt man ebenfalls ein Problem: Je genauer man
selber weiß, was man eigentlich haben möchte, desto weniger befriedigend,
sehen die Ergebnisse aus. Es ist ähnlich wie der Bedienung komplexer Systeme
mit eine GUI: Entweder ist die noch unübersichtlicher als die Bedienung per
Kommandozeile, oder sie zeigt nur einen Bruchteil der Möglichkeiten an...
> * Bild einfügen --> Das bekommt man eigentlich noch hin, glaube
> ich.
> * Bild beschneiden --> Ob jemand den Zuschnitt wirklich im
> Objekt-Dialog findet? Und auch wirklich zufrieden ist an
> cm-Angaben rumzuspielen, bis es passt? Die Mini-Vorschau hilft
> da wenig. Und wer jetzt noch das beschnittene Bild auf der
> gleichen Tab-Seite sinnvoll skalieren will ... also nicht.
> * Bild auf Querseite?
Sorry: Einspruch! Bilder bearbeiten ist für mich _keine_ Aufgabe eines
Office-Paketes. Abgesehen davon ist auch hier wieder eine gewisse
Grundkenntnis viel wichtiger. Ich kenne genug Leute, die eine 3000x4000 Pixel
große Grafik in eine 3x4 cm großes Rechteck zwingen und zwei Seiten weiter
eine 100x140 Pixel große Grafik als Seitenhintergrund möchten...
Auch bein Einfüger der Grafik gibt es ggf. ein Problem: Manche Benutzer (mein
Kollege und ich nennen diese Nutzergruppe "Layouter") erwarten, das ein Bild
an der Stelle "stehen bleibt" (also an der Seite verankert mit Seitenumlauf).
Andere Nutzer (die "Illustrierer") erwarten dagegen, dass sich das Bild mit
der Textstelle mitbewegt...
Wie soll man das lösen? Bei jedem Bild-Import einen Assistenten aufrufen? Beim
Start eine Art Dokumenten-Auswahl (Illustrierter Artikel vs Statisches
Layout)?
> * Seite auf Querformat drehen. --> Sie gleicher Thread;
> kann man als Einsteiger gleich ganz vergessen.
> * Workaround: Bild auf einzelne Seite und um 90° drehen.
> --> Tja, geht schon technisch gar nicht.
>
> Ich höre hier mal auf. Sicher gibt es weniger komplexe Programme als
> OpenOffice.org, aber wir haben wirklich noch Einiges zu tun. Auch
> erfahrene Anwender werden solche Verbesserungen zu schätzen wissen.
Ja und nein: Sicher kann man versuchen, den Zugriff auf diverse Dinge für den
unerfahrenen Benutzer zu verbessern. Aber für mich gilt das oben zum Thema
GUI gesagte. Ich sehe das sehr zwiespältig: Wenn eine Unmenge Features
eingebaut werden, um dem unerfahrenen Benutzer zu kurzfristigen
Erfolgserlebnissen zu verhelfen, dann könnte das Programmpaket ein
ziemlicher Brocken werden. Man vergleiche mal die 1.1.5 mit der 3.1...
Nun kann man sicher argumentieren, dass die Rechner ja immer leistungsfähiger
werden und der Plattenplatz ja auch nichts mehr kostet, aber das halte ich
persönlich für falsch. Manchmal wundere ich mich, was ich mit Finalwriter auf
dem Amiga so alles hinbekommen habe (z.T. nur durch heftiges Tricksen, aber
von der dabei gewonnenen Erfahrung zehre ich z.T. immer noch!)... Dabei war
das Programm lächerliche 5 MB (!) groß. Einige der Dinge kann dabei bisher
weder OOo noch MS-Office. Überspitzt könnte man sagen: Die Rechner haben
mittlerweile die 200-fache Geschwindigkeit, den 1000-fachen Arbeitsspeicher,
usw., aber als Heimanwender kann ich damit nicht unbedingt viel mehr
erreichen, als vor 20 Jahren. Nur eben viel hübscher, bunter und mit besserer
Bildschirmauflösung.
Auf der anderen Seite hatte der Zwang, sich etwas stärker mit den
Funktionsprinzipien von Hard- und Software bzw. den Grundlagen von
Computergrafik und Textverabeitung u.ä. beschäftigen zu müssen (Assistenten
gab's nicht, dafür gute Kurse in Computerzeitschriften), einen sehr
langfristigen Nutzen.
> Wenn wir dies verpassen / anders entscheiden, dann kann OpenOffice.org
> maximal noch als Nischenprodukt positioniert werden. Über kurz oder lang
> verlieren wir einen Teil der Anwender an die Konkurrenz - denn es gibt
> Programme, die es einfach machen. Und, weniger Anwender für uns bedeutet
> auch, dass sich die Pflege dieser (eigentlich großartigen) Software
> weniger lohnt. Eine echt ungünstige Rückkopplung.
Wenn aber andererseits OOo weiterhin ein Paket für Profis bleiben soll, dann
ist es doch aber auch kontraproduktiv, wenn man jetzt hunderte Assistenten
einbaut, Die Oberfläche "stylisch" aufpoliert und das klare Vorlagen-Konzept
durch chaotische Hartformatierung mit "Pinsel" ersetzt. Das bindet eine Menge
Resourcen und erweckt den Eindruck, man wolle Microsoft hinterher
programmieren.
> Aus meiner Sicht ist OOo aus technischer Sicht (z. B. die Logik hinter
> den Seitenformatvorlagen) wirklich richtig gut - aber wer kommt auf den
> Gedanken, dass diese Leistungsfähigkeit verfügbar ist, wenn man über
> 'nen Brief stolpert :-)
Hmmmm... Autopilot in alle Autos einbauen und Führerschein ab sofort ohne
Prüfung, wenn man 100 Stunden fehlerfrei mit Autopilot unterwegs war?
Das ist auch mein Problem, wenn ich mir den möglichen Ersatz der Menüs durch
Ribbons vorstelle. Damit der geneigte Benutzer, der (noch) keine Ahnung hat,
weiter kommt, wird ihm halt angezeigt, was er nun alles wollen könnte.
Als Hilfe für komplette Anfänger, könnten solche "Gatter" ja ganz nützlich
sein, aber als erfahrener Anwender bekomme ich allergische Anfälle, wenn ich
so gegängelt werden soll...
> > Ich installiere auf praktischen allen Rechnern, die ich neu aufziehe auch
> > OOo (schon wegen der Im/Export-Fähigkeiten). Bei Anfängern kommt aber oft
> > noch ein schlichteres Schreibprogramm hinzu, damit derjenige/diejenige
> > schnell zu Ergebnissen kommen und sich an die Arbeit mit
> > "Schreibprogrammen" gewöhnen kann.
>
> Die Idee finde ich grundsätzlich gut, aber eigentlich wünsche ich mir,
> dass diese Leute bereits frühzeitig mit OOo in Kontakt kommen. Gründe
> siehe oben.
Wie wäre es denn mit 2 Betriebsmodi: OOo-Basic mit möglichst vielen
Erleichterungen und Assistenten, die dem Anfänger die entsprechende Hilfe an
die Hand geben. Dazu einen Assistenten, der diverse Grundeinstellungen an
Beispielen zeigt und nach der gewünschten Vorgabe fragt. Für die Profis dann
einen Modus, in dem viele Assistenten ausgeschaltet werden können sowie die
Möglichkeit, diverse tiefer liegende Systemparameter einzustellen, die man
ggf. durch die Options-Dialoge nicht erreicht (s. about:config beim
Firefox!).
Möglicherweise könnte man das durch die Installation eines "Starter"-Moduls
erreichen, das der Profi deinstalliert oder deaktiviert.
Nur um das noch einmal klar zu stellen: ich stelle hier keinerlei
Forderungen... Mir ist klar, dass das OOo-Projekt oder dessen Sponsoren oder
wer auch immer letztlich die Akzente setzt! Möglicherweise bin ich nicht auch
nicht so repräsentativ für die von Ooo angepeilte Zielgruppe ;-)
Gruß,
Michael
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/ / / / /__/ Michael Höhne /
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