Bezug:
Gesendet: Freitag, 10. Mai 2013 um 15:58 Uhr
Betreff: Re: [WISS-ORG] Systematisierung
 
Liebe Frau Dahlberg,
 
in einem früheren Beitrag haben Sie vehement eine Theorie der Wissensorganisation befürwortet, deswegen verstehe ich nicht, warum Sie meine zaghaften ersten Theoriebildungsschritte verdammen, die in der Sichtung des Materials und dessen tabellarische Erfassung unter systematischen verallgemeinernden Gesichtspunkten bestehen. Objekte kann man sowohl (1) nach Begriffen als auch (2) nach Prinzipien systematisch ordnen. Beide Fälle kommen in meiner Tabelle vor.
 
(1) Die Systematisierungsbeispiele wurden anhand von Begriffen geordnet; sie stehen in der ersten Zeile meiner Tabelle. Im Gegensatz zu Ihnen bestreite ich jedoch, dass man über Begriffsdefinitionen zu Begriffsinhalten kommen könne. Ich halte dafür, dass Begriffe nur auf kognitivem Weg zu gewinnen sind, und zwar über einen Abstraktionsvorgang aus Beispielen. Solch einen Vorgang hatte ich durch meine Beispiele in den einzelnen Spalten auszulösen gehofft. Man hätte dann z.B. bemerkt, dass ich unter einem Objekt und einer Systematisierung etwas sehr Allgemeines verstehe. Der “Reiz“ der Tabelle besteht eben darin, dass sich durch die Gegenüberstellung gewisse Ähnlichkeiten zwischen ganz unterschiedlichen Vorhaben offenbaren, z.B. dass sie alle nach dem gleichen Schema ablaufen. Aus solchen Ähnlichkeiten ergeben sich dann weitere Schlussfolgerungen. Dass eine Systematisierung nur über Begriffe gehen sollte und was Sie sonst dazu noch schreiben, entspringt, soviel ich verstanden habe, einer sehr einseitigen Vorstellung von Systematisierung.
 
Begriffsdefinitionen messe ich keine große Bedeutung bei. Ihr Wert ist begrenzt, denn sie sind in zweierlei Hinsicht willkürlich: Zum einen sind sie immer subjektiv, denn letztlich drücken sie nur den Kenntnisstand desjenigen aus, welcher die Definition aufstellt; zum anderen können sie nur durch Willkür dem sogenannten Münchhausen Trilemma entkommen.
 
(2) Das ist auch der Grund, warum man in den Wissenschaften solche Definitionen so gut es geht zu vermeiden sucht. Bei einer Systematisierung gelingt dies, indem man nicht nach Begriffen, sondern nach einem Prinzip ordnet wie etwa in Beispiel 4. Nach Ihrer Auffassung stellt das Periodensystem keine Systematik dar. Das können Sie natürlich so sehen, als Naturwissenschaftler vermag ich aber damit nichts anzufangen.
 
Viele Grüße
Peter Jaenecke

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