Am 02.08.2011 13:21, schrieb Michael Gattinger:
Am 02.08.2011 12:56, schrieb Andreas Köpf:
Weitaus schlimmer als die kleinen Unannehmlichkeiten an den Fingern,
fand ich allerdings die Rekonditionierung im Gehirn. Das
Auswendiglernen der Buchstabenebene geht systematisch mit einem
Tipptrainer innerhalb eines bzw. weniger Tage (wenn man jeden Tag
1-2h trainiert sollte das nach spätestens 3 Tagen sitzen). Dass man
sich im Kopf gemerkt hat wo die Tasten liegen und durch bewusstes
Abrufen dieser Informationen (meistens) den gewünschten Buchstaben
produzieren kann, heißt aber noch lange nicht, dass man damit im
Alltag vernünftig arbeiten könnte. Ich habe mich in den ersten zwei
Wochen fast gänzlich meiner Computer-Kommunikationsfähigkeiten
beraubt gefühlt, da ich mich auf einmal nicht mehr so schnell
ausdrücken konnte, wie ich es vorher gewohnt war. Die
Schreibgeschwindigkeit in den ersten Tagen einer Umstellung ist zum
verrückt werden - insbesondere wenn man vorher ohne große
Anstrengungen mit QWERTZ >400 Anschläge pro Minute getippt hat und
dann auf ein Niveau von 60 Anschlägen zurückfällt.
Meiner Meinung nach hast du da grundlegend etwas falsch gemacht: Du
"kannst" es erst, wenn du 120 Anschläge die Minute schaffst.
Es mag natürlich sein, dass es wissenschaftlich erwiesen bessere
Rekonditionierungsstategien gibt - aber so überlegt und strukturiert
gehe ich so etwas normalerweise nicht an. Und wenn ich mir die
Erfahrungsberichte aus dem Neo-Wiki ansehe, dürfte das bei vielen
anderen Nutzern nicht anders sein. Ich habe mir jedenfalls nicht mehrere
Wochen Zeit genommen stundenlang 'Trockenübungen' in Tipptrainern zu
absolvieren - das habe ich nur ein paar Abende im Urlaub gemacht, bis
ich langsam schreiben konnte. Zurück im Büro habe ich mich entschlossen
ins kalte Wasser zu springen und Neo2 zum Default-Layout zu machen.
Seitdem geht es mit der Tippgeschwindigkeit und gefühlten Sicherheit im
Umgang mit der Tastatur stetig bergauf. Insbesondere längere Sessions
mit einer Linux-Shell haben meine Fehlerquote deutlich reduziert und die
Tippgeschwindigkeit erhöht.
Ich kann nur für mich selbst sprechen: Meine initiale Motivation Neo2 zu
lernen war der Wunsch noch schneller und entspannter als mit QWERTZ
tippen zu können und eine gute Tastaturbelegung zum Programmieren zu
haben. Inzwischen habe ich realisiert, dass einiges an Zeit vergeht, bis
ein Layout mit maximaler Geschwindigkeit genutzt werden kann und mein
Hauptziel für die Umstellung nicht so schnell zu erreichen ist. Bis
jetzt beobachte ich bei mir aber eine langsame kontinuierliche
Steigerung. Ziemlich sicher hängt die Lernkurve aber von persönlichen
Fähigkeiten, Alter usw. ab und meine Erfahrungen müssen so nicht für
andere Leute gültig sein.
Wenn man Leute zum Schreiben mit Neo2 begeistern will, dann sollte man
ihnen am besten nicht die ganze Wahrheit auftischen - das schreckt nur
ab. Wenn ich vorher gelesen hätte, dass ich im Idealfall mehrere Wochen
täglich ein paar Stunden Neo lernen muss bevor ich es im Alltag
einsetzen kann, hätte ich eine Umstellung vermutlich nicht ernsthaft in
Erwägung gezogen. Gleiches gilt sicher für meine radikale Entscheidung
'im laufenden Betrieb' komplett auf Neo2 umzustellen und mit den
Produktivtätseinbußen am Anfang zu leben - das kann sicherlich nicht
jeder so machen, da evtl. der Chef im Dreieck springt.
Wenn du die Positionen auswendig lernst und es abrufen kannst aber bis
zur Ausführung 1 Sekunde brauchst dann ist das nicht das was du
brauchst. Du meinst du hättest es in 3 Tagen auswendig gelernt. Meiner
Meinung nach sitzt das ganze dann im Kurzzeitgedächtnis und vorallem
BEWUSST. Ziel sollte es doch sein das ganze ins Unterbewusstsein zu
befördern. So denkst du doch bei qwertz auch nicht nach welche Tasten
du drückt, sondern machst es einfach. Es sind halt die
Bewegungsabläufe, die bei qwertz im UNTERBEWUSSTSEIN gespeichert sind
und nicht die Positionen der Tasten. Die Positionen der Tasten
befinden sich m.M.n im bewussten Langzeitgedächtnis.
Ich bin da völlig deiner Meinung.
Meiner Meinung nach ist es der falsche Ansatz sich das in 3 Tagen
reinzukloppen. Vielmehr solltest du dir Lektionen suchen, bei denen du
Stück für Stück neue Buchstaben lernst. Du solltest frühestens dann
zur nächsten Lektion übergehen, wenn du 100 Anschläge die Minute
erreicht hast.
Ich vermute der Hauptpunkt, den du an meiner Herangehensweise
kritisierst und als 'grundsätzlich falsch' bezeichnest, ist meine
voreilige Nutzung des Layouts bei der täglichen Arbeit ohne es erst
nebenher über mehrere Wochen systematisch (z.B. abends) in einem
Tipptrainer bis zur Perfektion zu lernen. Klar könnte man das machen -
ob das der geeignetste Weg ist, hängt aber vmlt. von der jeweiligen
Persönlichkeitsstruktur ab. Ich bin nicht der Typ für eine so
strukturierte Herangehensweise.
Was das 'reinkloppen in 3 Tagen' angeht: Irgendwie muss man ja anfangen.
Wie lange es dauert bis man das Layout 'beherrscht' und ab welcher
Fehlerquote und Geschwindigkeit man ein Layout als gelernt betrachtet
ist sicherlich Definitionssache. Ich wollte mit meiner
Erfahrungsschilderung das berichten, was du auch ansprichst: Für ein
flüssiges Schreiben mit einem Tastaturlayout muss die Bedienung ins
Unterbewusstsein (die Neuronen vom Motorkortex umlernen) übergehen -
auch wenn man nach kurzer Anfangszeit blind die richtigen Tasten drücken
kann ohne auf ein Layout schauen zu müssen, ist man mit diesem Zustand
noch weit vom Hochgeschwindigkeitstippen entfernt. :)
Viele Grüße
Andreas (blueling)