Guten Abend Michael,

ich finde die Diskussion echt entspannt. Trotzdem spare ich mir mal den
ersten Teil, weil André eigentlich schon alle Argumente vorgebracht hat,
denen ich mich auch bedient hätte :-)

Also spule ich mal vor ...

Am Freitag, den 04.12.2009, 00:46 +0100 schrieb Michael Höhne:
> [...]
> Auf der anderen Seite hatte der Zwang, sich etwas stärker mit den 
> Funktionsprinzipien von Hard- und Software bzw. den Grundlagen von 
> Computergrafik und Textverabeitung u.ä. beschäftigen zu müssen (Assistenten 
> gab's nicht, dafür gute Kurse in Computerzeitschriften), einen sehr 
> langfristigen Nutzen.

Hhm, eben das Wort "müssen" stört mich in Deiner Ausführung. Ich habe
auch ziemlich viel während der Benutzung einiger Office-Programme (oder
auch Spezialsoftware) gelernt. Aber die Realität ist halt, dass viele
Anwender dies gar nicht möchten - und trotzdem brauchbare Dokumente
erstellen wollen.

Oder im Unternehmensumfeld: Es gibt kaum eine Arbeitsstelle, bei der
Bürosoftware-Kenntnisse verzichtbar wären. Nur, eine vernünftige
Weiterbildung bietet kaum eine Firma an.

Das sind (zusätzliche) Randbedingungen, denen wir uns stellen sollten.
Die Alternative ist, dass sich die Konkurrenz drum kümmert. Und dabei
ziele ich nicht mal auf den üblichen Verdächtigen ;-)


> > Wenn wir dies verpassen / anders entscheiden, dann kann OpenOffice.org
> > maximal noch als Nischenprodukt positioniert werden. Über kurz oder lang
> > verlieren wir einen Teil der Anwender an die Konkurrenz - denn es gibt
> > Programme, die es einfach machen. Und, weniger Anwender für uns bedeutet
> > auch, dass sich die Pflege dieser (eigentlich großartigen) Software
> > weniger lohnt. Eine echt ungünstige Rückkopplung.
> 
> Wenn aber andererseits OOo weiterhin ein Paket für Profis bleiben soll, dann 
> ist es doch aber auch kontraproduktiv, wenn man jetzt hunderte Assistenten 
> einbaut, Die Oberfläche "stylisch" aufpoliert und das klare Vorlagen-Konzept 
> durch chaotische Hartformatierung mit "Pinsel" ersetzt. Das bindet eine Menge 
> Resourcen und erweckt den Eindruck, man wolle Microsoft hinterher 
> programmieren. 

Das klingt wirklich interessant, denn bisher habe ich weder das Wort
"Assistent" oder etwas wie "Formatierungspinsel" in den Mund genommen.
Und dennoch scheint der Hinweis auf "Verbesserung der Benutzung" bei
vielen Leuten diese Erwartung zu wecken.

Ich gehe da mal etwas genauer drauf ein. Der Formatierungspinsel ist z.
B. (aus meiner Sicht) einer der größten Fehler, den Microsoft (und
danach auch wir) gemacht haben. Aus meiner Sicht wurde damit ein
unzureichend benutzbares Konzept (Word hat ja auch Formatvorlagen) durch
eine weitere unzureichende Lösung ergänzt. Eben eine, bei der Anwender
kurzfristig Zeit sparen, aber eigentlich die Interna von (z. B.)
Textverarbeitungen gar nicht erst erfassen. Wir haben noch einen
draufgesetzt, indem wir neben Formatvorlagen, Formatvorlagen-Fülleimer
auch noch gepinselt haben. Eine echt dunkle Stunde :-)

Was wäre eine Alternative gewesen? Eine zentrale Stelle für
Formatvorlagen vorsehen, die Struktur des Stylisten verbessern (faktisch
besteht er aus ein paar nichtssagenden Icons und einer prallen Liste
Text), Dinge wie Live-Vorschau ergänzen und bessere Begriffe dafür
finden.

Was hat Microsoft nach dem Formatierungspinsel eingeführt (MSO 2003,
glaube ich)? Automatisch generierte Formatierungen, die gleichbedeutend
neben Formatvorlagen existieren. Eine eigentlich gute Idee, die - wenn
man wirklich nur auf Formatierungen schaut - gut funktioniert. Sie
verträgt sich leider bloß nicht mit der Realität und macht besonders in
Verbindung mit Verzeichniserstellungen viele Probleme. Das Konzept wird,
da gebe ich Dir Recht, völlig verdreht.

Der Vorteil den wir haben ist, dass wir von den Problemen Microsofts
lernen können. Aber ich persönlich habe nicht vor gute Konzepte zu
vermurksen ;-)

Noch ein Kommentar bitte: Es gibt kein "schlechtes" UI-Konzept, es gibt
nur schlecht zum Problem passende Lösungen. Assistenten sind eine super
Sache; für bestimmte Probleme.


> > Aus meiner Sicht ist OOo aus technischer Sicht (z. B. die Logik hinter
> > den Seitenformatvorlagen) wirklich richtig gut - aber wer kommt auf den
> > Gedanken, dass diese Leistungsfähigkeit verfügbar ist, wenn man über
> > 'nen Brief stolpert :-)
> 
> Hmmmm... Autopilot in alle Autos einbauen und Führerschein ab sofort ohne 
> Prüfung, wenn man 100 Stunden fehlerfrei mit Autopilot unterwegs war?
> 
> Das ist auch mein Problem, wenn ich mir den möglichen Ersatz der Menüs durch 
> Ribbons vorstelle. Damit der geneigte Benutzer, der (noch) keine Ahnung hat, 
> weiter kommt, wird ihm halt angezeigt, was er nun alles wollen könnte. 
> 
> Als Hilfe für komplette Anfänger, könnten solche "Gatter" ja ganz nützlich 
> sein, aber als erfahrener Anwender bekomme ich allergische Anfälle, wenn ich 
> so gegängelt werden soll... 

Ehrlich gesagt habe ich es noch nicht verstanden. Was genau erzeugt
allergische Anfälle? Wenn die Produktivität aller steigt? ;-)

Ich greife mir noch einmal das "Augenkrebs"-Problem heraus und gehe auf
unsere Farbverwaltung ein. Noch vor 5 Jahren hatten wir vielen
Programmen damit wirklich Einiges voraus - eine Palette für alle
Anwendungen. Mit benannten Farben, bei Bedarf austauschbar. Super.

Heute? Aus heutiger Sicht findet sich in der Palette eine Reihe von
Farben, die wie eine lineare Liste hintereinander hängen. Das Hinzufügen
einer Farbe  ist quasi eine Zumutung - ich sage nur "Dialog für Fläche".

Warum also nicht Paletten, die neben klassischen Markierungsfarben eine
farbharmonisch abgestimmte Auswahl mitbringen? Also z. B. sortiert nach
Zusammengehörigkeit - das reduziert einerseits die Augenkrebserzeugung
und andererseits auch den Aufwand für erfahrene Anwender. Denn diese
Zusammenstellung hätten sie doch ohnehin gewählt. Kein Assistent, kein
Formatierungspinsel. Einfach nur ein sinnvoller gestaltetes Werkzeug.

Das kann man weiterführen für Schriftauswahl, Cliparts, Diagramme,
automatische Organigrammfunktionen, ...


> > > Ich installiere auf praktischen allen Rechnern, die ich neu aufziehe auch
> > > OOo (schon wegen der Im/Export-Fähigkeiten). Bei Anfängern kommt aber oft
> > > noch ein schlichteres Schreibprogramm hinzu, damit derjenige/diejenige
> > > schnell zu Ergebnissen kommen und sich  an die Arbeit mit
> > > "Schreibprogrammen" gewöhnen kann.
> >
> > Die Idee finde ich grundsätzlich gut, aber eigentlich wünsche ich mir,
> > dass diese Leute bereits frühzeitig mit OOo in Kontakt kommen. Gründe
> > siehe oben.
> 
> Wie wäre es denn mit 2 Betriebsmodi: OOo-Basic mit möglichst vielen 
> Erleichterungen und Assistenten, die dem Anfänger die entsprechende Hilfe an 
> die Hand geben. Dazu einen Assistenten, der diverse Grundeinstellungen an 
> Beispielen zeigt und nach der gewünschten Vorgabe fragt. Für die Profis dann 
> einen Modus, in dem viele Assistenten ausgeschaltet werden können sowie die 
> Möglichkeit, diverse tiefer liegende Systemparameter einzustellen, die man 
> ggf. durch die Options-Dialoge nicht erreicht (s. about:config beim 
> Firefox!). 

Mir persönlich schwebt etwas ähnliches vor - OOo geht bereits leicht in
diese Richtung, allerdings noch etwas zu langsam und manchmal zu
inkonsequent. Ein vernünftiges Standardpaket, welches für 80% der
Aufgaben wirklich gut funktioniert (Aufgaben, nicht Funktionen). Und
zwar möglichst abseits von vordergründigen Dialogen und Assistenten;
möglichst viel direktes Manipulieren an den Objekten selbst.

Dieses Basispaket kann ruhig mein einer Handvoll wirklich genialer
Spezialfunktionen gesegnet sein - das zeigt einerseits die Mächtigkeit,
macht vielleicht Lust auf mehr und differenziert uns vom Wettbewerb. 

Dazu gibt es dann wirklich gute Extensions, die dann viel einfacher aus
einem Repository zu laden sein sollten. Mit einer minimal besseren
Software-Architektur sollte es dann auch einfacher sein Extension-
Entwickler zu begeistern.

Und der letzte Punkt: Ja, es gibt auch Ideen für ein about:config -
siehe nachfolgender Link. Allerdings bin ich leider nicht für Ressourcen
verantwortlich und kann daher nur Ideen zusammenstellen. (Bitte bei ein
paar Vorschlägen das eine Auge mal zumachen...).

Schaut mal nach dem "Improved Options One-Pager":
http://wiki.services.openoffice.org/wiki/User_Experience/Improved_Options


> Möglicherweise könnte man das durch die Installation eines "Starter"-Moduls 
> erreichen, das der Profi deinstalliert oder deaktiviert.
> 
> Nur um das noch einmal klar zu stellen: ich stelle hier keinerlei 
> Forderungen... Mir ist klar, dass das OOo-Projekt oder dessen Sponsoren oder 
> wer auch immer letztlich die Akzente setzt! Möglicherweise bin ich nicht auch 
> nicht so repräsentativ für die von Ooo angepeilte Zielgruppe ;-)


;-) Ich finde die Diskussion eigentlich mal ganz auflockernd, weil ich
ja so auch andere Argumente höre und für mich auch durchdenken kann.
Aber ich mache mich zunächst mal wieder etwas rarer, hier stapeln sich
sonst zu viele andere Sachen.

Viele Grüße,
Christoph



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